Das neue Kaiserreich

Bismarck als Architekt des neuen Imperiums

Das Reich, das Kaiser Wilhelm beherrschte ist am Ende nicht älter geworden als nur 47 Jahre. Manche Historiker meinen, die deutsche Reichsgründung sei zu spät erfolgt - und darin läge der Keim des Untergangs. Zu spät im Vergleich zu den anderen großen Nationen Europas.

Erst 1871 beginnt die Erfolgsstory. Die Truppen der aufstrebenden Militärmacht Preußen stürmen in Frankreich von Sieg zu Sieg. In der Schlacht von Sedan ist das Schicksal der feindlichen Heere besiegelt.

Sieger auf der ganzen Linie

Bald stehen die Deutschen vor Paris und erzwingen die Kapitulation der französischen Armee. In nur wenigen Jahren hat König Wilhelm von Preußen halb Europa bezwungen - ein Sieger auf der ganzen Linie. Jetzt muss auch Kaiser Napoleon III. seinen Säbel überreichen - und damit die Herrschaft über große Teile seines Staates.


Für Frankreich das bittere Ende einer großen Epoche, für die das Schloss von Versailles wie ein prachtvolles Symbol steht. Hier hat schon der Sonnenkönig Ludwig XIV. seine Macht und seine Triumphe in vollen Zügen genossen. Jetzt glitzern im prachtvollen Spiegelsaal die Orden und Ehrenzeichen der deutschen Fürsten. Und es ist kein Zufall, dass gerade hier die Würdenträger Deutschlands zusammen kommen, um ihr Kaiserreich neu auszurufen. Frankreich hatte es einst zerstört.

Provokation für Frankreich

Versailles bedeutet nun Rache für erlittene Schmach. Doch für die Franzosen ist der deutsche Jubel eine Provokation die Fürst Otto von Bismarck erst möglich gemacht hat. Bismarck ist der Architekt des neuen Imperiums. Er zieht im Hintergrund die Fäden - nicht ohne Widerstand in den eigenen Reihen. Viele misstrauen Bismarck - die Fürsten fürchten um ihre Unabhängigkeit. Selbst der neue Kaiser ist nicht begeistert. Lange hat er sich gesträubt, sein mächtiges Heimatland Preußen in ein Staatsgebilde mit unwägbarer Zukunft einzufügen. Wird er in diesem "neuen Deutschland" nicht mehr als ein Marionettenkaiser sein?

Die prachtvolle Inszenierung der Reichsgründung überdeckt alle Skepsis: Aber im Augenblick seines größten Triumphes ist Fürst Bismarck so isoliert wie nie zuvor. Dabei war es sein Genie, das die Landkarte Europas völlig neu geordnet hat. Denn das war die Ausgangslage: Österreich und Preußen bilden zwei große Machtblöcke: Zunächst zwingen sie gemeinsam den dänischen König dazu, Schleswig an Preußen abzutreten. Aber dann besiegt Preußen Österreich - und wird zur neuen Supermacht. Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt werden annektiert. Zuletzt unterliegt sogar das mächtige Frankreich.

Otto von Bismarck bestimmt mit Klugheit und Geheimdiplomatie über mehr als drei Jahrzehnte die Geschicke Preußens und des Kaiserreichs. Politische Opposition empfindet er dabei als störend. Überflüssig erscheinen ihm auch weitere Kriege und Konflikte - die Welt soll sich vor Deutschland nicht fürchten, sondern mit ihm Handel treiben. Das Reich möge sich mit dem Erreichten bescheiden, lautet seine Devise.

Bismarck im Abseits



Aber im Jahr 1888 wird alles anders: Wilhelm II. übernimmt die Macht. Und der junge Kaiser hat ganz neue Pläne - Bismarck gerät ins Abseits. Bismarck hat es nicht leicht. Er steht vor einer Herkules-Aufgabe. Denn so sah Deutschland damals aus: vier Königreiche; 18 Fürstentümer; drei unabhängige Reichsstädte - Deutschland war ein großes Puzzle.

Wie man so ein Puzzle stabilisiert, wie man aus vielen Bausteinen eine dauerhafte Nation schmiedet - darüber gab es recht gegensätzliche Ansichten: Bismarck setzte auf diplomatischen Ausgleich und außenpolitische Bündnisse. Ganz anders Kaiser Wilhelm: Er wollte die deutsche Nation stark machen: Deutschland sollte sich an seiner eigenen Größe berauschen. Seine Geschichte bot ja auch jede Menge Stoff dazu. Zum Beispiel die Helden der Vergangenheit: Armin der Cherusker, Siegfried, die Nibelungen, Luther, Goethe und Kaiser Barbarossa. Geschichtsphantasien beschworen den Glanz einer glorreichen Vergangenheit.

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