Das Rätsel Trojanischer Krieg

Wissenschaftler suchen nach historischen Fundamenten

Der Ort, den Heinrich Schliemann als Troja identifizierte, ist bis heute die berühmteste Grabung deutscher Archäologen. Das Team unter der Leitung des Tübinger Professors Ernst Pernicka erforscht mehr als hundertdreißig Jahre nach dem ersten Spatenstich immer noch, was hier tatsächlich begraben liegt.

Ruine einer Burg Quelle: ZDF

Bis heute hat die Idee, dass der Gründungsmythos des klassischen Abendlandes auf historischen Fundamenten beruht, nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Um die wechselvolle Geschichte des Hisarlik-Hügels zu ergründen, arbeiten Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen Hand in Hand. Zusammen mit den Archäologen dechiffrieren hier auch Geologen, Botaniker, Zoologen und Anthropologen die Nachrichten aus der Vergangenheit. Zum Beispiel die Entschlüsselung von Knochenfunden.

Kein Trojanischer Krieger

Schädel Quelle: ZDF

Eines der Untersuchungsobjekte ist ein Schädel eines ungefähr 25-jährigen Mannes, der keines natürlichen Todes gestorben ist. Die scharfkantige Verletzung könnte durch ein Schwert oder eine andere Waffe verursacht worden sein. Möglicherweise war der Tote ein Opfer des "Trojanischen Krieges". Doch die Untersuchung des Schädels ergibt ein anderes Bild. Der Mann ist nicht im Kampf, sondern bei einer Operation gestorben. Auch das Alter des Skeletts passt nicht zum Trojanischen Krieg. Der Mann starb rund 500 Jahre früher - um 1700 vor Christus.

Aus der Zeit des Trojanischen Krieges hingegen stammt eine gewaltige Festungsmauer: mehr als 550 Meter lang, fast acht Meter hoch. Auch imposante Verteidigungstürme standen hier - so, wie Homer es beschreibt. Aber eins passt nicht zu den Angaben in der Ilias: Die Festung ist zu klein. Selbst Schliemann hatte Zweifel, ob die Ansiedlung einer zehnjährigen Belagerung hätte standhalten können. Bewegung in diese Frage kommt erst 1988, als Wissenschaftler der Universität Tübingen die Ausgrabungen in Troja wieder aufnehmen. An den Befestigungsanlagen machen sie eine erstaunliche Entdeckung. Am knapp dreieinhalb Meter breiten Tor der Zitadelle gibt es keinerlei Anzeichen für eine Verriegelung. Möglicherweise sollten hier Streitwagen passieren können.

Bild einer magnetischen Bodenprospektion Quelle: ZDF

Keramik aus der Bronzezeit

Außerhalb der Festungsmauer vermuten die Forscher eine weitere Wallanlage. Tatsächlich finden sie an zahlreichen Stellen in der nahen Umgebung Keramik aus der Bronzezeit - ein Hinweis auf eine Ansiedlung außerhalb der Bastion. Um die Ausmaße einer solchen Unterstadt festzustellen, werden die bronzezeitlichen Scherben-Vorkommen per Computer erfasst und mit weiteren Daten verknüpft. Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse der magnetischen Bodenprospektion. Unterirdische Objekte wie Ziegel oder Mauern stören das natürliche Magnetfeld der Erde. Mit moderner Technik werden sie sichtbar.

Die Archäologen vermuten eine weitere Mauer - doch stattdessen entdecken sie einen zwei Meter tiefen und vier Meter breiten Graben, der in den Kalkfelsen geschlagen wurde. Datiert wird das Hindernis genau auf die Zeit, in der Homers Epos spielt. Die Vertiefung zieht sich mehrere hundert Meter durch das Gelände. Die Forscher der Universität Tübingen sind davon überzeugt, dass zwischen Graben und Festung eine große Unterstadt existierte, die zusammen mit dem Burgberg das alte Troja gebildet hat. Eine antike Metropole mit bis zu zehntausend Bewohnern.

Graben Quelle: ZDF

Troja hat existiert

137 Jahre nach Schliemanns Grabungsbeginn gilt die Existenz Trojas heute als gesichert. Der Realitätsbezug in Homers Epos beschäftigt die Wissenschaft bis heute. Tatsächlich weist die Hälfte der Schichten in Troja Spuren kriegerischer Auseinandersetzungen auf. Auch die Schichten, die zeitlich zu Homers Schilderungen vom trojanischen Krieg passen.

Teile eines Briefes Quelle: ZDF

Die Frage nach dem Trojanischen Krieg führt an die Universität Oxford. Hier arbeiten Wissenschaftler seit Jahrzehnten an der Entzifferung von tausenden von Papyrusschnipseln, aus der ägyptischen Wüstenstadt Oxyrynchus. Erst vor kurzem wurden die Reste eines Gedichtes aus dem siebten Jahrhundert vor Christus entdeckt. Die Verse lassen den Mythos vom Trojanischen Krieg in neuem Licht erscheinen. Die Zeilen des griechischen Lyrikers und Soldaten Archilochos bestätigen, dass es sich beim Krieg um Troja nicht um eine Erfindung Homers handelt. Der Papyrus ist neben Homers Ilias die zweite Quelle, die von den dramatischen Ereignissen in der späten Bronzezeit berichtet.





Einfluss der Hethiter

In dieser Schlacht werden die expansionshungrigen Griechen geschlagen - doch sie kommen wieder. An der kleinasiatischen Küste legen sich die Hellenen jedoch nicht nur mit einer regionalen Festung an, sondern mit einer altorientalischen Großmacht. Nach dem aktuellen Stand der Forschung gehörte Troja nicht - wie lange angenommen - zum griechischen Kulturkreis, sondern zum Einflussbereich der Hethiter.

Das einzige in Troja gefundene Schriftzeugnis ist ein Siegel mit luwischer Inschrift, einer Sprache, die im Hethiterreich verwendet wurde. Das mächtige Volk herrscht im zweiten Jahrtausend vor Christus über weite Teile Anatoliens und Syriens und ist dem großen Ägypten ebenbürtig. Bei ihren Vorstößen treffen die Mykener demnach auf eine Supermacht der Antike. Es ist vermutlich der erste große Ost-West-Konflikt der Weltgeschichte.

Karte Mykene und Reich der Hethiter Quelle: ZDF

Legende von der großen Schlacht

Die Auseinandersetzungen zwischen den Mykenern und den Hethitern an der kleinasiatischen Küste erstrecken sich über etwa zwei Jahrhunderte. Am Ende ist die gesamte Region zerstört. Das Reich der Hethiter existiert nicht mehr, die mykenischen Paläste brennen, genau wie Troja. Das Altertum versinkt in tiefem Dunkel. Was bleibt, ist die Legende einer großen Schlacht - 400 Jahre später aufgeschrieben in der Ilias von Homer. Schliemann hatte den Zeilen des Dichters vertraut und war auf der Suche nach dem Palast des Priamos - ohne es zu realisieren - auf die Überreste eines ersten großen Krieges zwischen Europa und dem Orient gestoßen.

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