"Das Original steht in Berlin"

Chat mit Dr. Olaf Matthes, Teil 2

Im zweiten Teil des Chat-Protokoll beantwortet der Archäologe Dr. Olaf Matthes Fragen zur Echtheit der Berliner Büste, dem Alter der Bemalung und der Ausgrabungsstätte.

Fälschungen, Kopien


Frage: Kann es nicht sein, dass die Nofretete im Auftrag von Hitler im Dritten Reich gefälscht wurde?


Dr. Olaf Matthes: Eine solche Fälschung zur Nazi-Zeit ist mehr als unwahrscheinlich, denn hierfür war nicht nur Wissen nötig, sondern man brauchte ja auch die technischen Voraussetzungen. Damals wusste man ja noch gar nichts wirklich Genaues um den Kalksteinkern. Das ist neueren Datums.


Frage: Sind Sie persönlich überzeugt, dass im Ägyptischen Museum in Berlin die Original Büste der Nofretete ausgestellt ist?


Matthes: In Berlin ist das Original ausgestellt, davon bin ich überzeugt.


Frage: Könnte es auch möglich sein dass Ludwig Borchardt die Büste aufgrund der Kalkbüste selbst gemacht hat, bzw. machen lassen hat ?


Matthes: Borchardt hat sicher keine Fälschung der Nofretete angefertigt. Das können wir ausschließen.


Frage: Gibt es heute immer noch Zweifel an der Echtheit der Büste? Wird sie irgendwann wieder nach Ägypten zurückkehren?


Matthes: Die Büste ist echt. Der Film hat dies ja sehr eindrücklich gezeigt.


Frage: Inwieweit wäre es möglich, weitere Echtheitsbestimmungen der Nofretete durchzuführen, indem man z. B. durch mit einer Untersuchung des gefundenen inneren Kerns der Nofretete eine Orts- und Altersbestimmung des Kernsteins vornimmt?


Matthes: Zu den weiteren Echtheitsbestimmungs-Möglichkeiten kann ich Ihnen leider nichts sagen. Das müssen die Fachleute diskutieren

Büste, Alter, Bemalung


Frage: In der Sendung ging man sehr wenig auf das äußere Erscheinungsbild der Nofretete ein. Mich würde interessieren, warum der Erschaffer der Büste Nofretete mit einem Auge darstellt. Das linke Auge besitzt keine Pupille. Gibt es hierzu Theorien?


Matthes: Das kann ich Ihnen auch nicht genau beantworten. Es gibt da eine ganze Reihe von Vermutungen. Eine besagt u.a., dass es nie ein zweites Auge gegeben habe. Andere sagen, da war vielleicht doch ein zweites. Es ist ja bis heute nicht ganz klar, welchen Zweck denn eigentlich diese Büste hatte.


Frage: Ist der Kalksteinkern der Büste wirklich nur der Rohling oder steckt dahinter ein wirklichkeitsgetreueres Abbild Nofretetes?


Matthes: Leider sind wir ja alle keine Hellseher. Jeder würde wohl gerne wissen, wie die Königin denn nun wirklich ausgesehen hat. Wir wissen es einfach nicht. Jedenfalls hat sie mit Sicherheit nicht so ausgesehen, wie sie die Büste zeigt. Auch der Kalksteinrohling hilft hier leider nicht weiter.


Frage: Gibt es eine Methode, das Alter der Büste zu bestimmen, zum Beispiel mit C14 oder funktioniert das nur bei organischen Materialien? Kann man feststellen, wie alt die Gipsschichten auf der inneren Kalksteinbüste sind und wenn ja wie?


Matthes: Die Altersbestimmung funktioniert mit C14 hier leider nicht. Aber wir kennen ja die ungefähre Herrschaftszeit der Königin. Und die Büste muss in dieser Zeit angefertigt worden sein, weil nach dem Tod Ihres Mannes, soweit wie wir wissen, keine weiteren Büsten der Königin angefertigt worden sind. Im Gegenteil: Die Gesichter des Herrscherpaares wurden ausradiert, zerstört, da sie der damnatio memoriae anheim fielen. Echnaton galt als Ketzerkönig und sollte aus dem öffentlichen Gedächtnis ausgelöscht werden. Das traf auch auf seine Frau zu.


