"Das Faszinierende ist die Form"

Interview mit Thomas Gottschlich

Architekt Thomas Gottschlich ist Referent für Gebäudemanagement der Stiftung "Frauenkirche Dresden". Als solcher kümmert er sich insbesondere um die baulichen, technischen und wartungsbedingten Aspekte des wieder aufgebauten Kirchengebäudes. An letzterem war er in den 1990er Jahren als Bauherrenarchitekt beteiligt.

Innenansicht Kuppel der Dresdner Frauenkirche
Innenansicht Kuppel der Dresdner Frauenkirche

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht das Faszinierende an der Frauenkirche?

Thomas Gottschlich: Ich finde zum Einen die äußere Form der Frauenkirche sehr faszinierend. Sie schwingt sich aus dem Umgebungsbau wie eine Glocke empor, erhebt sich so über die Stadt und wird zum Zeichen für Dresden. Das Zweite ist die innere Form: ich finde diesen Überraschungsmoment sehr schön, wenn man in die Kirche herein tritt und einen nahezu kreisrunden Raum vorfindet, der sich neben der horizontalen Bewegung zum Altar hin, auch noch deutlich in die Höhe entwickelt.

Frage: Woher kommt diese Höhenentwicklung der Frauenkirche?

Gottschlich: Sie liegt in dem praktischen Erfordernis begründet, dass George Bähr eine Kirche für sehr viel mehr Gemeindemitglieder bauen sollte. Die alte Kirche war zu klein geworden. Da er dafür aber nicht ausreichend Grundstücksfläche zur Verfügung hatte, blieb ihm nur der Bau in die Höhe. Darüber hinaus versuchten die damaligen Baumeister immer, ihren Gebäuden eine besonders prägende Gestalt zu geben. George Bähr hat das mit der Glockenform seiner Kuppel erreicht - deren Bau zu seiner Zeit eine kühne Vision gewesen ist. Die Kathedralbaumeister haben um die Wette gebaut: Wer hat das schönste Portal? Wer kann die höchsten Türme bauen? Heute ist das ähnlich: Hochhäuser werden auf der ganzen Welt und mit dem Anspruch gebaut, noch höher zu sein, als alle bereits existierende Gebäude. So, denke ich, hat eben auch George Bähr die Chance genutzt, der Kirche eine ganz besondere vertikale Gestalt zu geben.

Frage: Welcher Herausforderung stand George Bähr mit dem Bau der Kirche gegenüber?

Gottschlich: Zur Zeit des Baus der Frauenkirche, Mitte des 18. Jahrhunderts, gab es keine Baustatistik. George Bähr hat die Annahmen und Pläne über Größe und Höhe der Kirche aus seiner baupraktischen Erfahrungen heraus entwickelt. Anders als die statistischen Berechnungen, wie wir sie heute kennen und für notwendig erachten, stützte sich die Baukonstruktion Bährs einzig auf handwerkliche Praxis, Gefühl und Mut.

Frage: Was spricht Ihrer Meinung nach dafür oder dagegen, dass Bähr die Kuppel von Anfang an aus Stein geplant hat?

Gottschlich: Aus meiner Sicht hat er die Kuppel immer in Stein geplant: Zunächst war die Verwendung heimischer Baustoffe üblich. Und Sandstein gab es hier in Hülle und Fülle. Kupfer nicht; Kupfer musste von weiter her geholt werden und auch die Herstellungs- und Verarbeitungsprozesse waren aufwendiger und somit teurer. Darüber hinaus hat Bähr die Außenwänden relativ stark bemessen: im Erdgeschoss sind sie zum Teil 1,60 Meter dick. Das wäre für einen Skelettbau aus Holz und mit Kupfer verblecht, selbst bei der Höhe der Kirche nicht nötig gewesen. So aber konnten sie der höheren Last einer steinernen Kuppel standhalten. Daraus schließe ich, dass er von Anfang an von einer Kuppel aus Stein ausgegangen ist. Aber diese Einschätzung ist hypothetisch und sehr subjektiv.

Frage: Aus welchem Grund ist die Kirche dann während des Zweiten Weltkriegs dennoch eingestürzt?

Gottschlich: Die Frauenkirche ist nicht durch direkte Bombeneinwirkung eingestürzt. Vielmehr haben die Bomben, die auf Dresden abgeworfen wurden, alles in der unmittelbaren Umgebung der Frauenkirche in Brand gesetzt. Es müssen hier Temperaturen von schätzungsweise, 800 bis 900 Grad Celsius geherrscht haben. Die Hitze ist, trotz verblendeter und von außen geschützter Fenster, in den Kirchenraum eingedrungen und hat das Gefüge des Sandsteins verändert. Wir gehen davon aus, dass es schließlich zu Steinabplatzungen gekommen ist und zwei Pfeiler im südlichen Bereich der Kirche weggeknickt sind.

Frage: Wäre die Kirche - wenn nicht im Krieg zerstört - irgendwann aus statischen Gründen eingestürzt?

Gottschlich: Es gab Perioden, in denen die Frauenkirche auf Grund von Bauarbeiten auch über längere Zeit nicht zugänglich war. Viele der älteren Menschen kennen die Frauenkirche nicht uneingerüstet. Ich bin der Auffassung, dass durch die ganzen Maßnahmen, die im Verlauf der Jahrhunderte und insbesondere im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert ergriffen worden sind, die Frauenkirche in ihrer Grundkonstruktion letztlich sämtlichen Veränderungen standgehalten hätte.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man begonnen, die Fundamente miteinander zu verspannen und die Pfeiler zu fixieren. So war es möglich, sämtliche Bewegungen, die sich dann im aufgehenden Mauerwerk, also in den oberen Emporenbereichen ergeben haben, auszugleichen. Und dass ein Mauerwerks- und Natursteinbau wie die Frauenkirche, gerade in der Außenhaut und im Bereich des Einschwungs, aber auch im Übergangsbereich zur Kuppel immer eine bestimmte Pflege benötigt, dass war damals klar und macht auch heute einen Teil unserer Arbeiten an der wieder aufgebauten Kirche aus.

Frage: Im Hinblick auf Dauer und Genauigkeit: Wie unterschied sich der Wiederaufbau vom ursprünglichen Bau Bährs?

Gottschlich: George Bähr hat mit einfachsten Mitteln seine Maße genommen, wir haben heute moderne Technik dafür zur Verfügung, das Ergebnis aber ist dasselbe. Durch die uns heute zur Verfügung stehenden Vermessungstechnik wissen wir, dass Bähr schon damals sehr genau gemessen hat. Wir haben die Frauenkirche letztendlich so aufgebaut wie George Bähr sie damals aufgebaut hat. Nur wussten wir, aufgrund der baustatischen Berechnungen, wo welche Lasten auftreten. So konnten wir entsprechend zusätzliche Mittel an den gewünschten Stellen einbauen, verbesserte Stahlsorten verwenden und so seine Idee in die Jetztzeit übertragen.

Andererseits gibt es aber Abhängigkeiten, die wir trotz der besseren technologischen Ausgangsbedingungen nicht abändern und verbessern können. Deswegen kann man heute auch mit besseren Mitteln nicht schneller bauen. Die Pfeilerstellung im Innenbau kann man zum Beispiel nicht ohne einen Teil der Außenwände bauen. Der Bau muss sich also langsam nach oben hin entwickeln.

Frage: Wie kam es, dass Sie zum Teil dieselben Steine wiederverwendet haben?

Gottschlich: Die Aufgabenbeschreibung für den Wiederaufbau war archäologischer Wiederaufbau. Das bedeutet, dass die Kirche in originaler Gestalt wiederaufgebaut wird, dass sie in den originalen Materialien wiederaufgebaut wird und dass sie ihre ursprüngliche Nutzung auch wieder zurück erhält.

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