"Das Mittelmeer wird in 50 Millionen Jahren verschwunden sein."

Interview mit Drehbuchautor Klaus Feichtenberger

Das Klima der Erde entwickelt sich stetig weiter. Auch Europa bleibt vom Klimawandel und seinen Folgen nicht verschont. Doch welches Klima-Szenario wird uns als nächstes erwarten? Und wird Europa seine Form behalten? Im ZDFonline-Interview beantwortet Drehbuchautor Klaus Feichtenberger Fragen zum Thema.

Dominante Klimafaktoren


ZDFonline: Welches Klima-Szenario wird als nächstes eintreten, eine Hitze- oder eine Kälteperiode? In welchem Zeitrahmen werden sich solche spürbaren Veränderungen abspielen?



Klaus Feichtenberger: Die Fieberkurve des Planeten über die letzten zwei Millionen Jahre - in unserem Fall insbesondere jene der Nordhemisphäre - folgte einigermaßen regelmäßigen Zyklen. Für diese Zyklen können wir zwar plausible Ursachen nennen wie etwa die schwankende Distanz der Erde von der Sonne, Schwankungen des Erdachsen-Neigungswinkels und daraus resultierende Schwankungen der Sonneneinstrahlung. Über andere Faktoren im komplexen Klimasystem - Meeresströmungen, tektonische Veränderungen, Vulkanismus, Vegetationsdecke, Meerestemperaturen usw. - herrscht nach wie vor Unsicherheit. Setzt man die Klimakurve der vergangenen zwei Millionen Jahre in die Zukunft fort, dann ist früher oder später eine weitere Kaltperiode zu erwarten. Davor könnte es jedoch noch um einiges wärmer werden als heute, so wie in früheren Zwischeneiszeiten, die weiten Teilen Europas ein tropisches Klima bescherten. Die Erwartung einer neuen Kaltzeit setzt voraus, dass die mutmaßlichen Ursachen der Klimakurve der letzten zwei Millionen Jahre im selben Rhythmus wirksam bleiben. Das muss aber nicht sein. Andere, stärkere Faktoren, die in den letzten zwei Millionen Jahren nicht wirksam wurden, könnten diese Kurve überlagern - einer dieser klimaverändernden Faktoren ist der Mensch.


Allerdings gibt es, wie wir aus der Vergangenheit wissen, weitaus mächtigere Einflüsse als den des Menschen. So kam es beispielsweise mehrmals in der Erdgeschichte zu massiven Magmaeruptionen, verbunden mit gewaltigen Kohlendioxid-Immissionen. In der Kreidezeit und in Teilen des Perm ließen solche Eruptionen den Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre um ein mehrfaches des heutigen Wertes ansteigen und wurden so zum dominanten Klimafaktor. Selbst in historischer Zeit haben wesentlich kleinere Vulkanausbrüche das Klima zumindest kurzfristig und in umgekehrter Richtung verändert: Schwebende Vulkanasche trübte die Atmosphäre und machte sie gewissermaßen zur globalen Sonnenbrille. Solche Ereignisse sind nicht vorhersagbar - absolut sichere Vorhersagen sind schon deshalb auch mit den besten Klimasimulationsmodellen nicht möglich.



Extreme Wetterereignisse nehmen zu


ZDFonline: Hurrikane, Überschwemmungen und extreme Hitze: Die wetterbedingten Naturkatastrophen nehmen weltweit zu. Wird auch Europa davon bedroht?



Klaus Feichtenberger: Errechnete Szenarien deuten ebenso darauf hin wie die Klimastatistiken des letzten Jahrhunderts. Die signifikante Zunahme extremer Wetterereignisse in diesem Zeitraum ist in Europa wie in Nordamerika bereits Faktum. Die Verwundbarkeit einer Region hängt aber nicht nur von Wetterkapriolen ab, sondern auch von der Besiedlungsdichte und vom Typus der besiedelten Landschaft. Stärker betroffen als Mittelgebirge sind in der Regel Unterläufe großer Flüsse, Hochgebirgsregionen und flache Küsten - an solchen neuralgischen Stellen sind die künftigen Katastrophen Europas zu erwarten. Katastrophale sommerliche Wasserknappheit droht dem gesamten Mittelmeerraum, hauptsächlich aber dem Süden Spaniens.




ZDFonline: Welche Wirkung haben die durch Industrie und Verkehr erzeugten Treibhausgase auf die natürlichen Klimaschwankungen? Wie groß ist dabei der Anteil menschlichen Wirkens im Vergleich zu natürlichen Prozessen?



Klaus Feichtenberger: Die rapide Zunahme von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre seit Beginn der Industrialisierung entspricht einem Anstieg der mittleren Temperaturen. Es ist zu befürchten, dass der unnatürliche, vom Menschen initiierte oder zumindest verstärkte Temperaturanstieg natürliche Prozesse und damit eine Hebelwirkung haben könnte. Das Auftauen arktischer Permafrostböden, in denen riesige Mengen Methan gespeichert sind, könnte ein solcher Prozess sein, denn Methan ist ebenfalls ein Treibhausgas. Umgekehrt könnte es geschehen, dass die menschengemachte Klimaerwärmung das Hereinbrechen einer weiteren Kaltzeit hinauszögert oder sogar verhindert.

Ökosysteme werden sich verschieben


ZDFonline: Wie wird sich der Klimawandel auf das Ökosystem der Erde auswirken? Welche Organismen werden am ehesten aussterben und welche am wahrscheinlichsten überleben?



Klaus Feichtenberger: Gegenwärtig erleben wir eine Erwärmung, von der wir aber nicht wissen, ob sie weiter anhalten oder sich sogar noch beschleunigen wird. Sollte das Klima Europas weiterhin radikal wärmer werden, sind zu allererst Kältespezialisten bedroht - Pflanzen und Tiere des Hochgebirges und des kontinentalen Nordrandes. Klimaerwärmung bedeutet, dass sich ganze Ökosysteme verschieben: Arten, die in kühlen Klimazonen heimisch sind, werden von wärmebegünstigten Zuwanderern verdrängt. Tiere der baumlosen Tundra etwa verlieren ihren Lebensraum, wenn sich infolge einer Erwärmung der Wald nach Norden ausbreitet. Dasselbe gilt für das Austrocknen bislang feuchter Biotope - Buchenwälder beispielsweise, die von einer Mindest-Niederschlagsmenge abhängig sind, müssen dann etwa Föhrenwäldern weichen.



ZDFonline: Mit welchen Methoden können Wissenschaftler zukünftige Klimaveränderungen bestimmen? Wie sicher sind diese Prognosen?



Klaus Feichtenberger: Computer-Simulationsmodelle können bis heute klimatische Zukunftsszenarien nur grob vorhersagen - das virtuelle Klima reagiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt immer noch weniger sensibel auf eine Vielfalt von Faktoren als das wirkliche Klima. Außerdem sind manche klimawirksame Ereignisse wie künftige Vulkanausbrüche nicht einmal für ein ideales Simulationsmodell vorhersagbar. Wir lernen zwar immer mehr über die Mechanismen, die unser künftiges Klima bestimmen werden - aber welche davon tatsächlich wirksam werden, ist ebenso wenig vorhersagbar wie die Zukunft an sich.

Ein neues Pangäa


ZDFonline: Ebenso wie das Klima beeinflussen auch die tektonischen Kräfte die Gestalt Europas. Wie wird sich der Kontinentaldrift weiterentwickeln? Welche Form wird Europa in Zukunft annehmen?



Klaus Feichtenberger: Soweit das Wirken tektonischer Kräfte vorhersagbar ist, bzw. soweit die gegenwärtig beobachteten Tendenzen der Kontinentaldrift andauern, wird Afrika vollends mit Europa kollidieren. Dieser Prozess ist längst im Gange, wir merken ihn anhand von Erdbeben und Vulkanausbrüchen im Mittelmeerraum - sogar der Leuchtturm von Cannes steht bereits auf einem Sporn der afrikanischen Platte. Das Mittelmeer wird wieder vom Atlantik abgetrennt und in 50 Millionen Jahren ganz verschwunden sein. Die Alpen und Pyrenäen werden weiter angehoben. Zugleich driftet Australien gegen Asien. Den beiden Amerikas, die derzeit noch westwärts gleiten, steht eine Schubumkehr bevor, so dass auch sie wieder an Europa andocken werden. Das Ergebnis in etwa 250 Millionen Jahren, ist ein neuer Superkontinent, Pangäa 2.

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