Das quietschbunte Mittelalter

Lübecks Kloaken als wahre Schatztruhen

Autorin Gisela Graichen über die Grabung in Lübeck und unerwartete Erkenntnisse.

Holländischer Fayenceteller aus dem Mittelalter
Holländischer Fayenceteller aus dem Mittelalter Quelle: ZDF

Es war ein schöner Tag, nichts deutete darauf hin, wie grausam er enden würde. Als am Sonnabend, 28. März 1942, die Nacht hereinbrach, war es klar und kalt, der volle Mond spiegelte sich in den Gewässern rund um die Altstadtinsel von Lübeck. Ein im hellen Licht liegendes, perfektes Angriffsziel. Die Bomberflotte der Royal Air Force kam aus Richtung Neustadt. Um 23.18 Uhr ertönte der erste Fliegeralarm. Bis drei Uhr morgens warfen 234 Flugzeuge 400 Tonnen Bomben ab, davon ganz gezielt aus nur 600 Meter Höhe 25 000 Brandbomben. Für die RAF Bomber Command eine "gelungene Premiere" des "moral bombing", die Rache für den deutschen Luftangriff auf Coventry.

Lübeck nach dem Bombardement
Lübeck nach dem Bombardement

Gespenstisches Glockenläuten

Es war der erste Test des Flächenbombardements eines deutschen Großstadtkerns. Die mittelalterlichen Häuser und Kirchen standen bald in Flammen. Vor allem das historische Gründerviertel der ersten Lübecker Kaufleute von der Trave den Hügel hoch bis zur Marienkirche wurde weit gehend zerstört. Bald loderten auch die Türme der Marienkirche wie zwei gigantische Fackeln. Das Löschwasser war eingefroren, es gab keine Rettung. Um fünf Uhr morgens brachen die Türme zusammen, die rot glühenden Glocken läuteten noch einmal gespenstisch. Es war die Nacht zu Palmsonntag.

Marienkirche in Lübeck
Marienkirche in Lübeck

Die mächtige Marienkirche war die Marktkirche der Lübecker Fernkaufleute. 100 Jahre lang, von 1250 bis 1350, wurde sie erbaut. Noch nie zuvor war eine so hohe Kirche aus Backstein errichtet worden. Mit dem knapp 40 Meter hohen Mittelschiff war und ist es das höchste Backsteingewölbe der Welt. Ein stolzes Symbol reicher, unabhängiger Bürger einer freien Reichsstadt, das den von Heinrich dem Löwen gestifteten nahe gelegenen Dom überragt. Ein Symbol von Macht und Wohlstand einer stolzen, selbstbewussten Kaufmannschaft und der Königin der Hanse. Schon 1947 hatte man mit dem Wiederaufbau der Marienkirche begonnen. Das alte Hanseviertel jedoch hinunter zum Travehafen wurde über den Trümmern zubetoniert, darauf wurden Parkplätze und in den 60er Jahren ein moderner Berufsschulkomplex errichtet.

Einmalige Chance

Grabung in Lübeck
Grabung in Lübeck

Mit dem Abriss der Schulgebäude bietet sich den Archäologen nun eine einmalige Chance. Die Keimzelle der Hanse liegt ihnen zu Füßen. Deutschlands größte Stadtgrabung beginnt. An unseren ersten Drehtagen konnte noch mit der Kamera verfolgt werden, wie mächtige Bagger die Schulgebäude abbrachen und den Betonboden aufrissen. Darunter liegen wie in einer Zeitkapsel geschützt die Fundamente und Keller der ersten Siedler. Über dem ehemaligen Schulhof spannt sich jetzt ein großes Zelt, so dass Sommer wie Winter gegraben werden kann.

Bis in das 12. Jahrhundert ist man vorgedrungen und erfährt Schicht für Schicht viel Neues, Unbekanntes zum Leben der ersten Kolonisten, der Hanse-Patrizier und der Entwicklung der ältesten Stadt an der Ostsee. Bis 2013 sollen 9000 Quadratmeter archäologisch untersucht werden. Das ist nur möglich mit einer ordentlichen Finanzspritze von neun Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm für Welterbestätten. Denn die historische Altstadt Lübecks mit der Marienkirche ist UNESCO-Weltkulturerbe und diese Grabung von besonderer Bedeutung, tauchen wir doch ein in die Anfänge der Deutschen Hanse.

Kloaken als Schatzgruben

Mittelalterliche Kloake in Lübeck
Mittelalterliche Kloake in Lübeck

Die Nachrichten aus der Vergangenheit sind vielfältig. Die frei gelegten Baustrukturen der typischen Dielenhäuser zeigen das Lübeck der Buddenbrooks, wie Thomas Mann es beschrieb. Doch das Schönste für die Archäologen sind immer die Kloaken, ihre Schatzgruben. Da wurde alles hineingeworfen, das nicht mehr gebraucht wurde, und blieb im modrig-feuchten Milieu wunderbar erhalten: kaputtes Spielzeug, Schuhsohlen, Reste von zerbrochenem Geschirr und Gläser, Kleidung, auch Wertvolles, das bei der Sitzung auf dem Brett mit dem Loch aus der Tasche gefallen war, und der Abfall von Bernsteinperlen, die der "Paternostermaker", der Rosenkranzmacher, hier in seinem Haus um 1200 drechselte.

Bernsteinfunde in Lübeck
Bernsteinfunde in Lübeck

Durch die Grabungen können die Wissenschaftler die Entwicklung der mittelalterlichen Kultur über Jahrhunderte verfolgen. Und die Mär vom tristen, grauen, finsteren Mittelalter widerlegen. Das überraschende Ergebnis fasst Professor Manfred Gläser, Leiter des Bereichs Archäologie und Denkmalpflege, zusammen: "Das Mittelalter war strahlend, fröhlich, bunt! Quietschbunt", wie er es nennt. Die Kleidung, das Geschirr, die Häuserfassaden, das Spielzeug. Die Grabungen belegen: Es war ein pralles, vitales, erotisches, farbenfrohes Zeitalter.

Erstaunliche Spielzeugfunde

Mittelalterliche Spielzeugfiguren
Mittelalterliche Spielzeugfiguren Quelle: Hansestadt Lübeck, Bereich Archäologie und Denkmalpflege

Und mit einem anderen Vorurteil kann gleich mit aufgeräumt werden: Bis vor 20 Jahren waren die Historiker überzeugt, dass es im Mittelalter keine Kindheit gab. Dass die Kinder schon früh arbeiten mussten und keinerlei Freizeit hatten. Professor Gläser: "Das lässt sich eindrucksvoll durch die vielen Spielzeugfunde widerlegen. 600 wurden bislang freigelegt: Kreisel, Brettspiele, Marionetten, Spielsteine, Puppen mit Kleidungsresten für die Mädchen, glasierte Pferdchen mit kleinen Rittern für die Ritterspiele der Jungen."

Bis zum September 2013, dem vorgeschriebenen Ende der Grabungen, wird sicher noch manches Unerwartete ans Tageslicht kommen. 9000 Quadratmeter bei etwa drei Metern Tiefe bedeuten 27 000 Kubikmeter Erdreich, das 2700 große Container füllt. Vorsichtig Krümel für Krümel ausgegraben mit kleinen Maurerkellen. Man darf gespannt sein.

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