Das Venedig des Orients

Archäologen entdecken ein weit verzweigtes Kanalsystem

Dort, wo heute triste Schutthügel und trockene Böden das Landschaftsbild prägen, gedieh einst ein Garten Eden - mit Palmenhainen, Blumen und Feldern. Wie alte Quellen berichten, lief mitten durch die ausgedehnte Stadt ein Arm des Euphrat, der mit seinen vielen Kanälen Uruk zur Oase machte.

Computergrafik Schiff vor den Toren Uruks Quelle: ZDF

Vor sechs Jahren begann der Deutsche Jörg Fassbinder, ein Magnetogramm des gesamten Geländes zu erstellen. Dazu steckt der Geophysiker Quadrate von jeweils 40 mal 40 Metern ab. Mit Hilfe der Daten will er das rekonstruieren, wie die Residenz vor Jahrtausenden ausgesehen hat.

Aufwändige Prozedur

Der Spezialist benutzt ein Hightech-Gerät, das selbst geringste Störungen im Erdmagnetfeld aufzeichnet. Die unscheinbare Apparatur reagiert auf magnetische Metalle äußerst sensibel. Deshalb bestehen das Trägergerüst aus Holz und die Schrauben aus Silber. Die aufwändige Prozedur erlaubt den Wissenschaftlern, tief in den Boden hineinzuschauen, ohne den Spaten in die Hand zu nehmen.

Wissenschaftler Fassbinder mit Ortungsgerät Quelle: ZDF

Das Präzisionsgerät zeigt noch den 50millionstel Teil des Magnetfeldes an. Die Ergebnisse sind eine kleine Sensation. Denn die gemessenen Segmente bestätigen die Angaben aus dem Altertum. Wie das Gesamtbild zeigt, durchzog das pulsierende Uruk tatsächlich ein Netz von Wasserläufen. Nicht nur kleine Kanäle zur Bewässerung der Felder und Gärten, sondern auch breite Wasserstraßen führten durch die Handelsmetropole. Das heißt: In Uruk gab es vermutlich sogar Schiffsverkehr. Sich Wasser so erfolgreich nutzbar zu machen wie die Sumerer, zeugt von ihrer einzigartigen Ingenieurskunst. Eine revolutionäre Leistung.

Wasserkanäle in Uruk Quelle: ZDF

Selstame Erhebungen

Zusätzliche geologische Bohrungen lieferten dasselbe Resultat - und nebenbei auch die Erklärung für die seltsamen Erhebungen. Es sind verhärtete Ablagerungen am Grund der Kanäle. Anders als der weiche Ackerboden widerstanden sie der Erosion und kamen im Lauf der Jahrhunderte allmählich zum Vorschein. Der wissenschaftliche Nachweis ist eine Sternstunde für die Archäologen. Erneut stellen sie eine Übereinstimmung zwischen der Beschreibung im Epos und den historischen Gegebenheiten fest.

In unmittelbarer Nähe machten die Experten einen überraschenden Fund. Entdeckt hat das Messgerät eine auffällige Baustruktur außerhalb der Stadtmauer: ein schwarzes Rechteck - mitten im frühzeitlichen Flusslauf. Das sieben bis neun Meter lange Bauwerk besteht aus gebrannten Ziegeln. Ein Indiz, dass das Gebilde haltbar sein sollte - warum auch immer. Das tonnenschwere Trümmerteil blieb von den Forschern unbeachtet. Doch dann erschien in Genf die Übersetzung eines bislang unbekannten Textes über König Gilgamesch. Die Geschichte, die der Sumerologe Antoine Cavigneaux entdeckte, ist fast tausend Jahre älter als das berühmte Epos von Unnini.

"Balken mit purem Gold"

Die Verse beschreiben die Beerdigung des Regenten von Uruk: "Sie schlossen den Euphrat ein und leerten das Wasser aus, die Kiesel staunten angesichts des Sonnengottes. Im Bett des Euphrat brach die trockne Erde. Er baute ein Grab aus Stein, er baute die Wände aus Stein, Riegel und Türschwelle aus härtestem Diorit, die Balken mit purem Gold beschlagen." Gefolgegräber kennen Archäologen von vielen Kulturen und aus unterschiedlichen Epochen. Vielleicht gilt dies auch für den Bestattungsritus, der in Uruk zelebriert wurde. Noch aber gibt es dafür keinen wissenschaftlichen Nachweis.

Skelette Quelle: ZDF

Leonard Woolley entdeckte im nahen Ur Gefolgegräber. Wohin das Auge blickte - kostbare Beigaben aus Gold als Ausstattung für das Jenseits. Schon bald war klar: Die Herrscher hatten ihren gesamten Hofstaat mit in den Tod genommen. Bis zu siebzig Skelette reihten sich fein säuberlich nebeneinander. Noch jetzt zeigt die Körperhaltung, dass die Menschen nicht gewaltsam starben. Vermutlich setzten sie durch Gift ihrem Leben freiwillig ein Ende.

Topographisches Problem

Womöglich kannten die Könige von Ur die Geschichte vom Tod des Gilgamesch und übernahmen die Tradition. Sollte sich herausstellen, dass der Lehmziegelbau im alten Flusslauf von Uruk für Gilgamesch bestimmt war, könnte sich das Rätsel um den Herrscher endlich lösen - gäbe es da nicht ein topographisches Problem. Nach seiner Kanalisierung war der Euphrat nicht mehr so breit wie zuvor. Das Gebäude könnte also nicht im Fluss, sondern direkt daneben gestanden haben. Das Magnetogramm aber sagt nur aus, dass etwas im Boden liegt. Wann es dorthin gelangte, verraten die Messungen nicht. Letztlich können nur weitere Ausgrabungen die ungeklärten Fragen von Uruk und das Rätsel um das neu entdeckte Lehmziegelhaus beantworten.

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