Das Bernsteinzimmer

Auf der Suche nach dem verschollenen Kabinett

Die größte und kostbarste Kuriosität aus Bernstein leistet sich Anfang des 18. Jahrhunderts Preußenkönig Friedrich I. Kurz nach seiner Krönung in Königsberg gibt er 1701 den Auftrag für das Bernsteinzimmer, dessen Verbleib bis zum heutigen Tag eine stattliche Anzahl von Schatzjägern um ihren Schlaf und teilweise auch um ihr Vermögen gebracht hat.

Friedrich ist ein großer Kunstliebhaber. Er verwandelt das provinzielle Berlin in eine prachtvolle Residenzstadt und macht sich selbst mit dem “achten Weltwunder“ ein großes Geschenk. Noch nie zuvor war ein Zimmer ganz aus Bernstein gestaltet worden. Das Bernsteinkabinett soll eine Weltneuheit werden. Genau das Richtige für einen König, der nach Geltung strebt.

Teuerste Tapete der Welt

Zehn Jahre schnitzen verschiedene Bernsteinmeister, zunächst Gottfried Wolfframm aus Kopenhagen, später Ernst Schacht und Gottfried Turau aus Danzig, an der teuersten Tapete der Welt. Es entstehen filigrane Figurchen, Ornamente, üppig verzierte Rahmen und Leisten. Die versierten Handwerker bringen dabei die raffiniertesten Techniken der Bernsteinkunst zum Einsatz wie etwa das Verfahren der Inkrustation, bei dem zuvor farblich veränderte oder durch Erhitzen geklärte Bernsteinplättchen auf Folien und Spiegeln zu prachtvollen Mosaiken zusammengefügt werden. Die wertvolle Wandvertafelung ziert schließlich das Tabakzimmer im dritten Geschoss des Berliner Schlosses.

Allerdings nur für kurze Zeit, denn anders als sein Vater kann Friedrich Wilhelm I., der 1713 den Thron besteigt, den Bildenden Künsten nichts abgewinnen. Auch das Prunkstück seines Vaters, das Bernsteinkabinett, lässt ihn kalt. Den Unterschied zwischen ihm und seinem Vater soll Friedrich Wilhelm mit folgenden Worten zusammengefasst haben: “Mein Vater fand Freude an prächtigen Gebäuden, großen Mengen an Juwelen, Silber, Gold und Möbeln und äußerlicher Magnifizenz – erlauben Sie, dass ich auch meine Vergnügen habe, das hauptsachlich in einer Menge Truppen besteht.“

Diplomatischer Handel

Friedrich Wilhelm I. von Preußen, auch bekannt als der "Soldatenkönig".
Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig" Quelle: dpa

Entsprechend dieser Einstellung opfert er auch das Bernsteinzimmer, das Kleinod seines Vaters, seinem Vergnügen, der Erweiterung der Armee. Als der russische Zar Peter I. 1711 Friedrich Wilhelms Vater in Berlin besucht, soll Peter den Wunsch geäußert haben, ein solches Kabinett zu besitzen. Diesen Wunsch nutzt Friedrich Wilhelm wenige Jahre später für einen diplomatischen Handel. Als Zeichen seiner Freundschaft und um das Bündnis gegen den gemeinsamen Feind Schweden zu festigen, schenkt der Preußenkönig dem russischen Zaren 1716 das Bernsteinkabinett mitsamt Mobiliar sowie eine prachtvolle Yacht. Im Gegenzug erhält der “Soldatenkönig“ für sein Leibbataillon 55 “lange Kerls“, mit einem Gardemaß von mindestens 6 Fuß, umgerechnet 188 Zentimetern. In den folgenden Jahren werden noch weitere 300 großgewachsene Grenadiere nach Preußen entsandt. “Menschengeschenke“ in Gestalt von Soldaten waren zu dieser Zeit ein übliches und überaus pragmatisches Präsent unter Monarchen.

Anfang des Jahres 1717 verlässt das Bernsteinzimmer, sorgsam verstaut in 18 Kisten, Berlin in Richtung St. Petersburg. Der König von Preußen, bekannt für seine Knauserigkeit, sorgt weder für warme Kleidung noch für die Versorgung des Geleitschutzes des Konvois. In St. Petersburg angekommen, dauert es Jahre, bis die einzigartige Vertafelung in vollem Glanz erstrahlt. Zar Peter erlebt die Fertigstellung nicht mehr.

Honiggelber Schatz

Das Bernsteinkabinett wird zunächst im neu errichteten Winterpalais aufgebaut. Da die schimmernden Steine dort wohl unter Zugluft leiden, entschließt sich Peters Tochter Zarin Elisabeth Petrowna 1755, das Bernsteinkabinett in den Palast Zarskoje Selo (zu deutsch: Zarendorf), die Sommerresidenz des Zaren, zu überführen. Mehrere Dutzend Soldaten tragen den honiggelben Schatz eigenhändig zu dem 25 Kilometer entfernten Lieblingsschloss der Regentin, weil diese befürchtet, dass die zart gearbeiteten Verkleidungen bei einem Transport mit Wagen Schaden nehmen konnten. Da der für das Bernsteinkabinett anvisierte Raum größer ist als die gelieferte Verkleidung, wird das prachtvolle Kunstwerk unter dem Architekten Francesco Bartolomeo Rastrelli von fünfzig auf hundert Quadratmeter Fläche mit neu geschaffenen Bernstein-, Gold- und Spiegelelementen erweitert. Über 200 Jahre schmückt das Meisterwerk aus Bernstein die Wände im Sommerpalais – bis zum Zweiten Weltkrieg.

Der Krimi rund um das Bernsteinzimmer beginnt im besetzten und schwer umkämpften Leningrad (wie St. Petersburg von 1924 bis 1991 hieß). In einer konzertierten Aktion rauben Soldaten der Deutschen Wehrmacht im September 1941 das Bernsteinzimmer aus dem Zarenpalast und bringen es sorgfältig verpackt nach Königsberg. Dort baut der Direktor des Königsberger Schlosses und der dortigen Kunstsammlung, Dr. Alfred Rohde, das Bernstein-Wunder fur die Königsberger Bevölkerung auf. Es wird das letzte Mal sein, dass das Bernsteinzimmer zu besichtigen ist, denn kurze Zeit später verschwinden die edlen Vertafelungen zu ihrem Schutz wieder in Kisten. Rohde verstaut das verpackte Bernsteinzimmer im Keller des Schlosses.

Die Spur verliert sich 1944

Am 27. August 1944 wird Königsberg bombardiert und fast vollständig zerstört. Ab da verliert sich die Spur des Bernsteinzimmers, es entsteht ein Gewirr von widersprüchlichen Angaben und Aussagen, an denen sich bis heute Historiker die Zahne ausbeißen. Noch immer ist ungeklärt, ob die Kisten bei der Bombardierung im Schloss verbrannt sind, bei der Evakuierung auf einem Schiff gesunken oder noch rechtzeitig an anderer Stelle sicher versteckt worden sind. Die unterschiedlichen Indizien und Vermutungen beflügeln seit Kriegsende Heerscharen von Schatzjägern. Viele sind fest überzeugt, just an ihrem Heimatort das Versteck des Bernsteinzimmers gefunden zu haben – bislang ohne Beweis.

Längst erstrahlt eine Rekonstruktion in Zarskoje Selo in eigenem Glanz. Anhand von historischen Aufzeichnungen und einzelnen Originalteilen haben russische Restauratoren und Kunsthandwerker aus rund einer halben Million Bernsteinplattchen das Meisterwerk von einst mit großem Können und unendlicher Geduld neu erschaffen.

    Dieser Text von Sonja Trimbuch stammt aus dem Begleitbuch "Die Bernsteinstraße" von Alexander Hesse und Gisela Graichen zur Sendereihe. Das Buch ist 2012 im rowohlt-Verlag erschienen.

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