Dem Himmel so nah

Der Himalaya und seine heiligen Flüsse

Das höchste Gebirge der Welt entstand aus dem größten Crash der Erdgeschichte: Als der indische Subkontinent auf Asien prallte, faltete sich der Himalaya auf. Er gilt vielen Indern immer noch als Verbindung zwischen Himmel und Erde. Die Flüsse, die im Himalaya entspringen, haben für sie besondere Bedeutung. Der heiligste von ihnen, der Ganges, nimmt sogar den Rang einer Göttin ein.

Gebirgszug im Himalaya
Gebirgszug im Himalaya Quelle: ZDF

Der Himalaya ist Indiens Schicksal. Er zieht Menschen aus aller Welt magisch an. Viele mussten bei dem Versuch, die Gipfel des Himalayas zu bezwingen, ihr Leben lassen. Dennoch streben immer wieder Abenteuerer danach, auf den Achttausendern dem Himmel ganz nah zu kommen. Selbst für Tiere wie Steinböcke und Schneeleoparden, die sich auf das Leben in extremen Höhen spezialisiert haben, sind die Gipfel eine unüberwindbare Barriere.

Crash mit Folgen

Doch in den eisigen Höhen verbirgt sich eine Überraschung: Überreste von Meeresbewohnern. Die höchsten Berge der Erde müssen früher überflutet gewesen sein. Die Fossilien stammen von Tieren, die schon vor über 100 Millionen Jahren gelebt haben. Wissenschaftler sehen in ihnen Indizien für die erdgeschichtliche Entstehung des Himalayas. Damals sah die Erde ganz anders aus als heute. Die Landmassen konzentrierten sich im Norden und im Süden.

Das, was einmal Indien werden sollte, löste sich einst aus dem südlichen Urkontinent. Die Platte driftete - an geologischen Zeiträumen gemessen - rasch durch das Meer und prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen Asien. Der größte Crash der Erdgeschichte führte zu Auffaltung des Himalayas. Noch immer schiebt sich Indien stetig unter die asiatische Platte und türmt den Himalaya weiter auf. Über einen Zentimeter im Jahr wächst das Gebirge noch heute. Vor diesem Zusammenstoß war das Gestein, das sich zum Gebirge auffaltete, Ozeanboden.

Der Fluss ist eine Göttin

Vielen Indern gilt der Himalaya nun als heilige Verbindung zwischen Himmel und Erde. Von hier gelangt das Göttliche zu den Menschen. Die unzähligen Gebirgsbäche und Flüsse sind für sie mystischen Ursprungs. Die Inder sind von diesen Wasserströmen abhängig, sie sind den göttlichen Mächten ausgeliefert. Der mächtigste Fluss ist der Ganges. Im Glauben der Hindus ist er nicht nur Fluss, sondern auch Göttin.

Tropfnasse Haarsträhnen vor aufgehender Sonne
Haare Shiva Legende Quelle: ZDF

Der Legende nach baten die Menschen einst die Göttin Ganga, die die himmlischen Gärten bewässert, sie von ihren Sünden reinzuwaschen. Doch Ganga stieg als reißender Fluss mit solcher Wucht vom Himmel, dass ein weiterer Gott einschreiten musste: Shiva. Er ließ das Wasser des Ganges durch seine dichte Haarpracht träufeln und bremste so die Strömung. Dadurch wurde der Fluss für die Menschen nutzbar. Die Haare Shivas liefern die himmlische Erklärung für die vielen Zuflüsse des Ganges - Ursprung von Reinheit und Fruchtbarkeit.

Himmlische Quelle, irdische Schätze

Die mystische Kraft des Ganges überstrahlt die aller anderen Ströme der Erde. Zahlreiche Geschichten umranken den Fluss und verzaubern die Gläubigen. Legenden erzählen von der Geburt uralter Städte an seinen Ufern. An einer markanten Flussbiegung, die Ganga wieder an ihren Geburtsort, den Himalaya, zurückgeführt hätte, gründete Gott Shiva schon vor 5000 Jahren den heiligsten Ort Indiens: Varanasi. Wer hier, von Ganga gereinigt, stirbt, erfährt Erlösung. Die Ganges-Verehrung erreicht alle drei Jahre einen Höhepunkt: die Kumbh Mela, das Fest des Krugs. Dann treffen sich in den heiligen Städten mehrere Millionen Menschen, die alle zur selben Zeit im Ganges baden wollen.

Gangesufer in Haridwar
Haridwar am Ganges, Indien Quelle: ZDF/Oliver Roetz

Die Vergötterung des Ganges hat aber nicht nur himmlische, sondern vor allem irdische Gründe. Sie liegen in der unmittelbaren Bedeutung für das Leben der Menschen. Der Fluss beschert ihnen die Reichtümer, die sie ernähren. Hier herrschen ideale Bedingungen für die Landwirtschaft. Das nie versiegende Wasser des Ganges und der fruchtbare Boden garantieren üppige Ernten.

Weiter Weg durch die Ebene

Nicht nur das Wasser, auch der Boden ist ein Geschenk des Flusses. Die besondere Geografie Indiens führt den Ganges über 2000 Kilometer weit durch die Ebene. Seinen Anfang nimmt er aber im gewaltigen Himalayagebirge. Auf seinem Weg entlang der steilen, hohen Gebirgshänge sammelt sich das Wasser für Indien - und führt eine wertvolle Fracht mit sich: Mit seiner reißenden Strömung schmirgelt der Fluss am Gestein wie ein Reibeisen und reißt viele mineralische Teilchen mit sich. Von der Strömung werden sie immer feiner gemahlen.

Satellitenbild des Gangesdeltas
Gangesdelta Quelle: ZDF

Etwa 1,5 Milliarden Tonnen Sedimente trägt der Ganges pro Jahr talwärts. Wie auf einem Förderband transportiert er die Reichtümer und verteilt sie in der ganzen Region. Der größte Teil setzt sich bei Überschwemmungen auf den Feldern der Ebene ab. Im Delta ist aber immer noch so viel Schlamm im Wasser, dass sich die trübe Brühe bis zu 500 Kilometer weit ins Meer zieht. Weitab vom Sitz der Götter profitieren so Tiere und Pflanzen von den fruchtbaren Schätzen des Himalayas. Der Schlamm nährt auch hier die Vegetation und ließ den größten Mangrovenwald der Welt entstehen: die Sundarbans, Heimat unzähliger Tier- und Pflanzenarten.

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