Christliches Großreich Indien?

Die Suche nach dem Wunderreich des Presbyters

Auf der Suche nach dem Reich des Sagen umwobenen Johannes beschäftigen sich Forscher mit Details aus seinem Schreiben. Sie wollen die Region einkreisen, über die der Presbyter einst herrschte.

Untersuchung der Thomas-Akte Quelle: ZDF

Die wichtigste Information: Sein unbekanntes Land erstreckte sich vom jenseitigen Indien, in dem der Leib des Apostels Thomas ruht, über die Wüste hinweg bis zum Aufgang der Sonne und im Westen bis zum verlassenen Babylon - dem berühmten Ort aus der Bibel. Das waren nicht mehr als vage Angaben - mit Ausnahme des heiligen Thomas. Die Figur aus dem Neuen Testament legte den Finger in die Wundmale von Jesus, weil der Jünger nicht glauben konnte, dass der Messias auferstanden war.

Untersuchung der Thomas-Akte am Computer Quelle: ZDF

Im Land der tausend Wunder

"Im jenseitigen Indien" soll der heilige Thomas ruhen, heißt es. Davon steht zwar nichts in der Bibel. Aber dafür berichtet eine andere Quelle über seine Reise auf den Subkontinent: die Thomasakte. Sie ruht in der Universitätsbibliothek Darmstadt und ist ein apokrypher Text aus dem frühen dritten Jahrhundert. Für Wissenschaftler sind die verborgenen Schriften eine Fundgrube, da sie zusätzliche Informationen zur Bibel überliefern. So auch in diesem Fall: Das Dokument erzählt ausführlich, wie und warum Thomas ins Land der tausend Wunder kam. Die Geschichte stimmt mit Angaben aus dem Brief des Priesterkönigs überein.

Im Neuen Testament steht, dass Jesus seine Jünger auffordert, in alle Welt zu ziehen und das Wort Gottes zu verkünden. Die Geheimakte verrät aber noch mehr: Demnach soll der Apostel nach Indien gehen, um dort zu missionieren. Aber Thomas weigert sich. Jesus verkauft ihn daraufhin an einen Menschenhändler, der ihn als Sklaven auf die Reise nach Osten mitnimmt. So erfüllt Thomas doch noch seinen Auftrag, denn er bekehrt zahlreiche Menschen zum christlichen Glauben.

Eindeutige Spur nach Indien

Das Wirken des Missionars in der Ferne kannte auch Papst Alexander. Daher war es kein Wunder, dass der Würdenträger das Schreiben des Presbyters für bare Münze nahm. Immerhin lieferte der Brief auch geographische Fakten, auch wenn sie spärlich ausfielen. Auf der Suche nach dem Reich des Johannes führt eine Spur eindeutig nach Indien. Die kleine Kirche in Chennai, dem ehemaligen Madras, ist dabei nur eine von vielen christlichen Gemeinden auf dem Subkontinent. Seit vielen Jahrhunderten verehren die Gläubigen den Wanderprediger Thomas. Überall prangt das Bildnis des populären Heiligen.

Thomas-Kathedrale Quelle: ZDF

Am Rand der Stadt ragt eine Kathedrale zum Himmel empor. Sie trägt sogar den Namen des frommen Mannes. Das monumentale Gotteshaus aus dem 19. Jahrhundert erhebt sich über dem vermeintlichen Thomas-Grab. Der Legende nach erlitt der Mann aus Palästina 72 nach Christus an jenem Ort sein Martyrium. Doch nirgendwo in Madras existieren archäologische Beweise, dass Thomas tatsächlich die frohe Botschaft nach Indien brachte, noch, dass er dort den Tod fand. Vielmehr vermuten Forscher eine spätere Verbreitung der Lehre Jesu im Land der tausend Götter. Die Gebeine in dem gläsernen Sarg jedenfalls halten die Experten nicht für echt.

Viel weiter östlich

Fest steht: Ein christliches Großreich Indien hat es im Mittelalter nicht gegeben. Die Befreiungsarmee des Johannes kann nicht von dort in Richtung Jerusalem ausgerückt sein, um den Kreuzrittern zu Hilfe zu eilen. Da die Ebstorfer Weltkarte das Reich des Priesterkönigs am äußersten Rand der bekannten Welt ansiedelt, muss es also viel weiter östlich, möglicherweise im fernsten Asien zu suchen sein.

Aufgebahrter Leichnam von Alexander III Quelle: ZDF

Am 30. August 1181 stirbt Papst Alexander III. Sechzehn Jahre lang wartete er vergeblich auf das Aufgebot des Presbyters. Die Einlösung des Versprechens durch den mysteriösen Herrscher blieb eine unerfüllte Hoffnung. So weiß auch niemand, ob der Kirchenfürst irgendwann an dem Wunderkönig gezweifelt hatte. Oder ob er fürchtete, die Kreuzritter selbst hätten den Brief lanciert. Der Drahtzieher könnte auch sein Widersacher Friedrich Barbarossa gewesen sein. Vielleicht ließ er das Schreiben sogar an seinem Hof herstellen.

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