Das Drama an der Drau

25.000 Kosaken auf der Flucht vor Stalin

1941 schlossen sich Tausende Kosaken der deutschen Wehrmacht an, um gegen die Sowjets zu kämpfen - und für einen eigenen Staat. Eingesetzt wurden sie an der Partisanenfront. Dabei bestätigten beide Seiten ihren grausamen Ruf, keine Gefangenen zu machen.

Im April 1945 waren 25.000 Kosaken mit Frauen und Kindern auf der Flucht, sie fürchteten Stalins Rache. Ihre Trecks zogen Richtung Osttirol. Dort standen die Briten. Die Kosaken wollten das englische Kriegsgefangenenlager bei Lienz erreichen. Die Rettung - wie sie glaubten. Sie gaben freiwillig ihre Waffen ab und vertrauten dem Wort der Briten, Kriegsgefangene nicht an andere Staaten auszuliefern.

Flucht in die Berge

60 Jahre später sucht der Archäologe Harald Stadler zusammen mit einem Kosaken, der damals den Briten nicht traute, nach Stationen seiner abenteuerlichen Flucht. Alexander Pevnev war 16 Jahre alt, als er mit seiner Familie in Lienz interniert wurde. Doch er entkam in die Berge. Auf steilen Pfaden ging er, meist nachts - immer höher, auf der Suche nach einem sicheren Versteck. Nur kurz konnte Pevnev sich in einer Berghütte ausruhen. Es war gefährlich, britische Suchtrupps durchkämmten auch die hochgelegenen Almen. Aber hier fand er etwas zu essen.

Die Kameraden im Kriegsgefangenenlager im Tal schwankten währenddessen zwischen Hoffen und Bangen. Konnten sie dem Wort der Briten wirklich trauen? Englische Originalaufnahmen vermitteln eine gespannte Ruhe. Die Kosakenfamilien aus dem Lager wurden von den Einheimischen kritisch beäugt. Ihre Pferde fraßen den Bauern das Gras von der Weide. Doch gegen schmucke Tauschware gab es Brot, Eier - und Milch für die Kinder.

Alle Spuren verwischt

Wie erging es den Flüchtenden im "Reich der Steinadler"? Das Hochgebirge ist eine extrem lebensfeindliche Landschaft. Todesangst und Freiheitswille trieben Alexander Pevnev hierher. Er suchte Unterschlupf in Höhlen am Felsabgrund. "Kosakenlöcher" werden die engen Felsspalten seit jenen Tagen genannt. Inschriften, von den Verzweifelten in den Fels gekratzt oder sogar Funde gibt es aber keine. Die Natur hat alle Spuren verwischt. Die Fragen bleiben: Wie viele Menschen haben sich in jenen Tagen im Hochgebirge um Lienz versteckt? Wie viele kamen dabei ums Leben? Hatte ihre Flucht überhaupt einen Sinn? Das Drama an der Drau ist bisher wissenschaftlich kaum aufgearbeitet worden.

Mit einer Studentengruppe der Universität Innsbruck will Professor Stadler das totgeschwiegene Kapitel aufdecken. Auch durch eine Grabung, denn mündliche Erzählungen, die "oral history", sollen methodisch verifiziert werden. Laut der Erinnerung von Zeitzeugen, soll an der Grabungsstelle eine Kosakenschmiede gewesen sein. Detektoren signalisieren auch das kleinste Stück Metall im Boden und keine zehn Meter von der vermuteten Schmiede entfernt gibt der Detektor Signal: Die Erkennungsmarke eines Kosaken der deutschen Wehrmacht.

Recherche im Wirtshaus




Hitlers wilde Reiter waren bislang ein Tabuthema in Tirol. Erstmals bricht die Forschung der Archäologen das Schweigen. Dazu gehört auch die Recherche im Wirtshaus: Nach ein paar Gläsern Wein rückt so mancher Bauer mit bislang verborgenen Stücken heraus: Schicksale von Geflüchteten wie Alexander Pevnev, könnten auch auf einfachen Brettern eingeritzt sein.



Stadler verfolgt jede noch so kleine Spur. Und die Einheimischen zeigen langsam Vertrauen. Ein Jäger hat im schwer zugänglichen Bergwald eine seltsame Höhle entdeckt. Ein "Kosakenloch" mit Knochenfunden? Es sind aber "nur" Pferdeknochen mit Schnittspuren, wie Stadler schnell erkennt. Die Flüchtenden müssen ihre Pferde, ihr Ein und Alles, gegessen haben, um zu überleben.

Verzweifelte Parole

Am 1.Juni 1945 trieben die Briten über 20.000 Kosaken zusammen, um sie entgegen ihrem Versprechen an die Sowjets auszuliefern. "Lieber tot, als in die UdSSR geschickt werden", hieß die verzweifelte Parole der Verratenen. Doch Stalin triumphierte. Im Lienzer Lager eskalierte die Situation. Viele schnittem sich vor den Augen der englischen Soldaten die Pulsadern auf. Mütter warfen ihre Kinder in die reißende Drau und sprangen hinter ihnen in den Tod.


Trotzdem führten die Soldaten den Befehl des britischen Oberkommandos unerbittlich aus. Die Versprechen waren nichts wert. Im Abkommen von Jalta hatte Churchill die Auslieferung mit Stalin vereinbart. Die Tragödie an der Drau war der Auftakt einer systematischen und endgültigen Vernichtung des Kosakentums in der Sowjetunion.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet