Das kretische Labyrinth

Symbol mit sieben Ringen

Kretische Münzen machten Jahrhunderte später das Labyrinth von Knossos weltbekannt. Aber nicht als Irrweg-System - wie in der Minotaurus-Sage. Sondern als Symbol einer räumlichen Ordnung, in der man vom richtigen Weg gar nicht abweichen kann. Das geht bereits aus seiner Konstruktion hervor.

Aus einem Kreuz, das für das Zentrum der Welt steht, entwickelt sich durch Markierung gedachter Endpunkte ein Quadrat. Winkel werden eingefügt. Von ihren oberen Enden beginnt das Hin und Her des Linientanzes. Auf dem Weg zum Ziel wird sieben Mal die Mitte umkreist.

Einige Forscher sehen darin die Bahnen der sieben damals bekannten Gestirne. Zu ihnen rechneten die Menschen die beiden großen Lichter Sonne und Mond. Im Zentrum steht die Erde. Umkreist von Mond, Venus, Mars, Sonne, Merkur, Jupiter und Saturn.

Kretischer Typus

Das so genannte kretische Labyrinth stammt eigentlich aus einer Zeit, als der Mensch noch keine Schrift kannte. Sein Ursprung liegt viele Jahrtausende zurück. Im Süden der Alpen, in Val Camonica, lebte einst das Volk der Camuni. In Hunderttausenden von Felszeichnungen hielten Künstler die Lebenswelt von damals fest. Zu den eindrucksvollsten Abbildungen gehören die eingeritzten Labyrinthe. Sie alle entsprechen dem kretischen Typus. Doch sie sind viel älter als die griechischen Münzen. Einmal scheint es, Tänzer in die Kreise zu ziehen wie beim Geranos. Dann wieder stehen große Vögel mit Hörnern und Phallus in unmittelbarer Nähe. Symbole der Fruchtbarkeit oder Wächterfiguren?

In der Nachbarschlucht deutet eine Szene auf eine Initiationsstätte hin. Ein Ort der Selbsterfahrung und Begegnung mit der wohl gehüteten Tradition der Stammesgesellschaft. Auch dort am Rande ein Vogel. Direkt daneben mehrere Figuren. Vielleicht Jugendliche vor einer Einweihungszeremonie. Am Eingang der Kulthöhle wartet der Schamane.

Durch sieben Räume ins Leben

Das kretische Labyrinth mit seinen sieben Ringen war nicht nur in Europa ein geläufiges Symbol. In Indien half lange Zeit ein Brauch, die Geburt zu erleichtern. Auf einen Bronzeteller streuten Frauen mit Safran magische Linien. Sie lösten sie später mit geweihtem Wasser auf. Dann reichten sie der Schwangeren den heiligen Trank, damit er die Schmerzen lindere und das Kind bald das Licht der Welt erblicke. Für die Inderinnen verkörperte das Labyrinth die Gebärmutter und seine Ringe den Weg des Ungeborenen durch sieben Räume ins Leben.

Sogar bei verschiedenen Stämmen im Südwesten der USA taucht das uralte Kultzeichen auf. Brachten die Ureinwohner Amerikas das Labyrinth einst aus Asien mit oder erfanden sie es neu? Die Navajo entwickelten aus dem einfachen Labyrinth die sehr seltene Doppel-Form. Sie drückt spiegelbildliche Beziehungen aus: Mutter und Kind, Sonne und Mond, Geburt und Tod. In ihrer Schöpfungsgeschichte erzählen die Pima-Indianer von einem sagenhaften Helden - von Tcuhu. Er soll sein Volk aus unterirdischen, verschachtelten Gängen an die Erdoberfläche geführt haben. Später - so heißt es - habe er sich in der unübersichtlichen Höhle versteckt. Seine Verfolger verirrten sich und gingen elend zugrunde.

Grundmuster für Bewegung

Rund um den Globus haben Labyrinthe eine ähnliche Bedeutung. Doch aus welchem Vorbild entwickelte sich die Form? In der Natur kommt sie so nicht vor. Plausibel erscheint eine Kombination aus Mäander und Spirale, den beiden Grundmustern für Bewegung. Anders als das Labyrinth dreht sich die Spirale direkt zur Mitte hin. Von Anbeginn war sie eines der wichtigsten Zeichen. Der Weg zu einem Zentrum, Anfang und Ende lassen sich in der Form erkennen. Aber auch als Abbild der Sonne, der Nabelschnur und als Pfad des Lebens beschäftigt sie die Phantasie.

Verschiedene Grundmuster

Als der Mensch das Labyrinth entwarf, ließ er sich von verschiedenen Grundmustern inspirieren. Vom Fruchtboden der Sonnenblume vielleicht. Oder dem menschlichen Fingerabdruck. Auch in Eingeweiden lassen sich labyrinthische Windungen erkennen. Aus ihrer Lage und Beschaffenheit schlossen Priester und Schamanen vieler Kulturen auf das künftige Geschick ihres Volkes. Die Babylonier ritzten ihre Beobachtungen in Tontafeln, bekannt als Eingeweide-Archiv. Aus der Mäanderform der verschlungenen Gedärme ergibt sich ein Muster, das dem späteren Labyrinth verblüffend nahekommt.

Oft werden die Schicksalswege der Menschen unmittelbar mit dem Bild der Schlange assoziiert. Die Ureinwohner von Australien kennen eine Legende, in der sich ein Mäander als auswegloser Irrgarten erweist. Zwei inzestuöse Schwestern werden von ihrem Clan verstoßen und von der heiligen Schlange aufgefressen. Wieder ausgespien irren sie in den endlosen Serpentinen umher, die der Körper des Kriechtieres im heißen Sand hinterlassen hat.

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