Dem Heldenepos auf der Spur

Zur Geschichte des Nibelungenlieds, Teil 2

Horden von Literaturwissenschaftlern machten sich an die Arbeit, um das fulminante Werk der Nibelungensage zu datieren. Die Sprache, die sie lasen, musste etwa 800 Jahre alt sein. Sie verglichen Wortwahl, Grammatik, Versmaß und andere linguistische Merkmale mit bereits bekannten Epen des Hochmittelalters.

Zunächst stellten sie formal fest, dass die Aventüren aus Strophen von jeweils vier, in der Mitte durch eine Zäsur getrennten Langversen bestehen. Dabei bilden in der Regel zwei Zeilen einen Paarreim. Die letzte Zeile einer Strophe enthält fast durchgängig eine Ankündigung auf das Geschehen in der nächsten Strophe. Das ist sozusagen ein literarischer Cliffhanger, der Spannung aufbaut und Appetit machen soll auf das Nachfolgende.

Aufgebaut wie ein moderner Thriller

Nibelungen-Buch Quelle: ZDF

Auch konstatierten die Professoren eine Fülle von Sprachübertreibungen und einen auffällig umfangreichen Wortschatz. Der Autor vermied Wortwiederholungen, wann immer es sich mit der Kunst des Reimens vereinbaren ließ. Die stilistische Untersuchung ergab weiter, dass Alltags- und Hochsprache gleichermaßen in das Heldenlied eingeflossen waren. Die Absicht war klar: Dieser Kniff garantierte einen lebendigen Vortrag, der selbst gelangweilte Gäste zum Zuhören zwang. Ebenso geschickt verband der Dichter altes Vokabular mit aktuellen Begriffen aus dem frühen 13. Jahrhundert. Das glich einer literarischen Show mit einem Programm für ein breites Publikum jeden Alters und unterschiedlicher Bildung.

Mit Ausnahme der Überschriften über den einzelnen Aventüren, die nur knapp das Thema ankündigten, fehlte jede Art von belehrenden Sprichwörtern, wie sie in höfischen Ritterromanen oft vorkommen. Der Schreiber des Nibelungenliedes startet sofort durch und stürzt sich nach einer vierzeiligen Einleitung in die erste Story: "Wie Kriemhild bei den Burgunden aufwuchs." Das epische Werk wird erzählt in der Manier eines Thrillers. Ein Plot löst den anderen ab und treibt das Geschehen unaufhaltsam weiter bis zum bitteren Ende - ein dramaturgischer Geniestreich, wie es ihn zuvor in der mittelalterlichen Literatur noch nicht gegeben hat.

Zurück in die Wirren der Völkerwanderung

Nibelungen Autor und Mäzen Quelle: ZDF

In dieser Hinsicht hat das Nibelungenlied zweifelsfrei Vorbildcharakter. Auch wenn das "Carmen heroicum" an die Arbeiten eines Hartmann von der Aue, Wolfram von Eschenbach oder auch Walther von der Vogelweide erinnert, so folgt es doch einer völlig anderen Absicht. Denn es geht nicht um christliche Erlösungsabenteuer oder die alles überwindende Macht der Liebe. Sondern die Themen sind das völkische Leid und der Untergang, aus dem es für Siegfried und die anderen kein Entrinnen zu geben scheint. Denn in jener Welt brachte kein abendländischer Gottesglaube das Leben der Menschen in eine gute Ordnung. Es geht um die heidnische Vergangenheit der germanischen Stämme, um historische Zustände, die in den Wirren der Völkerwanderungszeit Ende des 4. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen.

Und genau an jene blutige Epoche wollen die nahezu 10.000 Zeilen erinnern. Vor diesem Hintergrund liest sich die erste Strophe wie eine Mahnung:

"Uns sind in alten Mären Wunder viel gesagt Von Helden, reich an Ehren, von Kühnheit unverzagt, von Freude und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen, von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen."

Auftraggeber in der Nebenrolle

Trotz formaler Vergleichsmöglichkeiten im künstlerischen Umfeld des Dichters, spürten die Wissenschaftler die sichersten Hinweise auf eine Datierung im Text selbst auf. Bereits in der zehnten Strophe der ersten Aventüre wird Rumold, der Küchenmeister am Hof der Burgunden, vorgestellt. Er erhält zwar nur eine kleine, dafür aber durchaus ernstzunehmende Rolle. Denn es ist er, der nach Siegfrieds Tod und Kriemhilds neuer Eheschließung mit König Etzel davon abrät, ihrer Einladung in die neue Heimat Ungarn zu folgen. Da das gewichtige Amt des Küchenmeisters in einem Dokument aus dem Jahr 1205 zum ersten Mal erwähnt wird, sahen die Forscher in Rumold den Hinweis auf einen historischen Hintergrund, den der Autor in das Nibelungenlied eingebaut hatte.

Auch Wolfram von Eschenbachs "Parzival", der etwa zwischen 1200 und 1210 entstand, brachte ein wenig Licht ins Dunkel. Denn sowohl der unbekannte Nibelungenschreiber als auch Eschenbach nennen in ihren Werken gleichzeitig die damals bekannten Seidenproduktionsstätten "Zazamanc" und "Azagaug".

Weitere Spuren auf das Zeitfenster lieferte aber vor allem der zweite Teil der Sage. Hilfreich war die Erwähnung von Bischof Pilgrim, der mit seiner Nichte Kriemhild in Passau zusammentrifft und ihr für rund 55 Kilometer als Reisebegleiter zur Verfügung steht. In dem kirchlichen Würdenträger soll sich niemand Geringeres als der Auftraggeber des Epos verbergen: Bischof Wolfger von Erla, der von 1191 bis 1204 als geistliches Oberhaupt die Diözese Passau verwaltet hatte.

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