Das Tor zum Orient

Konstantinopel als Zankapfel zwischen Christentum und Islam

Von Konstantinopel aus, Kaiserstadt und Mittelpunkt der griechisch-orthodoxen Kirche, wurden einst die Geschicke des mächtigen oströmischen Weltreiches gelenkt. Doch im Jahr 1437 ist die Lage nahezu aussichtslos für den byzantinischen Kaiser Johannes VIII. Die Metropole ist Zankapfel im Kampf zwischen Christentum und Islam.

Konstantinopel liegt genau an der Grenze zwischen Europa und Asien. An zwei Seiten durch Wasser, zum Landesinneren hin mit einer mächtigen Verteidigungsanlage geschützt.

Strategisch günstige Stelle

Schon im 4. Jahrhundert hatte Konstantin, der erste christliche Kaiser des römischen Reichs die strategisch günstige Stelle erkannt. Hier ließ er seine neue Hauptstadt errichten und nach sich benennen. Über Jahrhunderte kontrollierte die Stadt den Handel zwischen den Erdteilen. Eine christliche Metropole beherrschte das Tor zum Orient.

Langsam aber unaufhaltsam rücken die Osmanen gegen Konstantinopel vor, immer enger schnüren sie die Stadt ein. Abgeschnitten von allen Lebensadern bleibt dem byzantinischen Kaiser am Ende nur noch die Hauptstadt des verlorenen Weltreichs. Was könnte jetzt noch Kaiser Johannes VIII. und die Stadt retten? Die Hilfe naht in Person des Nikolaus von Kues, genannt Kusanus. Papst Eugen hat ihn ausgewählt, dem byzantinischen Kaiser ein Hilfsangebot zu überbringen. Unter einer Bedingung: Der Kaiser muss einer Wiedervereinigung der griechisch-orthodoxen Kirche mit Rom zustimmen - unter dem Papst. Ein brisanter Vorschlag. Seit Jahrhunderten sind die Kirchen getrennt.

Das geheime Wissen des Islams

Der Deutsche Nikolaus Cusanus ist 36 Jahre alt, ein scharfsinniger Jurist und geschickter Diplomat. Einer der fortschrittlichsten Denker seiner Zeit. Außerdem kann er Griechisch, die Sprache Konstantinopels. Doch Kusanus reist nicht nur in heikler politischer Mission. Der Papst hat ihm noch einen anderen Auftrag erteilt: Er soll in Konstantinopel nach alten Handschriften zu suchen. Denn dort vereint sich das Erbe der Antike mit dem geheimen Wissen des Islams. Ende Juli 1437 bricht Kusanus aus Italien auf. Der Kurs führt über die Adria und die Ägäis in Richtung Konstantinopel. Auf Kreta rekrutiert er auf Befehl des Papstes dreihundert Bogenschützen: Sie sollen den byzantinischen Kaiser sicher nach Rom geleiten. Ganze zwei Monate dauert die Reise. Dann erreicht Kusanus Konstantinopel.

Der junge päpstliche Diplomat weiß genau, was von seiner schwierigen Mission abhängt. Er muss den byzantinischen Herrscher überzeugen, sich dem Papst zu unterwerfen. Nur so lässt sich Konstantinopel vor den Osmanen retten - und kann nach Jahrhunderten die römische mit der orthodoxen Kirche wieder vereint werden. Während hinter den Kulissen bereits ein Machtpoker auf höchster diplomatischer Ebene begonnen hat, nutzt Kusanus den Freiraum, um seinen zweiten Auftrag auszuführen. In Konstantinopel macht er sich auf die Suche nach Handschriften mit altem Wissen.

Wertvolle Reiseberichte

Im Tresor der Handschriftensammlung in der Universität Düsseldorf wird einer der frühesten Reiseberichte aus dem Mittelalter aufbewahrt. Mit Informationen aus Aufzeichnungen des italienischen Abenteurers Buondelmonti hat sich Kusanus möglicherweise auf seine Reise vorbereitet. Buondelmonti bereiste 20 Jahre vor Kusanus die griechische Inselwelt und die Küsten Kleinasiens. Seine Berichte waren wertvolle Informationsquellen über die geheimnisvolle Welt des Orients. Zwar erfährt Kusanus einiges über das Stadtbild und die Großbauten Konstantinopels, doch den Auftraggeber des Berichts, möglicherweise ein reicher Kaufmann aus Genua, interessierte vor allem die strategische Lage der Stadt - und ihre Befestigungsanlagen.

Als Kusanus vor über mehr als 550 Jahren Konstantinopel bereiste, waren die Verteidigungsanlagen noch intakt. Die Mauern waren Teil einer über Jahrhunderte perfektionierten Verteidigungsstrategie Konstantinopels. Zum Schutz des natürlichen Hafens in der Bucht des Goldenen Horns benutzten die Byzantiner eine ganz besondere Sperre gegen Angreifer von der See. Eine gewaltige eiserne Kette, von Ufer zu Ufer, 750 Meter lang. Sie sollte feindliche Schiffe zurückhalten, die versuchten, auf Konstantinopel zuzusteuern.

Schutzkette für den Verteidigungsfall

Wie die Kette im Ernstfall gespannt wurde, ist bis heute ein Rätsel. Das tonnenschwere Eisen hätte jede Seilwinde gesprengt und jede Verankerung aus den Mauern gerissen. Forscher vermuten, dass es für das Ausbringen der Kette ein spezielles Bojen- oder Schwimmersystem gab. Vermutlich wurde damit die Kette im Verteidigungsfall durch Flöße und Schleppkähne über das Goldene Horn gespannt.

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