Das Syndikat der Priester

Unschlagbare Allianz

Die heilige Pythia in Ekstase war ein willenloses Werkzeug harter Realpolitik. Ihre zusammenhanglosen Sätze wurden gedeutet und benutzt von den Männern, die tatsächlich die Macht besaßen - von den Priestern des Apollon.

Mit taktischem Kalkül machten die Priester des Apollon Delphi zur führenden Orakelinstanz der antiken Welt. Eine politische Meisterleistung. Das einzige, was fortan bei Königen und Staatsmännern zählte, war ein weiser Spruch der Pythia. Selbst renommierte Autoren sammelten ihre Prophezeiungen. Die Schriften enthüllen: Die Methoden, um die Monopolstellung des Heiligtums über tausend Jahre zu erhalten, waren ausgeklügelt bis ins letzte Detail.

Herausragende Stellung

Ihre herausragende Stellung verdankte die Weihestätte auch ihrer zentralen Lage. Von allen Seiten war der Ort gut erreichbar: vom Peloponnes über den Isthmus von Korinth, vom Norden über das griechische Festland, von den Inseln und Küstenstädten auf dem Seeweg.

Um 600 vor Christus unternahmen die Verantwortlichen den ersten Schritt hin zum Delphi-Syndikat. Sie gründeten einen Zwölfstämmebund mit Sitz beim Heiligtum. Oft bekleideten die Mitglieder des Rates auch das Priesteramt. Weltliche und religiöse Autorität verschmolzen zu einer unschlagbaren Allianz. Systematisch baute die Führungselite Delphi zur größten Informationsbörse Griechenlands aus.

Eigene Sportwettkämpfe

Um seine Position zu untermauern, veranstaltete der Ort sogar eigene Sportwettkämpfe. Alle vier Jahre ertönten die Fanfaren zur Eröffnung der pythischen Spiele. Das Spektakel war fast so erfolgreich wie das von Olympia. Die Athleten strömten von überall herbei. Den Siegern winkte unsterblicher Ruhm. Besonders, wenn sie es sich leisten konnten, ihren Triumph durch Statuen im Tempelbezirk zu verewigen.

Viele Historiker sehen Delphi als Mekka der Antike. Unaufhörlich zogen Delegationen in das Heiligtum. Nicht nur, um die Zukunft zu befragen, sondern auch um zu beten oder ein Gelübde einzulösen. Zum Dank für günstige Orakelsprüche schickten die Herrscher wertvolle Weihegeschenke. Nach jeder siegreichen Schlacht erhielt Delphi einen fürstlichen Anteil der Kriegsbeute.

Berge von Kostbarkeiten

Krösus, der reichste Mann seiner Zeit, soll als Lohn für den legendären Orakeltest allein 117 Barren Gold und einen schweren Mischkrug gestiftet haben. Im 5. Jahrhundert vor Christus besaß die Kultstätte Berge von Kostbarkeiten. Sie präsentierte sich als Hochburg politischer Einflussnahme, als finanzstarkes Zentrum mit imposanten Monumenten, überragt von der 15 Meter hohen Statue des Apollon. Der Nabel der Welt.

Perfekter Machtapparat

Die Priester wussten ihre priviligierte Stellung geschickt zu behaupten. Ihr Machtapparat funktionierte perfekt. Mit einer glühenden Nadel öffneten die Herren des Tempels die Wachstäfelchen, auf denen Kunden ihre Fragen für die Pythia niedergeschrieben hatten. Ungestört lasen die Priester die Zeilen und überlegten sich passende Antworten. Tricks, die zumindest eine Schmähschrift aus jenen Tagen den frommen Männern unterstellt.

Damit der Schwindel nicht aufflog, versiegelten sie das Dokument wieder. Damals offenbar eine gängige Praxis. Wie sonst hätte die Pythia die Testfrage des Krösus beantworten können? Dafür gibt es nur eine plausible Erklärung: Nachdem die Priester die Frage gelesen hatten, schickten sie einen Spion aus. Er fand heraus: Der König wird am Orakeltag Suppe kochen. Unterhielt Delphi eine Geheimorganisation, eine Art CIA der Antike? Hinweise darauf liefert die Literatur. Delphi und andere bedeutende Heiligtümer betrieben demnach in größeren Städten Außenstellen. Ein dichtes Netzwerk für blitzschnellen Informationstransfer.

Die kluge Strategie machte den Ort mächtig. Die verfeindeten Stadtstaaten drängten das Apollonheiligtum in die Rolle einer Zentralregierung. Doch Delphi ist oft weit davon entfernt, gesamtgriechische Interessen zu vertreten. Im Notfall unterstützt die Priesterclique sogar den Erzfeind - die Perser.

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