Dem Heldenepos auf der Spur

Zur Geschichte des Nibelungenlieds

Das Nibelungenlied gehört spätestens seit der Romantik zu den viel gelesenen Dichtungen der deutschsprachigen Literatur. Die gelehrten Vertreter jener Epoche deklarierten das Werk sogleich zum Nationalepos. Denn sie fanden darin, wonach sie schon lange suchten: den wahren Charakter des deutschen Volkes mit einer eigenständigen Identität, frei von jeglicher Fremdbestimmung. Doch das Epos hat seine inhaltlichen Wurzeln in der Zeit der Völkerwanderung.

Der Lindauer Arzt Johann Jacob Obereit entdeckte das Opus am 29. Juni 1755, als er dem Grafen von Hohenems seine Aufwartung machte. Der Adlige besaß in seiner Residenz im Vorarlberg eine umfangreiche Bibliothek mit seltenen Büchern und Folianten. Da der Mediziner und Hobbysammler Obereit auf der ständigen Suche nach Kostbarkeiten deutscher Literatur war, stöberte er bei jeder Gelegenheit in den Studierzimmern seiner wohl geborenen Bekannten. Er staunte nicht schlecht, als er eines der verstaubten Bücher aus dem Regal zog, das sich rasch als wertvolle Inkunabel aus dem Hochmittelalter entpuppte.

Nibelungenlied und Nibelungennot

Eine Handschrift, die in rund 2440 Strophen die dramatische Geschichte der Nibelungen erzählt. Und weil die Schlusszeile mit den Worten endet: "hie hât daz mære ein ende: daz ist der Nibelunge liet - hier hat die Mär ein Ende. Das ist der Nibelunge Lied", tauften die Literaturpäpste des ausgehenden 18. Jahrhunderts das nahezu vollständige Manuskript "Nibelungenlied". Noch zwei weitere Handschriften tauchten in jener Zeit auf, die ähnlich gut erhalten waren.

Um 1826 kategorisierte sie der Germanist Carl Lachmann in A, B und C. Dichtung C ist die von Johann Jacob Obereit gefundene Fassung. Nach Meinung der Forscher ist sie das älteste und zugleich christlichste Zeugnis der Sage. Seit 2001 hütet die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe den wertvollen Schatz. Die Ausfertigungen A und B werden in Fachkreisen auch als "Not-Fassung" bezeichnet, da die Verse mit den Worten "daz ist der Nibelunge nôt - das ist der Nibelunge Untergang" schließen.

Heldenepos in 37 Variationen

Heute existieren insgesamt 37 Originale des germanischen Heldenliedes, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert entstanden. Ein Indiz für die lang anhaltende Beliebtheit des Stoffes. Zehn davon sind relativ vollständig, drei enthalten nur "Diu Klage" - eine Art Anhang, in dem geschrieben steht, wie die wenigen Überlebenden über jeden einzelnen Gefallenen trauern - und ein Verzeichnis der 39 Aventüren, wie die kapitelartigen Vortragseinheiten genannt werden.

Angelegt ist das Nibelungenlied als Zweiteiler. In der ersten Folge (Aventüren 1-19) geht es um Siegfrieds Tod, die zweite erzählt von Kriemhilds Rache (Aventüren 20-39). Das räumliche Umfeld der Handlung gestaltet sich als gigantischer Schauplatz der Weltliteratur: Er reicht vom Reich der Burgunder am Rhein, quer durch Deutschland bis hinein nach Österreich und Ungarn.

Unterhaltung für Ritter und Edelfräulein

Viele Fassungen stellen den einzelnen Abenteuern eine Überschrift voran. Eine praktische Hilfestellung, denn das Nibelungenlied wurde grundsätzlich häppchenweise in einer Art Sprechgesang vorgetragen. Die Spielleute rezitierten das Heldenepos auf den prominentesten Schlössern und Burgen des Deutschen Reiches vor einem durchweg vornehmen und christlich geprägten Publikum von Fürsten, Vasallen, Markgrafen, Ministerialen und adligen Damen. Es waren kurzweilige Abende, an denen die bewegende Geschichte aus der Zeit der Germanen erzählt wurde.

Gebannt lauschten die Zuhörer den gedrechselten Reimen über Liebe, Ehre, Verrat, Rache, Goldgier und Untergang. Die Dichtung übernahm dabei eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie sollte zur Freude und Besinnung beitragen und in überhöhten Bildern die höfische Wirklichkeit in ihren ambivalenten Facetten reflektieren.

Der mündliche Vortrag mit spontanen Änderungen war über Generationen der Normalfall, bevor es zur Verschriftlichung kam. Das ist eine Erklärung dafür, warum später Fassungen in Umlauf gerieten, die sich so deutlich voneinander unterscheiden, dass die Forschung lange Zeit über Entstehungsort, Dichter und Datierung des Nibelungenliedes rätselte. Diese Frage können die Experten zwar bis heute nicht eindeutig beantworten, aber ihnen gelang zumindest eine ziemlich verlässliche Annäherung.

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