Das Orakel von Delphi

Antike Überlieferung

Im Jahr 550 vor Christus empfängt die Pythia eine Delegation des Lyderkönigs Krösus. Die Boten kommen mit einer Testfrage: "Was tut unser Herrscher gerade?" "Er kocht eigenhändig eine Suppe", antwortet die Seherin prompt. Die richtige Antwort. Für die Männer der Beweis: Die heilige Frau ist mit den Göttern im Bund.

Grund genug für den steinreichen Lyderkönig Krösus, sein Schicksal in die Hände der Prophetin zu legen. Er braucht einen zuverlässigen Rat für den geplanten Feldzug gegen die Perser.

Berühmtes Beispiel

So lässt Krösus in Delphi die entscheidende Frage nach seinem Kriegsglück stellen. "Wenn du den Grenzfluss Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören", verkündet die Priesterin. Zu spät erkennt der Potentat die Mehrdeutigkeit der Worte. Nicht Persien vernichtet er, sondern sein eigenes Reich. Der Untergang des lydischen Imperiums ist nur ein berühmtes Beispiel für die irrtümliche Auslegung von Weissagungen. Kein Wunder, denn oft stammelte die Seherin von Delphi nur. In welchem Bewusstseinszustand sie ihre Sprüche formulierte, war bislang ein gut gehütetes Geheimnis.

Der amerikanische Forscher Jelle de Boer ist davon überzeugt, dass die geologischen Bedingungen vor Ort eine entscheidende Rolle gespielt haben müssen. Bei seinen Untersuchungen stützt er sich auf alte Quellen, für die er nach wissenschaftlichen Belegen fahndet.

Der einzige Augenzeuge

Der griechische Schriftsteller Plutarch schreibt im 1. Jahrhundert nach Christus, berauschende Dämpfe aus der Erde versetzten die Pythia in Trance. Als Priester im Heiligtum war er häufig Augenzeuge des Rituals. Doch Historiker zweifeln an seiner Darstellung. Auch der Geschichtsschreiber Diodor liefert einen Hinweis. Und das bereits mehr als 100 Jahre vor Plutarch.

Schon damals weideten Ziegenherden auf dem Berg Parnass unweit von Delphi. Jedes Tier, das sich einer bestimmten Felsspalte näherte, geriet außer sich. Als Hirten herbei eilten, so Diodor, fielen sie in Trance und fingen an zu weissagen. Voller Ehrfurcht weihten die Menschen den Ort der großen Erdmutter Gaia. So entstand die erste Orakelstätte von Delphi.

Einzigartige Fundgrube

Begraben unter einem Bauerndorf schlummerten die Ruinen bis 1892. Damals ließen französische Archäologen die Häuser abreißen. Die Freilegung des Tempelbezirks war ein aufwendiges Unternehmen. Die Ausgräber hofften, auch handfeste Beweise für die Aussagen der antiken Autoren zu finden. Die Arbeiter holten imposante Säulen, Mauerreste und überlebensgroße Statuen ans Licht. Das ausgedehnte Areal war eine einzigartige Fundgrube. Die Kampagne der Franzosen sorgte für Schlagzeilen.

Am großen Tempel im Zentrum der Weihestätte suchten die Gelehrten vergeblich nach dem fauchenden Erdspalt aus Plutarchs Schilderung. Sie fanden nur soliden Steinboden. Für die Franzosen stand schnell fest: Durch die eng gesetzten Quader können zu keiner Zeit berauschende Gase geströmt sein. Damit war für sie der Fall abgeschlossen.

Erklärungsmodelle

Zur Deutung der antiken Überlieferung müssen andere Erklärungsmodelle herhalten. Viele Forscher glauben, dass die Priester einfach betäubende Kräuter verbrannten. Pflanzliche Rauschmittel, die in der damaligen Welt populär und weit verbreitet waren. Plutarch geriet bei den Wissenschaftlern in Misskredit. Obwohl sie seine Schriften als zuverlässig schätzten. Als Eingeweihter wollte er mit mysteriösen Geschichten seinerzeit nur Propaganda für Delphi machen - so die Unterstellung.

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