Das Kastenwesen in Indien

Zwischen Mythos und sozialem Brauchtum

Die Macht des Kastenwesens ist im heutigen Indien allgegenwärtig. Besonders auf dem Land bestimmt die Kaste, in die man hineingeboren ist, über den Rang und die Chancen, die ein Mensch im Leben besitzt.

Ein Familie in einem Slum in Indien
Ein Familie in einem Slum in Indien Quelle: ZDF

Das Kastenwesen besteht in Indien seit mehr als 3000 Jahren. Indogermanische Eroberer teilten die Bevölkerung in vier unterschiedliche Gruppen, "Varna" genannt:





- 1. Brahmanen (Priester und Gelehrte)
- 2. Krieger
- 3. Bauern und Händler sowie
-  4. Arbeiter






Neben den vier "Varna" unterscheidet das System Tausende von Unterkasten, "Jati" genannt. "Jati" sind soziale Gemeinschaften, der die Menschen durch ihre Geburt angehören. Die Gesetzesstexte der hinduistischen Brahmanen betonen jedoch nicht nur die Ungleichheit der Menschen durch die unterschiedlichen Kasten, sie geben auch Regeln vor für das Zusammenleben, um die Ungleichheit durch Abgrenzung zu bewahren. Die wichtigste und folgenschwerste Regel ist das Verbot, außerhalb der eigenen Kaste zu heiraten. Damit wird die Zugehörigkeit zu der Kaste, in der ein Mensch lebt festgeschrieben und auch auf die zukünftigen Generationen übertragen.

Grundlegende soziale Struktur

Die Menschen in der Hindu-Gesellschaft leben in gegeneinander abgegrenzten Kasten. Innerhalb der Kasten gelten strenge Rituale: Beruf, Essgewohnheiten, Verwandtschaftsbeziehungen und religiöse Bräuche sind genau festgelegt. Die Kasten sind hierarchisch geordnet. Ordnungsprinzip ist das Ideal der "Reinheit". Wer die Gesetze der "Reinheit" beachtet und in seiner Kaste ein rechtschaffenes Leben führt, hat Aussicht, in einem späteren Leben in einer höheren Kaste wieder geboren zu werden.

Außerhalb der Kasten leben auf der untersten Stufe der Werteskala die "Dalitis". Früher wurden sie auch "Paria", die Unberührbaren, genannt. Ihre Stellung in der Gesellschaft ist darauf zurückzuführen, dass ihnen zum Teil auch heute noch Arbeiten zufallen, die kein anderer verrichten will. Daher galt - und gilt in vieler Hinsicht auch heute - bereits ihre Berührung als unrein.

Schwere Hyphothek

Weitere Menschengruppen, die außerhalb des Kastensystems leben, sind die Angehörigen der mehr als 200 nationalen Minderheiten. Viele von ihnen leben noch als Halbnomaden und in alten Stammesverbänden. Wie das Millionenheer der "Unberührbaren" sind sie eine schwere Hypothek für die moderne indische Demokratie. Seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1947 sitzt der indische Staat in der Klemme: Kastensystem, kulturelle Minderheiten und indisches Nationalgefühl schaffen Interessenskonflikte, die sozialen Sprengstoff bergen.

Politiker wie Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru erkannten das Problem früh: Die alten Ordnungssysteme sind mit der der Entwicklung des demokratischen Parteiensystems in Indien schwer zu versöhnen. Um die Lage der "Dalitis" zu verbessern, reserviert ihnen die derzeitige indische Regierung feste Kontingente an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. So auch an Universitäten und in den Parlamenten. Unter solche Quotenregeln fallen heute fast 50 Prozent aller staatlichen Jobs.


Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet