Der "blonde Prinz"

2006 findet Hermann Parzinger eine skythische Eismumie

Im Sommer 2006 gelingt dem mongolisch-russisch-deutschen Archäologenteam im Altaigebirge der entscheidende Fund: Hermann Parzinger entdeckt eine intakte Grabkammer, die von Grabräubern verschont wurde. Das Grab gibt einen auf Eis konservierten Menschen frei - eine Eismumie. Die Presse nennt ihn den "blonden Prinzen".

Rekonstruktion Skythe Quelle: ZDF

Hermann Parzinger, damals noch Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, heute Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, muss sein ganzes diplomatisches Geschick aufbieten, damit die Mumie zu wissenschaftlichen Untersuchungen das Land verlassen darf. Vertrag und Händedruck besiegeln den Glücksfall für die Skythenforschung. Die Mumie darf für ein Jahr nach Deutschland reisen. Ein Jahr mit über 1000 Untersuchungen wartet auf den Mann in der Kühlbox.

Wie in einer Zeitkapsel

Die Archäologen wissen, dass es kein einfacher, durchschnittlicher Krieger ist, sondern ein Angehöriger der gehobenen Mittelschicht. Doch die Forscher wollen viel mehr herausfinden. Dem konservierten Körper sollen die Geheimnisse eines Lebens, wie es vor Jahrtausenden war, entlockt werden. Eine Schlüsselrolle spielen dabei der Paläopathologe Michael Schultz - und die Kälte. Das Grab des Skythen war eine natürliche Tiefkühltruhe. Unter einer runden Steinaufschüttung lag die Kammer aus dicken Holzbohlen, in der der Stammeshäuptling bestattet wurde. Eindringendes Oberflächenwasser gefror im Permafrost der Umgebung. Wie in einer Zeitkapsel wurde der Leichnam so für die Nachwelt bewahrt.

Karte Olon Kurin Gol Quelle: ZDF

Von einem abgelegenen mongolischen Bergtal am Olon Kurin Gol über Ulan Bator, hinweg über die ehemalige Welt der Skythenstämme geht die Reise der Mumie zur Untersuchung nach Göttingen. Die Abteilung für Anatomie der Georg-August-Universität ist spezialisiert auf alte Leichen. Michael Schultz untersucht den Gesamtzustand des Körpers nach krankhaften Veränderungen an Skelett und Gebiss. Der etwa 2500 Jahre alte Skythe mit den blonden Haaren ist für ihn weit mehr als Haut und Knochen.

Gräber der Altaivölker

Ein wichtiges Kapitel in der Biographie der Skythen schrieb vor 150 Jahren der Berliner Sprachwissenschaftler Friedrich Wilhelm Radloff. Vom sibirischen Barnaul aus, wo er Deutsch und Latein unterrichtete, erkundete er das Altaigebirge. Radloffs Neugier ließ ihn in der guten Tradition eines Alexander von Humboldt ein weites Feld erforschen. Ihn interessierten Götter, Gräber und Gebräuche der Altaivölker. Er notierte ihre Spachen und zeichnete die Menschen in ihrer Umgebung. Genauso wie Radloff es beschrieb, leben noch heute Nomaden in den frostigen Höhen, in denen die Skythenforscher um Hermann Parzinger nach der Eismumie gruben.

Radloff unterwegs in der Mongolei Quelle: ZDF

Radloffs Aufzeichnungen waren ein wichtiger Hinweis bei der Suche nach Kurganen, den Grabstätten der Skythen. Radloff sah im Dauerfrostboden nur ein lästiges Hindernis. Mit Feuer taute er ihn auf. Er konnte nicht wissen, dass das Hindernis ein großes Glück war. Das Eis konservierte den Grabinhalt wie eine Tiefkühltruhe. Sein wichtigster Fund: ein perfekt erhaltenes schwarzes Stück Stoff. Das Gewand eines Skythen, über 2000 Jahre alt. Ein Stück für Russlands Staatstresore.

Der schwarze "Frack"

Schwarzer Skythen-Frack Quelle: ZDF

Im Geheimdepot des Historischen Museums in Moskau lagern weder Gold noch Silber. In speziellen gasgefüllten Schränken wird die Kleidung von Stalin und Lenin aufbewahrt. Das für die Skythen-Experten wichtigste Teil hängt versiegelt und vor zerstörerischen Umwelteinflüssen geschützt in Schrank Nr. 3: der schwarze "Frack" eines Skythen. Ein rätselhaftes Kleidungsstück einer untergegangenen Kultur. Wozu mag der überlange Rockschoß gedient haben?

Der Häuptling aus dem Eis soll so manches Mysterium lösen helfen. Aus seiner rechten Armspeiche wird in Göttingen eine Probe gesägt. Ein Dünnschliff des Langknochens bildet sozusagen die erste Seite der biologischen Mumien-Biographie. Im polarisierten Licht untersucht Michael Schultz die Zellstruktur. Er entdeckt nichts Gutes. Im Knochen ist ein systemischer Prozess nachweisbar, der die harte Knochenstruktur zerfrisst.

Kieferhöhle Quelle: ZDF

Überall Entzündungsherde

Es gibt noch weitere Untersuchungen. Der Schädel wird geröntgt. Leider ist die Frontpartie eingedrückt. Doch der Pathologe lässt sich dadurch nicht entmutigen. In der Stirnhöhle lassen sich unschwer Verschattungen erkennen - kleine Knochenbälkchen, die auf eine chronische Stirnhöhlenentzündung hinweisen könnten. Mit dem Endoskop untersucht Schultz auch die Kieferhöhlen und findet hier ebenfalls Entzündungsherde. Ursache dieser chronischen Kieferhöhlenentzündung ist sehr wahrscheinlich ein Zahnabszess, der im Bereich des Backenzahnes gelegen, in die Kieferhöhle eingedrungen ist und diese entzündet hat. Doch das war noch nicht alles.

Die ersten Ergebnisse zeigen den Menschen hinter der Mumie: Er hatte eine moderne Kurzhaarfrisur und wurde über 60 Jahre alt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet