Der Dino-Clan

Eine geschlossene Gesellschaft

Keine andere Gruppe von Wirbeltieren war während der Erdgeschichte so erfolgreich wie der Dino-Clan. Dinosaurier machten die Erde zu ihrem Planeten – dem Dino-Planeten. Ihre Ära begann vor 230 Millionen Jahren in der Trias und dauerte den gesamten Jura und die Kreidezeit an. Erst der Einschlag eines Asteroiden vor 65 Millionen Jahren beendete die umfassende Herrschaft der Dinosaurier. Nur ein kleiner Seitenzweig überdauerte die Katastrophe, um anschließend die Lüfte zu erobern: die Vögel. In ihnen leben die Dinos noch heute fort.

Solange die Dinosaurier die Erde beherrschten, bekamen andere Wirbeltiere kaum eine Pfote auf den Boden. Zumindest an Land hatten diese speziellen Reptilien fast alle ökologischen Nischen besetzt. Selbst Säugetiere führten ein kümmerliches Schattendasein neben den Allround-Kriechtieren. Nur dort, wo Dinos nicht vorkamen, hatten andere eine Chance. In den Meeren lebten neben zahlreichen Wirbellosen wie etwa Ammoniten auch Wirbeltiere wie Fische und Meeresreptilien. Letztere werden oft auch als Saurier bezeichnet und mit den Dinos in einem Atemzug genannt. Doch Meeresreptilien gehörten ebenso wenig zum Dino-Clan wie die Flugechsen, die den urzeitlichen Himmel beherrschten.

Exklusiver Club

Ein Spinosaurus an einem Fluss
Sein zahnbewertes Maul machte Spinosaurus zum erfolgreichen Fischfänger. Quelle: ZDF/BBC Computer-Generated Image


Nicht jedes Reptil des Erdmittelalters war ein Dinosaurier. In den urzeitlichen Ozeanen zogen vor allem Plesiosaurier wie Kimmerosaurus, Mosasaurier und Ichthyosaurier ihre Bahnen, jedoch kein einziger Dinosaurier. In den Lüften kreuzten Pterosaurier, denen die wenigen zum Gleitflug befähigten Dinos – zumindest anfangs – nicht ansatzweise das Wasser reichen konnten. Die Dinosaurier bevorzugten festen Boden unter den Füßen. Sie waren reine Landtiere. Nur ganz wenige Arten wie Spinosaurus lebten im Grenzbereich zwischen Land und Wasser, weil sie sich auf Fischfang spezialisiert hatten. Doch weitergehende Anpassungen an das nasse Element besaßen sie nicht. Doch das Leben an Land war kein Alleinstellungsmerkmal. Viele Tierformen kamen ausschließlich auf dem Trockenen vor, ohne unterzutauchen oder abzuheben. Was also zeichnete Dinosaurier aus? Was machte einen Saurier zum Dino?

Augenfällig war die Größe. Tatsächlich gehörten die größten bekannten Landtiere aller Zeiten zu den Dinosauriern. Schon ihr Name – er kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Schreckensechse“ – nimmt auf dieses Merkmal Bezug. Als der englische Paläontologe Richard Owen 1842 diesen Namen in die Wissenschaft einführte, war er von Fossilfunden beeindruckt, die riesige Reptilien der Vorzeit vermuten ließen. Wie man heute weiß, war das nur die halbe Wahrheit. Dinosaurier bildeten eine an Arten reiche und an Formen vielfältige Reptiliengruppe, deren Mitglieder keineswegs alle groß waren, wie ein Blick in das interaktive Dino-Quartett zeigt (s.u.). Außerdem erreichten auch Meeresreptilien und Flugsaurier erschreckende Ausmaße. Die Größe allein machte also noch lange keinen Dino aus. Es waren im Wesentlichen anatomische Merkmale des Skeletts, die den Dino-Clan zu einem exklusiven Club machten.

Luftige Leichtbauweise

Notwendigerweise orientieren sich Wissenschaftler vor allem an den Knochen, wenn sie Ordnung in den verzweigten Dino-Clan bringen wollen. Dabei haben sie zwei große Gruppen ausgemacht, die sie am Bau des Beckens unterscheiden: die Vogelbecken- Dinosaurier (Ornithischia) und die Echsenbecken-Dinosaurier (Saurischia). Die Vogelbecken-Dinos waren Vegetarier. Zu ihnen zählten zum Beispiel Stegosaurus, Triceratops und Edmontosaurus. Bei den Echsenbecken-Dinos gab es Pflanzenfresser wie den riesigen Argentinosaurus und Fleischfresser wie T-Rex. Da sich die Echsenbecken-Dinos auch in der Anatomie ihrer Füße unterschieden, werden die vierfüßigen Vegetarier zur Gruppe der Sauropoden und die zweibeinigen Räuber zur Gruppe der Theropoden zusammengefasst. Das sind die Hauptverzweigungen des Dino-Stammbaumes. Interessanterweise haben sich die Vögel als Seitenzweig nicht aus den Vogelbecken-, sondern aus den Echsenbecken-Dinos entwickelt.

Alle Dinos zeichneten sich durch zwei, in dieser Kombination nur ihnen eigene Skelettmerkmale aus: Ihre Schläfen zeigten zwei Öffnungen und ihre Beine waren nicht seitlich ausgelegt wie etwa bei Krokodilen und Waranen, sondern standen – das verrät der Bau der Hüftgelenke – unter dem Körper. Hinzu kam, dass sie nicht den gesamten Fuß aufsetzten, sondern auf den Zehen liefen, wobei das Fußgelenk von den Fußwurzelknochen gebildet wurde. Für sehr viele Arten ist inzwischen ein komplexes Lungen-Luftsack-System nachgewiesen, wie es auch die Vögel besitzen. Es reichte bis in die Knochen hinein, wodurch große Teile des Skeletts durch diese luftige Leichtbauweise erheblich zur Verringerung des Körpergewichts beitrugen. Die Belüftung der Lunge erfolgte wie bei den Vögeln permanent durch das Zusammenspiel der Luftsäcke – ähnlich dem Funktionsprinzip eines Dudelsacks.

Keine tumben Typen


Niemand kann zur Zeit sagen, wie viele Dino-Arten auf der Welt gelebt haben. Jeden Monat werden neue faszinierende Fossilien entdeckt. Momentan herrscht Goldgräberstimmung unter den Paläontologen. Man spricht vom „Goldenen Zeitalter der Dinosaurierforschung“. Vor allem durch die Öffnung Chinas sowie Untersuchungen in Afrika und Südamerika ist das Wissen über die „Schreckensechsen“ während der vergangenen zehn Jahre geradezu explodiert. Fast jede Nische an Land hatten sie mit einer mehr oder weniger spezialisierten Form besetzt. Während des Erdmittelalters hatte diese Reptiliengruppe auf jede der zahlreichen Umweltveränderungen mit der Entwicklung neuer Arten reagiert.

Die meisten Spezies existierten nur einige Millionen Jahre, ehe sie von neuen, besser angepassten Arten abgelöst wurden. Eines ist jetzt bereits deutlich geworden: Tumbe Typen waren die Dinos nicht, sondern ein Erfolgsmodell der Evolution. Sie hatten in ihrem Reich alle anderen in den Schatten gestellt. Hätte der legendäre Asteroid vor 65 Millionen Jahren die Erde verfehlt, gäbe es uns Menschen heute aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Wie flexibel die Dinos selbst auf jene Katastrophe reagiert hatten, zeigt der Erfolg ihrer Nachfahren: Es gibt heute wesentlich mehr Vogel- als Säugerarten.

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