"Das soll erst der Anfang sein"

Ein Drehbericht von Peter Prestel

Der Autor und Produzent der Prussia-Dokumentation erzählt von phantastischen Geschichten und mulmigen Gefühlen in muffigen Räumen. Am Ende steht das Entdeckerglück des Dokumentarfilmers und des Archäologen Timo Ibsen. Und die Erkenntnis: wir kommen wieder.

Forschergruppe am Eingang von Fort III Quelle: ZDF

Es ist feucht, dunkel, moderig. Die Wände glänzen im schwankenden Schein unserer Lampen vor Nässe. Verwaschene, seltsame Schriftzeichen auf den Wänden machen die Atmosphäre noch unheimlicher. Wir gucken uns fröstelnd an. Bei jedem Atemstoß bildet sich Nebel vor dem Mund. Seit einer viertel Stunde irren wir stolpernd durch die düsteren, lichtlosen, mit Weltkriegsschrott übersäten Gänge, über ungesicherte Treppen immer tiefer hinein in ein Labyrinth aus Kasematten, Munitionskammern und ehemaligen Kanonenstellungen. Wir bleiben kurz stehen, um die Zeichen näher zu untersuchen. Im Lichtkegel unserer Taschenlampen erkennen wir: es sind japanische Schriftzeichen.

Möglichst gruselig

Die Verwirrung ist komplett, suchen wir doch in den Ruinen von Fort III, Teil eines 130 Jahre alten Festungsrings in den Außenbezirken von Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, nach Spuren des verschollenen Prussia-Schatzes. "Was machten die Japaner in Ostpreußen?", lautet meine verdutzte Frage an Timo Ibsen, den Schleswiger Archäologen, der uns auf die Fährte des legendären Schatzes gebracht hat. Seine Antwort: "Die Sowjets drehten nach Kriegsende hier einen Propagandafilm über ihre Erfolge im Krieg gegen die Japaner. Und das hier sollte ein japanisches Gefangenenlager darstellen, eben möglichst gruselig." Eine phantastische Geschichte.

Als wir endlich wieder die eisige aber klare Winterluft atmen und in einem Innenhof der gewaltigen Festung stehen, erzählt Timo uns die nicht minder phantastische Geschichte, die uns zu Fort III brachte: "Das 1997 vom russischen Militär geräumten Backstein-Fort, das gut hundert Jahre vorher, genauer 1894 den Namen des 99-Tage- Kaisers Friedrich III. erhielt, ist das prussische Atlantis. Hier haben meine russischen Kollegen Walujew, Skworzow und Kulakow Teile der für immer verloren geglaubten Prussia-Sammlung gefunden. Wie Phönix aus der Asche tauchten nach dem Abzug des russischen Militärs über 15.000 archäologische Objekte auf, die im Fort anscheinend vergraben waren." Auf Schwarzmärkten waren Stücke angeboten worden, in Verhören gaben die Raubgräber schnell zu, woher sie stammten.

Fund eines verrosteten Speeres Quelle: ZDF

Tödliche Gefahr

Doch das soll erst der Anfang sein. Mit laufender Filmkamera verfolgen wir Ibsen und seine russischen Kollegen beim Versuch der "Hebung der gesunkenen Titanic der prußischen Archäologie", wie Professor Wladimir Kulakow das Vorhaben effektvoll umschreibt. Zurück im modrigen Dunkel der Kasematten untersuchen die Forscher einen mit Bauschutt angefüllten Raum. Sie gehen vorsichtig zu Werke, sondieren immer wieder mit einem Bajonett das Erdreich, denn Blindgänger sind in diesem ehemaligen Munitionsdepot eine tödliche Gefahr.

Um die Nerven zu beruhigen, halten die Russen sich strikt an die viertelstündliche Zigarettenpause. Danach sieht man zwar noch weniger, doch irgendwie scheint das Ritual Glück zu bringen. In schneller Folge finden die Archäologen eine Speerspitze und eine Axt. "Eindeutig Stücke aus dem Prussia-Schatz", jubelt Ibsen im Entdeckerglück. Doch sie wollen mehr, sie wollen vielleicht sogar die Schmuckstücke der ehemaligen symbolkräftigen Vorzeigeausstellung, der Schausammlung im Königsberger Schloss, sie wollen Gold und Silber finden. Denn nun wissen wir: die Schausammlung hat Königsberg nie verlassen, dazu war es Ende Januar 45 zu spät.

Ausgrabungen an der Außenmauer von Fort III Quelle: ZDF

Nur ein Täuschungsmanöver?

Ein zweiter Trupp gräbt im Innenhof. Auch hier kommen aber vorerst "nur" Alltagsgegenstände zu Tage. Als wir dann auf eigene Faust mit der Kamera durch die Festung ziehen, gelangen wir irgendwann wieder an die japanischen Schriftzeichen. "Wahrscheinlich sind die Funde auch nur ein Täuschungsmanöver, um uns vom großen Versteck abzulenken, so wie das vermeintliche Gefangenenlager", meint unser etwas angefressener Kameramann, der vom Goldschatz vor seiner Linse träumt. Doch das Leben ist kein Wunschkonzert, das gilt für die Archäologen wie für uns Dokumentarfilmer. Deshalb werden wir morgen wiederkommen.

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