Darwins Doppelleben

Selbsbewusster Naturforscher mit blasphemischen Gedanken

Nach knapp fünf Jahren auf der Beagle kehrt Charles Darwin im Oktober 1836 nach England zurück. Darwin war mit Gauchos durch die argentinische Pampa gezogen, war Wilden begegnet und hatte zu Fuß die Anden überquert. Aus dem ziellosen, unsicheren jungen Theologiestudenten ist ein selbstbewusster Naturforscher geworden. Darwin wird in seiner Heimat zur Attraktion.

Darwin hält einen Vortrag Quelle: ZDF
Darwin erfährt gesellschaftliche Anerkennung Quelle: ZDF

Unter dem Zuspruch seines Bruders Erasmus hält der inzwischen 28-jährige Darwin seinen ersten wissenschaftlichen Vortrag vor den Mitgliedern der ehrwürdigen Royal Geological Society. Er führt den Nachweis, dass sich die südamerikanische Landmasse langsam hebt. Seine Beweise sind Meerestiere, die er in Chile weit oberhalb des Meeresspiegels gefunden hat. Das muss Millionen von Jahren gedauert haben. Wird man begreifen, was das für die biblische Geschichte von der Entstehung der Welt bedeutet - und für die damalige Vorstellung, die Erde sei vor nur wenigen tausend Jahren entstanden? Darwin ist nervös. Doch die Wissenschaftsgemeinde ist beeindruckt. Der naturwissenschaftliche Amateur, hat sich als ebenbürtiger Kollege erwiesen.

Hilfe von Experten

Noch wichtiger ist Darwin jedoch, seine Sammlungen von der Reise - Fossilien, Pflanzen, Fische und Reptilien - namhaften Forschern zu übergeben. Er ist kein Spezialist, er braucht die Hilfe von Experten. Ein Glücksfall, dass er den renommierten Ornithologen John Gould für die Auswertung seiner Vogelsammlung gewinnen kann. Er ist ein Meister seines Fachs. Er macht Darwin klar dass die Vögel von den Galapagosinseln, die er für Zaunkönige, Drosseln und Kernbeißer gehalten hatte, allesamt Finken sind. Im Grunde unterscheiden sich nur ihre Schnäbel.

Kann es sein, fragt sich Darwin, dass sich diese Finken aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben? Dass sich die eine Finkenart, die es vom amerikanischen Festland auf das Galapagos-Archipel verschlagen hatte, in verschiedene Arten auseinander entwickelt hatte - durch Anpassung an die unterschiedlichen Lebensbedingungen auf diesen Inseln? Heute wissen Forscher, dass es tatsächlich so war: dünnere und lange Schnäbel entwickelten sich, um Insekten aus Holz zu picken - kurze und harte für das Knacken von Samen oder Früchten. So stellten sich die Tiere auf das Nahrungsangebot ihrer Umgebung ein. Jene, die sich am besten anpassen können, haben die größten Chancen zu überleben. Die anderen sterben aus.

Auszug aus Darwins Aufzeichnungen "I think" Quelle: ZDF

Ketzerische Fragen

Darwin beginnt, ein Doppelleben zu führen. Nach außen hin etabliert er sich als Zoologe und Geologe in der konservativen Wissenschaftswelt. Doch in ihm rumoren ketzerische Fragen: Waren die Fossilien, die er gefunden hatte, die Finken die sich auseinanderentwickelt hatten, nicht ein klarer Beweis gegen die christliche Vorstellung von der Unveränderlichkeit der Arten? Wo wäre da Platz für einen Schöpfergott? Blasphemische Gedanken, die er niemandem mitteilen darf, sein Ruf wäre ruiniert. Im Jahr 1837 bringt er die wohl revolutionärste Ideenskizze der Geschichte zu Papier. "I think" - "Ich denke" ist sie überschrieben. Darunter zeichnet er den Prototypen eines Stammbaums vom Leben. Seine Theorie: Ein Urahn, sich auseinander entwickelnde Arten, Spezies, die stehen bleiben, aussterben, und solche, die sich immer weiter entwickeln.

Darwins Privatleben verläuft nach der Rückkehr von der Expedition in geregelten Bahnen. Er zieht sich von der hektischen Großstadt London aufs Land zurück. Zuvor har er seine Cousine - Emma Wedgwood - geheiratet. Im Jahre 1950 hat er bereits mehrere Bücher veröffentlicht und ist Vater von sieben Kindern. Die Darwins müssen sich keine Sorgen machen: aus zwei wohlhabenden Familien stammend, verfügt sie über ausreichend Vermögen, so dass Darwin in Ruhe seinen Forschungen nachgehen kann. Er könnte zufrieden sein. Doch in seinem Innern quälen ihn weiter ketzerischen Fragen.

Darwin spielt mit seinen Kindern im Garten Quelle: ZDF

Welt von Monologen und Grübeleien

Hinter der Fassade eines respektierten Gelehrten spinnt Darwin seine wichtigste Idee weiter, die er nur zwei Freunden anvertraut hat. Unermüdlich sucht er nach weiteren Beweisen für seine Theorie der Evolution, die alles bisher über die Natur Gedachte in Frage stellt. Er hat sich in eine einsame Welt von Monologen und Grübeleien begeben. Eine rätselhafte Krankheit, die ihn seit der Reise mit der Beagle begleitet, verschlimmert sich ständig. Einzig seine Kinder geben seinem Leben etwas Leichtigkeit. "Er war der wunderbarste Spielkamerad" werden sie sich später erinnern.

Darwin mit seiner kranken Tochter Quelle: ZDF

Doch etwas trübt das Glück der Familie: Darwins Lieblingstochter Annie ist an einem schweren Fieber erkrankt. Über Monate protokolliert Darwin jeden Tag und jede Nacht den Zustand seiner ältesten Tochter. Er kontaktiert alle möglichen Experten - keiner kann helfen. Innerhalb weniger Wochen ist Annie so schwach, dass sie schließlich 1851 stirbt. Plötzlich bekommt der "Kampf ums Dasein" für Darwin eine persönliche, tragische Dimension. Ist Annie nicht ein "Opfer der Evolution" - und er selbst schuld an ihrem Tod, weil er seine eigene Cousine geheiratet, und seine schwache Konstitution an seine Kinder vererbt hat? Wenn es einen Gott gibt - Wie kann er zulassen, dass ein so unschuldiges Wesen stirbt? Der Glaube seiner Frau an Gott ist dagegen ungebrochen. Sie fürchtet vielmehr, dass der Unglaube ihres Mannes sie im Jenseits trennen wird.

"Kampf ums Dasein"

Pilzkultur Quelle: ZDF

Darwin tröstet seine alte Gewohnheit, die zur Obsession geworden ist: die Erforschung der kleinsten Objekte der Natur. Durch das Studium von Pilzen, Früchten und Vögeln will er endlich unbestreitbar klären: Was sind Variationen, Artenveränderungen? Wodurch unterscheiden sie sich? Wie sind sie entstanden? Unermüdlich holt er Informationen ein: auch bei Tierzüchtern. Er will wissen, wie sich Tiere in verschiedene Arten aufspalten. Ihm wird klar: die Merkmale, die der Züchter bevorzugt, setzen sich im Lauf mehrerer Generationen durch. In der Natur muss es ähnlich sein - nur dass da der "Kampf ums Dasein" der Züchter ist.

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