"Der Dreh war einer der härtesten"

Interview mit Regisseur Peter Prestel

Peter Prestel, geboren 1962, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München, Abteilung Dokumentarfilm. Seit 1986 ist er Autor und Regisseur zahlreicher TV-Dokumentationen für den Bayerischen Rundfunk, den Südwestrundfunk und das ZDF.


ZDFonline: Was waren bei diesem Filmprojekt im mongolischen Altai die größten Herausforderungen?


Peter Prestel: Ich habe mittlerweile über 150 Dokumentationen auf der ganzen Welt realisiert. Der Dreh im mongolischen Altai war mit Sicherheit einer der härtesten. Da waren zum einen die klimatischen Bedingungen: Wenn tagsüber die Sonne schien, brannte sie unerbittlich. Trotz Hut, Sonnenbrille und Cremes hatten alle Sonnenbrand.

Wenn die Sonne nicht schien, was oft und sehr abrupt passierte, wurde es sofort bitterkalt. Ein starker Wind, der von den Gletschern herunter blies, machte uns extrem zu schaffen. Gerade der Kameramann hatte zu leiden, da er seine Hände nicht in dicke Handschuhe vergraben kann, während er die Kamera bedient.

Auch im Zeltlager machte uns die Kälte schwer zu schaffen. Da die Gegend völlig baumlos ist, gibt es dort kein Brennholz. Das Essen wurde auf einem Gaskocher zubereitet - unsere einzige Wärmequelle. Am Abend wurde es so kalt, dass wir meistens sehr früh in unsere Mumienschlafsäcke krochen, wo es einigermaßen erträglich war. Zum anderen arbeiteten wir in Höhenlagen von 3000 Metern, in denen man jede körperliche Anstrengung doppelt spürt. Auch für unsere Ausrüstung war die Kälte ein Problem, da die Akkus sich bei den Minusgraden nur langsam laden ließen.

Die Herausforderung bei der Produktion des Films war die Ungewissheit, was passieren würde. Wir mussten jeden Tag auf alles gefasst sein, da wir ja eine aktuell laufende Grabung verfolgten, deren Ausgang ungewiss war. Deshalb änderten sich jeden Tag Konzepte, Dramaturgie, Erzählstränge. Außerdem mussten wir uns jeden Tag neue Kameraeinstellungen und Bewegungsabläufe einfallen lassen, denn die Grabungsroutine ist in der Regel sehr langweilig.


ZDFonline: Wie war die Zusammenarbeit mit den Archäologen?


Prestel: Sehr freundschaftlich. Unser Team kannte die beiden Grabungsleiter, Professor Parzinger und Professor Molodin, schon von früheren gemeinsamen Filmprojekten und deshalb gab es auch unter den schwierigen Umständen nie Probleme. Unsere langjährige Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut führte auch dazu, dass das ganze Filmteam wusste, wie es sich auf einer Grabung zu verhalten hatte. In schwierigen Tagen haben wir uns gegenseitig motiviert, denn es gab ein gemeinsames Ziel: eine Eismumie zu finden!


ZDFonline: Wie viele Personen gehörten zu Ihrem Team vor Ort?


Prestel: Unser Filmteam bestand aus vier Mann. Dazu kamen dann noch ein mongolischer Aufnahmeleiter, ein kasachischer Dolmetscher, drei Fahrer und einen Koch. Er sollte während unseres Aufenthalts zum wichtigsten Mann werden, denn Kälte und körperliche Belastung lassen sich auf Dauer nur durchstehen, wenn "die Maschine gut geschmiert wird".


ZDFonline: Was kam auf den Tisch?


Prestel: Hammel in allen Variationen, oft in einer heißen Suppe. Das hört sich nicht toll an, doch wir hatten jeden Abend das Gefühl eines "Festessens", wenn wir durchgefroren und ausgepowert vom Dreh ins Zeltlager kamen. Kulinarischer Höhepunkt war "Hammel in der Milchkanne", eine mongolische Spezialität. Dabei werden heiße Steine, frisch geschlachtete Hammelteile, etwas Wasser und Gewürze in eine Milchkanne geschichtet und einige Stunden stehen gelassen. Das Resultat ist butterweiches, leckeres Fleisch, das mit frischgebackenem Fladenbrot gegessen wird.


ZDFonline: Wie kommt man in den mongolischen Altai?


Prestel: Nur mit einer Sondergenehmigung der mongolischen Grenztruppen. Die Grabung fand in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Russland statt. Diese Region ist Sperrgebiet, und wir wurden mehrmals von mongolischen Grenzposten kontrolliert.

Die Anreise ins Grabungsgebiet war ein Abenteuer. Von der Hauptstadt Ulan Bator flogen wir zum Provinzflugplatz von Bayan Ulgii. Eine Staubpiste, ein Tower, sonst nichts. Die Gepäckausgabe erfolgte von einer LKW-Ladefläche aus über den Stacheldrahtzaun, der das Flugfeld vor umherziehenden Jakherden schützt. Obwohl unser Zielort nur rund 100 Kilometer von Bayan Ulgii entfernt lag, dauerte die Fahrt in unseren drei Geländewagen acht Stunden. Flussdurchquerungen und die schier endlose faszinierende Weite der Landschaft machten die Rüttelstrecke trotzdem zu einem unvergesslichen Erlebnis.


ZDFonline: Was war ihr schönstes Erlebnis?


Prestel: Die Zusammenarbeit mit Forschern aus drei sehr unterschiedlichen Ländern, Russland, der Mongolei und Deutschland, habe ich als sehr ergiebig und bereichernd empfunden. Ein besonders schönes Erlebnis war natürlich, als wir alle nachts um drei Uhr - vor Kälte und Anspannung zitternd - die deutschen WM-Spiele anschauten, Siege gemeinsam bejubelten und die tragische Halbfinal-Niederlage im Wodka ertränkten. Sehen konnten wir die Spiele übrigens dank der mongolischen Grenztruppen, die uns ihre Satellitenschüssel überlassen hatten. In dieser Nacht gab es keine Überwachung aus dem Weltraum - das ist wahre Gastfreundschaft.

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