Das Wohnzimmer-Experiment

Warum Couch und Schrankwand auf die Straße ziehen

90 Quadratmeter, vier  Zimmer, Nachkriegsbau – so wohnt die durchschnittliche deutsche Familie laut Statistik. Doch wie es in unserem Heim aussieht, und wie wir darin leben, das bleibt von außen normalerweise verborgen. Außer an einem speziellen Tag im April in der Liningstraße in Berlin-Britz. Denn "Terra X" macht ein einmaliges Experiment: eine Inventur des deutschen Wohnzimmers. Für einen Tag ziehen die Berliner auf die Straße. Mit dem gesamten Inhalt ihrer Wohnzimmer.

Für 68 Prozent der Deutschen ist es der Lieblingsraum im Heim. Deshalb sagt kaum etwas so viel darüber aus, wofür unser Herz schlägt, wie wir ticken, und was uns Deutsche bewegt, wie ein Blick in unsere Schrankwände, auf unsere Sofas, Sammeltassen und Tapetenmuster.

Sonntagmorgen 6.30 Uhr. Die Liningstraße in der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz. Hier wohnt die Mitte Deutschlands. Und genau sie werden heute von Umzugshelfern wachgeklingelt. Wochenlange Vorbereitungen gehen diesem Tag voraus. Fünf Stadtbezirke hat ein Team von Rechercheuren durchkämmt, unzählige Berliner Familien gesucht und besucht, um einen Blick in ihre vier Wände zu erhaschen. Wo wohnen die typischen Deutschen? Und welche Straße Berlins macht bei diesem Experiment mit? Schließlich gilt es, die gute Stube, das Herzstück der Wohnung, herzugeben.

Und das ist viel verlangt von Deutschen, die an ihrem Besitz hängen wie kaum eine zweite Nation. Für einen Tag sollen die Wohnzimmer dort stehen, wo sie jeder sehen kann: mitten auf der Straße. Couch an Couch, Nachbar neben Nachbar. Damit eins zu eins sichtbar ist – wie leben die Deutschen?

Wie sieht es aus, das typisch deutsche Wohnzimmer?

Es ist der dritte Anlauf für das große Experiment. Denn Termine in Dezember und März hat der monatelange Schnee in Berlin bereits vereitelt. Zu gefährlich für Schrankwand und Co., zu kalt für die Bewohner, die einen Tag draußen leben sollen. Zum dritten Mal Straßensperre, Parkverbot, Briefkasteninformationen an alle Anwohner des Viertels und die Organisation von Umzugsfirma und Drehteam. Und endlich ist sogar Sonne angesagt. Mit den ersten Strahlen beginnt das Experiment. Denn niemand weiß so richtig, wie lange es dauern wird, bis die Liningstraße auf der Liningstraße steht. Schließlich hat das noch niemand vorher gemacht. Und es gibt eine Stichzeit: eine Verabredung mit dem Experten Peter John Mahrenholz, Chefstratege der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Seit acht Jahren forschen Mahrenholz und seine Agentur am typisch deutschen Wohnzimmer. Heute wird er die Zimmer der Liningstraße in Augenschein nehmen – wenn alles steht. 7.30 Uhr. Die Vorbereitungen haben länger gedauert, als erwartet. Welches Zimmer kommt wohin auf der Straße? In welche Richtung zeigt die Couch? Wie bekommen wir eine vier Meter breite Schrankwand zerlegt, die eigentlich nie wieder von der Wand sollte, wie das gute Sammelporzellan sicher auf der windigen Straße wieder in die Vitrine, und was geschieht mit dem Papagei aus Nummer 14?

Dann schiebt sich langsam Umzugskarton nach Umzugskarton aus den Haustüren. Seit Tagen haben die Bewohner verpackt und eingewickelt. Jetzt rollen Sofas, Schränke und Unterhaltungselektronik durch Vorgärten, Regale, Stühle und ein Kamin über die Straße, Teppiche, Pflanzen und Lampen dekorieren Beton. Selbst die Schrankwand findet ihren Platz. Nach und nach ergibt sich ein Bild: Der eine mag es rustikal, der andere modern. Die Wohnzimmer erwachen zum Leben! Und zwar mit allen Details. Dem gesamten Inhalt von Vitrinen, Schubladen und Nippes-Schränkchen, selbst der Tapete und den Bildern an der Wand. Dafür haben Ausstatter Staffeleien vorbereitet. So haben die Bewohner ihre Habseligkeiten noch nie gesehen! Sie nehmen auf ihren Sofas Platz, genießen das ungewohnt sommerliche Wetter in ihren ungewohnten Zimmern. Eine Frau strickt, eine Familie spielt ein Brettspiel, ein Ehepaar trinkt Kaffee und beschäftigt sich mit ihrem sprechenden Papagei.

Vor allem gemütlich soll es sein

Marktforscher Peter John Mahrenholz weiß: "Das Wohnzimmer ist ein Spiegelbild unseres ganzen Lebens." Und in der Liningstraße kann er darin viel über uns entdecken. Zwischen klassischer Schrankwand und Kacheltisch, Ikea-Einrichtung und dem individuellen Wohnzimmer im Zebralook findet er Unterschiede und manche Überraschung, aber vor allem eins: ein klares Muster. Im deutschen Wohnzimmer steht alles rechtwinklig angeordnet, und immer tauchen die gleichen Elemente auf: Ein Sofa – am liebsten in L-Form und cremefarben, ein Fernseher, Schränke oder eine Schrankwand, Familienfotos, Pflanzen. Seit den 60er-Jahren ist das gesamte deutsche Wohnzimmer auf den Fernseher ausgerichtet. Peter John Mahrenholz: "Er ist quasi das Kaminfeuer der Neuzeit, in das die Menschen gucken, das die Architektur und die Steuerung des Raumes stark prägt."

Aus der gleichen Zeit stammt unsere Lieblingstapete: Die Raufaser. Sie ist pflegeleicht und beim Umzug gut aufzufrischen. Genauso praktisch ist die deutsche Schrankwand. Sie steht in der Liningstraße von Eiche rustikal bis minimalistisch modern. Aber in keinem Zimmer fehlt sie. Immer erfüllt sie, was wir an ihr schätzen: Sie präsentiert unsere wertvollsten Stücke in den offenen Fächern und versteckt unseren Kram dezent hinter Türen. Und warum uns Deutschen das wichtig ist, weiß Mahrenholz aus jahrelanger Forschung: "Viele Elemente oder eventuell störende Kleinigkeiten werden weggepackt in Schubladen oder Türen, damit ein Besucher erstens ein ordentliches Bild bekommt und zweitens nicht zu tief in die intimeren Storys der Familien eintauchen kann." Das wichtigste am deutschen Wohnzimmer ist aber genau das, was die Berliner heute auf der Straße leben: Gemütlichkeit. Sie steckt in allen Elementen unseres Wohnzimmers, und sie ist der Grund dafür, warum es unser unangefochtenes Lieblingszimmer ist.

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