Frage: Warum ist die Bemalung Nofretetes noch so gut erhalten?


Matthes: Wer schon einmal in Ägypten war, der weiß, dass es in der Wüste sehr trocken ist. Der Wüstensand war ein perfekter Konservator. Die bunte Büste war sozusagen vakuum verpackt. Daher die so vorzüglich erhalten Farben.


Frage: Hätte man nicht auch Abrieb durch den Sand erwarten können, zumal der Wind den Sand durch die Wüste treibt?


Matthes: Die Büste lag ja sehr tief im Boden. Abrieb war das nicht möglich. Zum Glück! Auch die Temperatur und die Feuchtigkeit waren wohl im Laufe der Jahrtausende relativ konstant geblieben.


Frage: Gibt es denn nur Abbildungen der Nofretete in der Armana-Sammlung in Berlin, oder kann man Vergleiche, insbesondere zum Aussehen, auch mit anderen Abbildungen durchführen?


Matthes: Neben Berlin hat nur noch das Museum in Kairo eine Büste der Königin, die an prominenter Stelle auch ausgestellt ist.


Frage: Wie alt schätzt man die Büste von Nofretete? Und ist der Farbauftrag genauso alt?


Matthes: Die Büste ist mehr als 3000 Jahre alt, sie wurde während der Herrschaftszeit der Königin angefertigt. Die Farben sind auch aus dieser Zeit.


Frage: Mich faszinieren diese Gipsauflagen. Wozu wurden sie angefertigt? Gibt es weitere Büsten die mit dieser Technik bearbeitet wurden? Was motiviert einen Bildhauer so zu arbeiten.


Matthes: Mit Gips kann man natürlich vorzüglich modellieren und kleinste Feinheiten relativ leicht herausarbeiten. Auch das Bemalen von Gips ist leichter, als das etwa von Granitstein. Die Farben haften besser etc. Über die Motive des Bildhauers so zu arbeiten, wie er gearbeitet hat, wissen wir nichts. Wir kennen ja nur, und das auch eher zufällig, seinen Namen.


Frage: Ist die Restaurationsgeschichte dokumentiert? Kann es sein, dass insbesondere die farbliche Qualität der Büste in späteren Jahren kräftig nachgearbeitet wurde?


Matthes: Die Büste ist bisher nicht restauriert worden. Untersucht wurde sie hingegen schon sehr oft. Hierzu gibt es Spezialabhandlungen in Fachzeitschriften.

Ausgrabungsstätte


Frage: Sind die Ausgrabungen in Amarna im weitesten abgeschlossen oder kann man auf weitere Informationen/Funde über das Leben Nofretetes hoffen?


Matthes: In Amarna wird weiter gegraben. Und dort wird weiter gefunden. So kam vor einigen Jahren etwa ein großer Friedhof zum Vorschein, den man per GPS ausfindig machen konnte. Oder im letzten Jahr wurde eine weitere Grenzstele gefunden, auch per GPS. Das alte Grabungshaus von Borchardt steht noch. Und hier wird viel gearbeitet. Ich war sehr beeindruckt, als ich in diesem Frühjahr die Möglichkeit hatte, dort zu sein. Die Leute sind alle hochgradig spezialisiert und bgeistert bei der Sache. Nur mangelt es dort auch an Geld für größere Grabungen.


Frage: Sind die Ausgrabungsstätten in Amarna frei für öffentliche Besichtigungen?


Matthes: Die Grabungsstätten selbst sind nicht frei zu besichtigen. Man kann aber die Felsgräber, welche sehr beeindruckend sind, besichtigen. Allerdings benötigt man hierfür eine Voranmeldung oder man fährt mit einer entsprechenden Reisegruppe, die auch Amarna besucht.


Frage: Hatten Sie die Möglichkeit, bei Ausgrabungen in Agypten teilzunehmen? Wenn ja, wo?


Matthes: In diesem Frühjahr war ich in Amarna und durfte dort unter Barry Kemps Leitung arbeiten.


Frage: Ich möchte für mein Abitur eine Dokumentation über eine Ausgrabung, an der ich selbst teilgenommen habe, abgeben. Wie/Wo kann man sich denn für eine Ausgrabung bewerben?


Matthes: Für eine Ausgrabung in Ägypten kann man sich erst als Student bewerben.

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