Das Theater zur Zeit Elisabeths I.

London im Bann neuer aufregender Bühnenstars

Berufsschauspieler sind in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in England eine neue Erscheinung im Theaterleben. Meistens waren die Spieler Laien, wie Shakespeare sie im "Sommernachtstraum" mit der Handwerkertruppe um Peter Squenz auf die Bühne bringt. Das Publikum ist begeistert und strömt in Scharen zum Theater.

Theaterpublikum im "Globe Theatre" (Spielszene)
Theaterpublikum im "Globe Theatre" (Spielszene)

Schauspieler gelten im 16. Jahrhundert als vogelfreie Landstreicher. Daher ist es wichtig, Anstellung und Schutz bei einer mächtigen Persönlichkeit zu finden. London zur Zeit Elisabeths bietet mit seiner gärenden Vielfalt offener und verdeckter Machtspiele hervorragende Bedingungen für die Entwicklung des Berufstheaters. Theaterautoren greifen aktuelle Themen auf. Sie sprechen in bester Narrentradition aus, was offen weder gesagt noch gedacht werden darf. Im Theater kann man beides sein: frei und zugleich finanziell erfolgreich. William Shakespeare, der heimliche Katholik und Geschäftsmann aus Stratford, erkennt und nutzt seine Chance konsequent: Er verlässt Stratford und beginnt in London ein neues Leben.

Shakespeare und die "Lord Chamberlain's Men" (Spielszene)
Shakespeare und die "Lord Chamberlain's Men" (Spielszene)

Ungeahnter Aufschwung

Im Jahr 1574 erlässt der Bürgermeister von London unter dem Druck der Puritaner und der ständigen Gefahren durch die Pest ein Gesetz, dass es Schauspielern wie auch Veranstaltern von Tierkämpfen verbietet, sich innerhalb der Stadtgrenzen zu betätigen. James Burbage, ein Schauspieler und ehemaliger Tischler hat eine zündende Idee, die zu ungeahntem Aufschwung führt. Er wird zum Theaterunternehmer, indem er 1576 erstmals eigene Theaterhäuser im Norden außerhalb der Stadtgrenzen baut: "The Theatre" und "The Curtain". Das "Curtain" wird die Spielstätte der "Lord Chamberlain's Men". Ihnen hatte sich William Shakespeare, vermutlich bald nach seiner Ankunft in London, spätestens jedoch 1594 angeschlossen. Rasch erwirbt er sich einen Namen als Stückeschreiber und Schauspieler.

Publikum im "Globe Theatre" (Spielszene)
Publikum im "Globe Theatre" (Spielszene)

Als das "Curtain" 1598 wegen Pachtstreitigkeiten geschlossen wird, bauen die "Chamberlain's Men" südlich der Themse eine neue Spielstätte: Das "Globe Theatre", nahe dem "Rose Theatre" von Philip Henslowe und dem "Swan Theatre" des Goldschmieds Philip Langley. Bei der Neueröffnung wird William Shakespeare als einer von fünf beteiligten Schauspielern der Truppe Miteigentümer, er erwirbt ein Zehntel Anteil am neuen Unternehmen. Auch beim "Blackfriars" steigt er als Unternehmer mit einem Siebtel Beteiligung ein. Zeitweilig spielen in der Stadt London mit ihren 200.000 Einwohnern bis zu sieben Theater. Häuser wie das "Globe" fassen bis zu 3000 Zuschauer. Wenn erfolgreiche Stücke zehn Mal vor ausverkauftem Haus gezeigt werden konnten, so lässt sich daran die Theaterbegeisterung des Publikums ermessen.

Am Erfolg beteiligt

Ein Theaterautor kann von einem Verleger damals pro Stück zwei Pfund Honorar erwarten. Findet er einen Gönner, dem er sein Werk widmen darf, bringt das zwei Pfund extra. Schreibt er direkt für eine Truppe, bekommt er sechs Pfund. Am besten jedoch ist, wenn man wie William Shakespeare sowohl als Stückeschreiber und Schauspieler als auch als Anteilseigner am Erfolg beteiligt ist. So konnte er durch die Bearbeitung vorhandener Stoffe für seine Truppe und durch eigene Stücke den Grundstock für sein Vermögen legen und seinen Ruf als erfolgreicher Theatermann festigen. Star unter den Autoren der an Talenten reichen Jahre zwischen 1576 und 1642 ist Christopher Marlowe, dessen Dr. Faustus Aufsehen erregt, ebenso wie "Der Jude von Malta". Erst nach seinem überraschenden Tod im Jahr 1593 beginnt Shakespeares Stern zu leuchten.

Treffpunkt junger Autoren in London (Spielszene)
Treffpunkt junger Autoren in London (Spielszene)

Durch die Reformation in weiten Teilen Europas und in England geraten besonders die Universitäten in eine fiebrige Situation des Umbruchs und vielfältiger neuer Denkansätze. Thomas Kyd, Christopher Marlowe, Benn Johnson, John Ford und viele andere bilden eine neue, talentierte Schriftstellergeneration. Sie kennen sich aus in der einheimischen literarischen Tradition und verbinden sie mit der Form des Dramas. In ihr mischen sie klassische und volkstümliche Motive und Elemente: Lyrik und Drama, Prosa und Blankvers, Ernst und Heiterkeit. Alles passt in diese Form hinein, was im Geist der Zeit lebendig ist: Musik, Pantomime, Spottlieder, derbe Späße und tiefer Ernst. Die jungen Autoren berufen sich auf Aristoteles, und doch stehen ihnen die Spielleute, Jahrmarktspäße, Mysterienspiele und klassischen Vers-Epen ihrer Zeit näher. Die Gunst der Zeit verhilft dem neuen Theater zum Durchbruch.

Theater braucht Handwerk

Über Handwerk und Kunst der Schauspieler lässt William Shakespeare seinen Hamlet sprechen: "Lasst euer eignes Urteil euren Meister sein: Passt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an; wobei ihr sonderlich darauf achten müsst, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspieles entgegen, dessen Zweck, sowohl anfangs als jetzt, war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen."

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