Dan Brown und die Kirche der Rätsel

Rosslyn Chapel ist heute Pilgerstätte und Sehnsuchtsort

Die Tempelritter errichten nur wenige Kilometer von Edinburgh entfernt am Fluss South Esk ihr Hauptquartier. Das Dorf trägt heute den bezeichnenden Namen Temple. Von dort ist es nicht mehr weit bis Rosslyn Chapel, Pilgerstätte von Verschwörungstheoretikern und Esoterikern und Sehnsuchtsort für alle, die überzeugt sind, dass die offizielle Geschichtsschreibung im Namen der Mächtigen eine tiefere Wahrheit unterdrückt.

Im Durchschnitt besichtigen 130.000 Besucher jährlich das nur 21 Meter lange und ungefähr halb so breite Kirchlein, dessen Anziehungskraft zu einem Gutteil auf ein paar Sätzen beruht, die der Autor Dan Brown in seinem Millionen-Bestseller "Sakrileg" zum Besten gibt: "Die Nachfahren der Tempelritter hatten Rosslyn Chapel als genaues architektonisches Abbild von Salomos Tempel in Jerusalem entworfen – samt ( … ) der unterirdischen Kammer mit dem Allerheiligsten, aus der die neun ursprünglichen Tempelritter ihren unermesslichen Schatz geborgen hatten."

Mysteriöse Umwandlung in einen Geheimbund

Ritter, Schätze, dunkle Gewölbe: keine Frage, Dan Brown kennt die Vorlieben seiner Leser. Rosslyn Chapel ist in der Tat eines der merkwürdigsten sakralen Gebäude der Christenheit. Der letzte Prinz der sturmumtosten Orkney-Inseln, Sir William St Clair, lässt sie erbauen. Grundsteinlegung ist im Jahr 1446. Obwohl nur ein Drittel so groß wie ursprünglich geplant, dauert es vierzig Jahre, um Rosslyn Chapel zu dem zu machen, was es heute in den Augen vieler Menschen ist: steinerner Beweis für die mysteriöse Umwandlung des Templerordens in einen Geheimbund, in die Logen der Freimaurer.

Sir William St Clair ist nicht nur der Bauherr, sondern einer Chronik aus dem Jahr 1700 zufolge quasi auch der Baumeister von Rosslyn Chapel. Erst holt er «Handwerker aus allen Regionen und ausländischen Königreichen» nach Schottland. Dann koordiniert er persönlich die Planung und Ausführung der Steinmetzarbeiten. Ein Text aus dem Jahr 1697 feiert die Herren von Rosslyn als große Bauherren: "Die Lairds von Roslin waren grosse Architecten und Förderer der Baukunst durch mehrere Zeitalter. Sie sind verpflichtet, das Maurerwort anzunehmen, das ist ein Erkennungszeichen, mittels dessen die Maurer der ganzen Welt einander erkennen."

Überbordende Ornamentik

Säule in Rosslyn Chapel
Die so genannte Lehrlingssäule in der Rosslyn Chapel

Die Steinmetzarbeiten in der Rosslyn-Kapelle sind einzigartig in ihrer Qualität und ihrer Formenfülle. Sir William St Clair errichtete jedoch ein "Gesamtkunstwerk", dessen sakraler Zweck auf seltsame Weise hinter der überbordenden Ornamentik und den Unmengen an Skulpturen zu verschwinden scheint. Erstaunlich viele der Steinmetzarbeiten haben mit dem christlichen Glauben wenig bis gar nichts zu tun. So gibt es nicht nur über hundert Darstellungen des keltischen Fruchtbarkeitssymbols "green man" (nach einer anderen Theorie ist es das Abbild des von den Templern angebeteten Götzen Baphomet). Es gibt auch Steinarbeiten, die Einblicke in Freimaurerriten geben, wie die extrem verwitterte Darstellung eines mit einer Augenbinde und einem Strick um den Hals versehenen Mannes, der von anderen Männern geführt wird – ein Aufnahmeritual.

Außerdem zu entdecken: Engel, die freimaurerische Erkennungszeichen tragen. Und mit der prunkvoll von oben bis unten mit Ornamenten versehenen sogenannten Lehrlingssäule verbindet sich folgende Geschichte, die als möglicher Ursprung der freimaurerischen Legende um Salomons Architekten Hiram Abiff gilt: "Während des Baues der Kapelle von Roslin stellte sich heraus, dass der Plan eines Pfeilers, dessen Riss in Rom aufbewahrt wurde, verloren war. Der Baumeister reiste daher nach Rom, denselben zu holen. Inzwischen hatte aber ein geschickter Lehrling einen Pfeiler ausgehauen, und dieser hatte den Brüdern so gut gefallen, dass sie ihn an der offenen Stelle sofort aufstellten. Als der Baumeister, von Rom zurückgekehrt, diesen Pfeiler sah, ward er von Zorn und Eifersucht so übermannt, dass er den Lehrling totschlug. Der Lehrling war der Sohn einer Witwe, der Meister aber verfiel dem Tod durch Henkershand."

Freimaurerische Symbole

All dies scheinen beeindruckende Indizien für eine bisher ungeschriebene freimaurerische "Frühgeschichte" zu sein: Rosslyn als Urzelle – inklusive templerischer Vorgeschichte. Doch der Schein trügt: Die Kapelle wurde im 15. Jahrhundert gebaut. Die frühesten Aufzeichnungen über schottische Freimaurerlogen modernen Zuschnitts datieren aber aus dem späten 16. Jahrhundert. Wie passt die Bauzeit der Kapelle also mit all den freimaurerischen Steinmetzarbeiten und Legenden zusammen? Die Antwort liefert der Baustoff, aus dem Rosslyn Chapel erbaut wurde: Es ist Sandstein. Gut zu bearbeiten, aber nicht besonders haltbar. James St Clair-Erskine, dritter Earl of Rosslyn, beauftragt um das Jahr 1860 herum einen Architekten namens David Bryce, das Innere der Kirche zu restaurieren. Doch der Architekt belässt es nicht bei Reparaturen. Denn Bryce ist Freimaurer – und sieht es als legitim an, den rätselhaften Symbolen Rosslyns noch ein paar eindeutig freimaurerische hinzuzufügen.

Auch die Legende vom Baumeister, der seinen talentierten Lehrling umbringt, ist vermutlich nicht steinalt. Dass sie es sei, behauptet im 17. Jahrhundert der Gelehrte Sir Robert Sibbald. Sibbald ist jedoch nicht nur ein Mann der Wissenschaft, sondern auch dem Okkultismus und der Freimaurerei eng verbunden. Das macht seine Aussagen nicht gerade glaubhaft. Die Frage, warum Freimaurer zu solchen Mitteln greifen, um sich authentisch zu machen, ist schnell geklärt: Als die Freimaurerei eine europäische Bewegung wird, sucht sie nach historischen Wurzeln. Sie sollen der Bewegung Patina verleihen, sie weniger angreifbar machen. Was alt ist, ist wichtig. Und im Falle der Freimaurer kann es gar nicht alt genug sein. Denn Gegner haben die Logen von Anfang an. Einige davon sind ebenso mächtig wie unerbittlich.

    31119364

    Dieser Artikel entstammt dem Begleitbuch "Geheimbünde - Freimaurer und Illuminaten, Opus Dei und Schwarze Hand" von Gisela Graichen und Alexander Hesse, erschienen im rowohlt Verlag (2013).

Datum:

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet