"Das Grüne Gewölbe war eine revolutionäre Tat"

Zehn Fragen zu Friedrich August an Prof. Dirk Syndram

Der Kunsthistoriker und August-Experte Dirk Syndram ist seit 1993 Direktor des Grünen Gewölbes und zeichnete verantwortlich für die Neueinrichtung des Dresdner Residenzschlosses. Die kurfürstliche Schatzkammer ist das beeindruckendste Erbe August des Starken.

Prof. Dirk Syndram, Direktor Grünes Gewölbe
Prof. Dirk Syndram, Direktor Grünes Gewölbe Quelle: ZDF


ZDFonline: Wann bekam Friedrich August den Beinamen "der Starke"?


Dirk Syndram: Der so benannte selbst und seine Zeitgenossen kannten diesen Beinamen nicht. Begeisterte Sachsen nannten ihn 1733 zu seinem Tode Friedrich August der Große. Ab circa 1790/1800 nannte man ihn August der Starke. Auch sein Urenkel bekam ab diesem Zeitpunkt mit Friedrich August der Gerechte einen Beinamen.


ZDFonline: Welches Selbstverständnis hatte August?


Syndram: Das Selbstverständnis Augusts des Starken war das eines Großkriegers, eines großen Heerführers. Dass er damit nicht in die Geschichte eingehen würde, musste er, im Grunde zur Hälfte seiner Regierungszeit, auch selbst feststellen. Dann hat er neue Stärken entdeckt: die Kultur, die Selbstdarstellung und das Festwesen. Das sind die Stärken, die man heute mit ihm verbindet. Man behielt ihn in Erinnerung als jemand, der savoir-vivre in bester Form vermitteln konnte und der die Idee des Barock, die bereits am Abklingen war, noch einmal in einem großem Feuerwerk hat darstellen können.


ZDFonline: Wie zutreffend ist Flemmings Charakterstudie?


Syndram: Flemming war sicherlich eine Person, die ihn über viele Jahre gut kannte. Ob er ihn immer richtig eingeschätzt hat, glaube ich eigentlich nicht. Flemming hat ihn bestimmt auch unter seiner eigenen Sichtweise interpretiert. Flemming hat da auch ein Ventil gebraucht, um sich nach einer sehr anstrengenden Zeit einmal das Bild seines Chefs von der Seele zu schreiben.ZDFonline: Wer steckte hinter der Idee der Einführung einer "Mehrwertsteuer"?


Syndram: August der Starke hat eine sehr gute Personalpolitik gehabt, einige wirklich gute Minister an seiner Seite gehabt, zum Beispiel den Grafen Hoym, und der war findig. Er hat was übernommen, was in Brandenburg schon ganz gut klappte: die Generalkonsumakzise. Es ist nichts anderes als die Mehrwertsteuer, die auf gehandelte Objekte erhoben wurde. Doch er hat sie wirklich general ausgeübt. In Brandenburg war der Adel davon ausgenommen. In Sachsen musste jeder zahlen, und das hat sich bis heute durchgesetzt.


ZDFonline: Welche Strategie verfolgte August mit der Schatzsammlung im Grünen Gewölbe?


Syndram: Ein Grünes Gewölbe zu schaffen, also eine Schatzkammer aufzumachen, war eine revolutionäre Tat. Nirgendwo anders in Europa konnte man die Schätze eines Fürsten sehen. Gerade auch die Juwelen-Schätze, die den Höhepunkt bildeten. Das hat sich August durchaus genau überlegt. Nach einer ganz schweren Krankheit, als er feststellte, dass auch seine Zeit endlich ist, hat er eine Wahlkampfplattform für seinen Sohn geschaffen. Dieser musste als König von Polen gewählt werden, und das Grüne Gewölbe war so was wie das gläserne Schatzbuch oder das Scheckbuch, das man aufmacht. Gleichzeitig war eine geordnete Schatzkammer auch ein Symbol für ein geordnetes Königreich - und beides zusammen wurde öffentlich gemacht.


ZDFonline: Welches diplomatische Geschick bewies August bei seinem Übertritt zur katholischen Kirche im protestantischen Sachsen?


Syndram: Augusts Übertritt zum katholischen Glauben war ein großes politisches Problem. Dieser wurde durch die Krone Polens begründet, nicht durch die Religion selbst. Insofern hat man sich darauf geeinigt, dass zwar ein Religionsübertritt durchgeführt wurde, dieser aber ungültig würde, sollte August nicht die Krone Polens bekommen. Beides ist erreicht worden; August der Starke hat seinen Wechsel zum katholischen Glauben verkündet, aber gleichzeitig, und das ist ganz wichtig, auch verkündet, dass der evangelische Glaube in Sachsen unangetastet bleibt, sonst hätte er hier Bürgerkrieg gehabt.


ZDFonline: Welche Akzeptanz hatte die sächsisch-polnische Union?


Syndram: Bis 1733, also zur Zeit Augusts des Starken war das Verhältnis zunächst feindschaftlich. Doch die Sachsen und Polen gewöhnten sich allmählich daran. Unter August III. gab es dann einen Status quo. Dies ist immer abhängig von der finanziellen und wirtschaftlichen Verfassung.


ZDFonline: Verfügten die Mätressen über Macht (zum Beispiel von Teschen und von Cosel), oder nahmen sie tatsächlich nur repräsentative Pflichten wahr?


Syndram: Die Mätressen hatten keine sehr große Macht, konnten August den Starken aber in Einzelfragen beeinflussen. Die Cosel war ja eigentlich keine Mätresse, sondern eine Ehefrau zur Linken und damit einflussreicher als die anderen Damen.



ZDFonline: Hätte von Cosel August tatsächlich schaden können, wenn der Ehevertrag publik geworden wäre?



Syndram: Ich denke, es gab da schon ein ziemliches Schadenspotential. Als Ehefrau zur Linken war sie bei den Polen sicherlich nicht tragbar. Auch im streng protestantischen Sachsen hätte man eine Zweiteheschließung nur sehr ungern gesehen. Zumal um 1714/15 August der Starke in einen polnischen Bürgerkrieg verwickelt war, gleichzeitig seinen Sohn mit einer Kaisertochter verheiraten wollte und 1719 zur Hochzeit auch seine PR brauchte. Dass er die Cosel auf Dauer weggeschlossen hat, lag wohl eher daran, dass er nicht wusste, wie er mit dieser "Altlast" sonst umgehen sollte.


ZDFonline: Hatte Christiane Eberhardine, Augusts langjährige Frau, auch Affären?


Syndram: Affairen hatte sie sicherlich nicht, dazu muss man als Lutheraner dafür im Himmel zu sehr büßen. Es gab eben keine Absolution, die ihr katholisch gewordener Gemahl erlangen konnte. Sie wurde nicht umsonst die "protestantische Betsäule" genannt.

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