"Das Publikum erkennt seine Vorfahren wieder"

Interview mit dem Paläontologen Yves Coppens

Yves Coppens ist ein international renommierter Paläontologe, Professor am College du France und Mitglied der Academie des Sciences und war einer der wissenschaftlichen Berater von "Homo sapiens". Das Interview führte Buch- und Drehbuchautor Frédéric Fougea.


Frédéric Fougea: Was hat sie daran interessiert, an dem Projekt "Homo sapiens" mitzuarbeiten?


Yves Coppens: Die Spezies Homo sapiens ist unsere eigene Art. Der frühe Homo sapiens ist unbestritten unser Vorfahr, und die 6,5 Milliarden Menschen, die heute auf der Erde leben, stammen alle von diesem ab.


Fougea: Wie sehen sie Ihre Rolle bei der Zusammenarbeit?


Coppens: Ich glaube, die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, dem Künstler zu sagen, was die Wissenschaft weiß oder auf einem bestimmten Gebiet zu wissen glaubt. Aber an dieser Stelle muss der Wissenschaftler aufhören und der Vorstellungskraft des Künstlers freien Lauf lassen, ihm freie Hand geben, damit er vor den verwunderten Augen des Wissenschaftlers davonfliegen kann.

Vorteile des Dokudramas


Fougea: Worin sehen sie den Vorteil des Dokudramas?


Coppens: Wir Wissenschaftler arbeiten mit Schädeln und solchen Dingen. Die Leute sehen sie im Museum und sind zufrieden. Wir zeigen ihnen Funde, aber alles bleibt trotzdem ein wenig abstrakt. Wenn ein Regisseur wie Malaterre mit seinem großen Einfühlungsvermögen unsere Vorfahren wieder ins Leben zurückholt, dann stellt er sie so dar, dass das Publikum sich in ihnen sieht und mit einem Mal seine Vorfahren wiedererkennt. Das ist wundervoll!


Fougea: Welche technischen Hilfsmittel haben Sie verwendet, um das Aussehen unserer Vorfahren zu ermitteln?


Coppens: Die Gerichtsmedizin hat uns bei der Rekonstruktion der Gesichter sehr geholfen. Die Polizei kann anhand von Knochen Phantombilder anfertigen. Durch die Vertiefungen und Mulden auf den Knochen kann man Rückschlüsse auf die weichen Partien eines Gesichts ziehen und kommt schließlich zu einem Verständnis des Gesichts.


Fougea: Für "Homo sapiens" wurden aber nicht nur Menschen, sondern auch Tiere rekonstruiert. Woher weiß man beispielsweise, wie ein Mammut aussieht?


Coppens: Das Mammut ist ein elefantenartiges Tier. Man hat nicht nur sein Skelett gefunden, sondern sogar ganze Körper mit Weichteilen und Fell. Deshalb hatte man gar keine Schwierigkeiten, seine Gestalt zu rekonstruieren, die Statur, die Oberfläche - alles war da.

Hinweise auf frühe Sprachen


Fougea: Es wurde für den Film aber auch weniger Greifbares rekonstruiert, zum Beispiel eine frühe Sprache. Gibt es denn Hinweise darauf, dass unsere Vorfahren gesprochen haben?


Coppens: Die artikulierte Sprache muss sehr alt sein. Ich wäre nicht erstaunt, wenn die Sprache so alt wäre wie der Mensch selbst, das würde heißen: etwa drei Millionen Jahre alt. Es ist offensichtlich, dass die Sprache von damals nicht die sein kann, die wir heute benutzen.


Fougea: Welche Belege gibt es für die Sprache des frühen Sapiens?


Coppens: Die Elemente, die wir haben, sind das Gehirn, der Mund und die Stimmbänder. Hinzu kommt die Kunst: Man sieht anhand der Qualität der Zeichnungen und Gravuren, dass die Kommunikation bereits weit fortgeschritten war.


Fougea: Können wir diese Nachrichten von damals verstehen?


Coppens: Die ersten Malereien waren meistens Tierbilder. Man kennt ja die Zeichnungen von Bisons, Mammuts und Rhinozerossen aus unseren Höhlen. Sie sind zwar eher abstrakt, aber was heißt in diesem Zusammenhang abstrakt? Das bedeutet oft nur, dass man sie nicht versteht. Man muss jedoch bedenken, dass einem selbst Malereien, die konkret sind, unverständlich sein können. Diese Mitteilungen waren damals etwas Heiliges, und wir haben mit den Menschen, die diese Höhlen bemalten, viele Dinge gemeinsam.

Was bewegte Homo sapiens?


Fougea: Welche Themen beschäftigten unsere Ahnen?


Coppens: Der Versuch, die Welt zu erklären, und zwar mit einem mythischen Ursprung - dieser Gedanke ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich glaube, dass sobald der Mensch ein Bewusstsein hatte - vielleicht also sogar schon der Vormensch - gibt es die Existenzangst. Jeder Ursprungsmythos, den es auf der Welt gibt, erklärt auf die eine oder andere Weise, woher wir kommen und wohin wir gehen, um diese Existenzangst ein wenig zu lindern. Der Mensch ist auf der einen Seite ganz klein auf einem kleinen Planeten, umgeben von Milliarden anderer Sterne, und gleichzeitig ist er riesengroß, denn er ist das einzige denkende Lebewesen. Es gibt das hübsche afrikanischen Sprichwort: Wenn du nicht mehr weißt, wo du hingehst, halt an, dreh dich um und schau, wo du herkommst.

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