Das Labyrinth als Kranichtanz

Der Sieg des Theseus

In Knossos denken Wissenschaftler beim Begriff "Labyrinth" längst nicht mehr an den Palast von Minos, sondern an einen Rundtanz nach festen Regeln. Dafür sprechen kreisförmige Tanzpodien, die erst in den vergangenen Jahrzehnten entdeckt wurden, und Fresken mit Darstellungen junger Frauen in ekstatischen Posen.

Jahrtausende alte griechische Chroniken stützen die These. Sicher ist: Auch in der Arena von Knossos tanzten Mädchen "das Labyrinth". Legte der erfindungsreiche Daedalos die Plätze für Ariadne und ihre Freundinnen an?

Befreiung aus der Mitte

Der Tanz, Geranos genannt, lässt die wichtigsten Merkmale eines Labyrinths erkennen: die vielen Wendungen, das Hin und Her des verschlungenen Pfades, die Schlangenlinie, die in ein Zentrum führt - und schließlich die Befreiung aus der Mitte. In der Choreografie spiegelt sich der Glaube früher Kulturen an die unendliche Spirale von Leben, Tod und Wiedergeburt.


Dem ewigen Kreislauf der Natur widmeten die Minoer ihr wichtigstes Ritual. Alle neun Jahre feierten sie die Heilige Hochzeit der Gestirne. Dann stimmten Mond- und Sonnenkalender wieder überein. Und es kam die Zeit für das große Fest der Fruchtbarkeit - mit Tanz und Zeremonien, mit Opfergaben und Stierkämpfen.

Sprung über die Bestie

Das Inselvolk bewunderte die kraftvollen Hörner der Huftiere. Sie schmückten Palastwände und kultische Gefäße. Höhepunkt der Feierlichkeit war der Sprung über die Bestie. Mussten die jungen Leute aus Athen über den Minotaurus springen, den "Stier des Königs Minos"? Vielleicht entwickelte sich daraus der Mythos vom Monster, das alle neun Jahre frisches Menschenfleisch brauchte?

Befreite Theseus, der Sohn des Monarchen von Athen, sich und sein Volk von der Herrschaft der übermächtigen Insel Kreta? Flog er mit einem gewaltigen Satz über Hörner und Rücken des angreifenden Bullen und gewann er als Preis die schöne Ariadne, die Tochter des minoischen Regenten? Die Legendenschreiber lassen den Jüngling siegen und mit seiner Geliebten nach Delos segeln. Dort führte er zum Dank einen Siegestanz auf, der die überstandene Gefahr noch einmal vergegenwärtigt.

Begegnung mit der Anderswelt

Des nachts führten die Tänzer den Geranos auf, den Kranichtanz. Mit Fackeln und einem Seil, das sie miteinander verband - dem Ariadne-Faden. Die Schritte sollten den Weg in die finsteren Höhlen der Unterwelt symbolisieren. So zumindest deuten manche Wissenschaftler den verschlungenen Pfad in die Mitte des Labyrinths. Aber auch als Begegnung mit der Vergangenheit, dem eigenen Leben und dem nahenden Tod, dem unterirdischen Reich der Anderswelt.


In der Mitte findet die Umkehr, der Wandel statt: vom Tod zum Leben, von Gefangenschaft zur Freiheit. Dann ging es auf der gleichen Strecke voller Erwartung und mit schnellen Schritten zurück. Der Name Geranos - eine Widmung an die Kraniche, die während des Fluges ähnliche Formationen bilden. Und erinnert der leichtfüßige Ringtanz nicht wirklich ein wenig ans Fliegen? Vermittelt er nicht den Eindruck von Levitation, vom Gefühl einer zeitweiligen Aufhebung der Schwerkraft? Denn wie im Flug schweben die Tänzer beim Geranos, wenn sie entlang der engen Windungen durch die Unterwelt in befreiende Höhe aufsteigen.

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