Das Rätsel von Tunguska

Eine Katastrophe mit unbekannter Ursache traf Sibirien vor hundert Jahren

1908 wurde die Taiga Mittelsibiriens von einer Explosion mit einer Energie von tausend Hiroshima-Bomben getroffen. Die Druckwelle setzte Wälder in Brand und knickte Millionen von Bäumen wie Streichölzer um. Noch in Westeuropa waren nachts geheimnisvolle Leuchterscheinungen am Himmel zu beobachten. Bis heute rätseln die Wissenschaftler, was die Katastrophe auslöste.

Wald in Flammen Quelle: ZDF

Was passierte vor hundert Jahren wirklich? Die Ermittlungen der Forscher gleichen einer spannenden Detektivgeschichte. Eine Erklärungsmöglichkeit stand dabei schon früh im Fokus: der Einschlag eines Meteoriten.

Suche nach dem Krater

Meteoriten sind Bruchstücke von Asteroiden - kleine Himmelskörper mit einem Durchmesser von einigen Metern bis zu mehreren Hundert Kilometern. Prallen sie auf ihrem Weg um die Sonne zusammen, können sie aus ihrer Umlaufbahn geschleudert werden und als Meteoriten in die Erdatmosphäre eindringen. Doch wo sich ein Einschlag ereignet, muss auch ein Einschlagskrater zu finden sein. Schließlich kann ein Meteorit nicht spurlos verschwinden.

Meteoritenkrater Quelle: dpa

In Modellen stellten Forscher die Katastrophe nach. Sie fanden heraus, dass das Epizentrum nahe dem Fluss Steinerne Tunguska liegen müsse, und machten sich dort auf die Suche nach dem Krater. Ganze Seen wurden ausgepumpt. Doch immer wieder wurden die Forscher enttäuscht. Nirgends fanden sie eindeutige Indizien für ihre Theorie. Bis heute, hundert Jahre später, sind weder Meteoritenstücke noch ein Krater gefunden worden. Immer noch gibt es aber Kandidaten, deren Untersuchung erst mit modernen Methoden möglich ist. Insofern konnte die Meteoritentheorie bis heute weder widerlegt noch bestätigt werden.

Ein Komet, der vom Himmel fällt

Einen Ausweg aus dem Dilemma bot ein anderes Erklärungsmodell, das sowjetische Astronomen in den dreißiger Jahren erstmals publik machten: Nicht ein Meteorit, sondern ein Komet könnte in die Erdatmosphäre eingedrungen sein. Kometen bestehen in erster Linie aus Wassereis und gefrorenen Gasen wie Kohlendioxid - man spricht auch von "schmutzigen Schneebällen". Ein Komet könnte schon einige Kilometer über dem Boden explodiert sein, es gäbe dann keinen Einschlagkrater. Die Folgen wären dennoch verheerend.

Komet mit Dampfschweif Quelle: ZDF

Zwar könnten auch einige Meteoritenarten vor dem Aufprall auf der Erde explodieren. Das Kometen-Modell aber erklärt noch ein weiteres Phänomen: Auf dem Weg zur Erde verdampft ein Großteil des Kometeneises. Die Dampfschwaden reflektieren das Sonnenlicht, sodass es auch im westlicheren Asien und in Europa zu sehen gewesen wäre, wo es bereits Nacht war.

Vielzahl an Theorien

Das Rätsel von Tunguska bleibt dennoch weiter ungelöst, denn auch die Kometentheorie hat ihre Schwächen: Seit der Erforschung des Kometen Shoemaker-Levy-9 im Jahr 1994 vermutet man, dass die Masse eines "schmutzigen Schneeballs" mehrere Millionen Tonnen betragen müsste, damit es zu einer Explosion kommt; kleinere Kometen verglühen in der Atmosphäre. Den Berechnungen nach hatte das Tunguska-Objekt aber nur eine Masse von rund 100.000 Tonnen.

Solange die Forscher keine eindeutigen Beweise liefern, sind Spekulationen Tor und Tür geöffnet. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gab es eine Vielzahl bizarrer Theorien. Ein UFO mit Nuklearantrieb, so glaubten einige sowjetische Wissenschaftler in den 1950er-Jahren, sei über der eurasichen Landmasse wie eine Atombombe explodiert. Immerhin wurde damals in Bodenproben aus dem Tunguska-Gebiet erhöhte Radioaktivität nachgewiesen. Andere geben dem berühmten Physiker Nikola Tesla die Schuld, der um 1900 in der Nähe New Yorks arbeitete. Seine Vision war es, Strom kabellos über die Ionosphäre zu übertragen. Laut den Verschwörungstheorien soll ein geheimes Experiment dabei schiefgegangen sein.

Gigantische Gasexplosion

Es gibt jedoch eine seriöse, wissenschaftlich fundierte Theorie, die nicht in der Weite des Alls, sondern in der Tiefe der Erde die Ursache für die Katastrophe vermutet: Eine vulkanartige Eruption könnte riesige Mengen Erdgas explosionsartig in die Atmosphäre geschleudert haben.


Leichte Bestandteile des Erdgases wie Helium, Wasserstoff, Wasserdampf und Methan können noch viel höhger, bis in die oberste Atmosphäre, steigen. Dort friert der Wasserdampf zu Schneekristallen aus, die das Sonnenlicht streuen und bis in ferne Gegenden die Nacht erhellen. Somit sind mit diesem Modell auch die in Europa gesichteten Lichterscheinungen am Nachthimmel zu erklären.

Leuchterscheinungen Nachthimmel Quelle: ZDF

Einen Haken gibt es aber auch hier: Viele der Augenzeugen, die von den Forschern in den 1920er Jahren befragt wurden, berichteten, dass sie einen gigantischen Feuerball gesehen hätten, nicht etwa eine Feuersäule. War es vielleicht doch ein runder Himmelskörper, der auf die Erde zuraste? Das Rätsel von Tunguska bleibt weiterhin ungelöst. Sicher ist aber, dass die Katstrophe keine Menschenopfer gefordert hat. Die Größe Sibiriens und seine dünne Besiedlung entpuppten sich in diesem Fall als Segen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet