Der "edle Wilde" gegen den Rest der Welt

Begegnung mit Europäern und Chilenen seit dem 18. Jahrhundert

Auf die erste Besiedlung folgt eine Jahrhunderte dauernde Zeit des Aufstiegs, die vermutlich friedlich verlief. Die "Moai-Kultur" gehört zum bleibenden Erbe der Welt. Die Vernichtung des Palmenwaldes führt zum Umbruch: Die alten Götter fallen. Neue, kriegerische Leitbilder treten an ihre Stelle. Die Rapa Nui passen sich an. Der Kampf ums Überleben in rauer gewordener Natur wird zum tödlichen Verteilungs- und Konkurrenzkampf unterschiedlicher Clans. Mit Ankunft der Europäer beginnt eine weitere Umbruchszeit.

Heute ist man auf Rapa Nui christlich
Heute ist man auf Rapa Nui christlich

Archäologen entdecken Spuren des Krieges überall auf der Insel, an der Oberfläche und im Boden. Vom 15./ 16. Jahrhundert an stellen die Rapa Nui Pfeilspitzen und andere Steinwaffen in großer Zahl her. Der Kampf der Clans oder Stämme untereinander wird zum beherrschenden Lebensinhalt auf Rapa Nui. Kannibalismus tritt auf, wohl auch, um die Ernährung zu sichern. Da Holz zum Bau größerer Boote fehlt, brechen Fischfang und Jagd auf hoher See ab - früher eine Spezialität der Rapa Nui. Nun müssen sie sich auf die Küstengewässer beschränken. Seevögel und Tiere sind auf der Insel kaum noch anzutreffen. Der Kult des Vogelmannes setzt an die Stelle des Dialogs mit den Vorfahren den rituellen Wettkampf um die Macht.

Europäer entdecken die Osterinsel

Als die Europäer eintreffen ist der Wandel auf Rapa Nui bereits weit fortgeschritten. Betrug die Zahl der Einwohner zur Blütezeit der "Moai-Kultur" nach Schätzung der Forscher bis zu 10.000 Menschen, so vermuten die Experten einen Bevölkerungsrückgang bis zum Ende des 18.Jahrhunderts auf vielleicht 2000 Menschen.

Alte europäische Karte von Rapa Nui Quelle: ZDF

Am Ostersonntag des Jahres 1722 erreicht der holländische Kapitän Jacob Roggeveen als erster Europäer Rapa Nui. Er gibt ihr den Namen Osterinsel. Im Logbuch hält der Entdecker fest: Das Land sei arm und öde, kein Strauch, keine Pflanze höher als drei Meter. Umso mehr staunt er über die steinernen Statuen, die augenscheinlich damals noch in großer Zahl die Küste säumen. Wie war es möglich, dass diese Menschen solche Werke der Bildhauerkunst fertigen konnten?

Die Einwohner begegnen den Fremden freundlich, beschenken sie mit Bananen und Hühnern. Und sie sind neugierig, wollen die Ausrüstung der Gäste untersuchen. Bei einem Gerangel fallen Schüsse, die ersten toten Rapa Nui bleiben zurück.

Stippvisiten und brutale Übergriffe

Nach dem Holländer kommen Spanier ( Gonzales, 1770 ), James Cook, der Engländer, bleibt 1774 nur vier Tage. Es folgen Franzosen ( 1786 ) und der in russischem Dienst stehende Otto von Kotzebue ( 1816 ). Roggeveen und Cook berichten, dass sie fast nur Männer zu Gesicht bekamen. Frauen und Kinder hielten sich während der Besuche in Häusern und Höhlen versteckt. Von den blutigen Auseinandersetzungen, die sich wahrscheinlich zur gleichen Zeit auf der Insel abspielten, bekamen die Fremden wenig mit. Doch sie halten fest: Die Boote der Rapa Nui sind in schlechtem Zustand. Die Nachfahren stolzer polynesischer Seefahrer besitzen kein Holz, ihre Boote zu erneuern oder zu reparieren.

Im 19.Jahrhundert nutzen amerikanische Walfänger die Osterinsel als Anlaufstation. Sie entführen Männer zur Arbeit auf ihren Schiffen und rauben Frauen, die sie vergewaltigen. Berichten zufolge warfen sie ihre Opfer danach oft einfach über Bord. Sie sollen dabei sogar noch auf sie geschossen haben. 1862 überfallen Sklavenhändler die Insel. Trotz erbitterten Widerstands treiben sie allein am Weihnachtstag des Jahres mehr als 1000 Menschen, darunter fast die gesamte Oberschicht, auf die Schiffe. Sie verkaufen ihre Beute als Arbeitssklaven auf die Guano-Inseln vor der Küste Chiles.

Abenteurer übernehmen die Insel

1870 lässt sich der französische Abenteurer Jean-Baptiste Dutrou gemeinsam mit dem Engländer John Brander auf Rapa Nui nieder. Dotrou heiratet eine Rapa Nui Frau. Er ernennt sich zum König der Osterinsel nachdem er den Einheimischen fast das gesamte nutzbare Land abgeschwatzt hat. Dutrou vertreibt die Rapa Nui aus ihren Dörfern und Häusern und zwingt sie, im Ort Hanga Roa zu leben, das er von ihnen selbst wie ein großes Gefängnis einzäunen lässt. Die Missionare fliehen unter Protest mit 168 Rapa Nui nach Tahiti, das zu Frankreich gehört.

Karges Land auf Rapa Nui Quelle: ZDF

Dutrou will in großem Stil Schaf- und Rinderzucht betreiben. Er holt fremde Arbeitkräfte auf die Insel und behandelt die Rapa Nui wie Sklaven. Doch Gequälten wehren sich: 1876 wird Jean-Baptiste Dotrou bei einem Aufstand getötet. Die Bilanz danach ist schrecklich: 1877 zählt die Insel noch 111 Einwohner. Nur 36 von ihnen sind Rapa Nui. Die strategische Lage der Osterinsel als Stützpunkt mitten im Pazifischen Ozean ist günstig und die Gelegenheit für Interessenten ebenso. Chile schickt eine Fregatte nach Rapa Nui. Der Marineoffizier Policarpo Toro überredet den jungen Häuptling Atamu Tekena ein Dokument zu akzeptieren, das die Insel mit Datum vom 9.September 1888 zu chilenischem Besitz erklärt.

Unter Chile ändert sich wenig

Moai-Statuen am Strand der Osterinsel
Moai-Statuen am Strand der Osterinsel Quelle: reuters, Carlos Barria

Die neuen Herren verpachten die Insel bereits im Jahr darauf an eine englische Schafzuchtkompanie: Wiliamson und Balfour. Für die einheimischen Inselbewohner ändert sich wenig zum Besseren. Sie müssen weiterhin hinter Stacheldraht leben, als rechtlose Arbeitskräfte der fremden Pächter. Die Osterinsel wird zum Weideland, von Tausenden Schafen und Rindern auf den letzten Halm kahl gefressen. Bis in die 1960er Jahre bleiben die Verhältnisse auf der Osterinsel nahezu unverändert. Wissenschaftler und Forscher wie der Norweger Thor Heyerdahl sind es, die das Interesse der Weltöffentlichkeit immer wieder auf die geheimnisvolle Insel der steinernen Kolosse lenken.

Die Rapa Nui blieben hinter Stacheldraht. Ohne Erlaubnis dürfen sie ihr "Getto", das weniger als 12 Prozent der Insel umfasste, nicht verlassen. 1914 wagten sie einen ersten Protest. Ihr Aufstand richtete sich gegen die Willkür der Schafzuchtkompanie. Ein Beobachter der chilenischen Marine hält fest, dass die Pächter sich der Bevölkerung gegenüber brutal und roh verhalten und nach jedem Gesetz strafwürdig. Doch sein Bericht an die Regierung bleibt ohne Folgen. Nach Ende des Pachtvertrags übernimmt die chilenische Marine die Verwaltung der Osterinsel.

Der Weg zur Selbstbestimmung

1962 bauen Amerikaner nahe dem Hauptort Hanga Roa einen Flugplatz. Unterstützt von ausländischen Freunden richten die Rapa Nui einen offenen Brief an den chilenischen Präsidenten. Zeitungen in Chile und den USA nehmen sich der Sache an. Unter dem Druck der Öffentlichkeit reagiert das chilenische Parlament: Das Gesetz vom 1. März 1966 garantiert den Rapa Nui die gleichen Rechte wie den Chilenen. Nach 78 Jahren dürfen sie als freie Bürger ihr "Getto" verlassen. Die Bewohner der Osterinsel wählen sei dem eine eigene Regierung. Doch dem Gouverneur der Regionalverwaltung in Vaparaiso gegenüber besitzt sie nur geringe Vollmacht. Der Küstenschutz untersteht nach wie vor der chilenischen Marine und der größte Teil der Insel wurde zum Nationalpark erklärt.

So ändert sich für die Rapa Nui wenig. Sie fordern vor Allem ihr Recht auf das Land zurück. Ein erster Erfolg: 1997 erhält jede Familie 5 Hektar zur Selbstversorgung zugesprochen. Die Regierung erhofft sich davon auch eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Situation, denn bisher besaß niemand genügend Boden um Landwirtschaft zu betreiben. Die Vertreter der Rapa Nui wollen aber mehr: Sie denken darüber nach, die UNO anzurufen für ihre Rechte.

Grillfest in Hanga Roa, Rapa Nui Quelle: ZDF

Arbeit finden 10 Prozent von ihnen heute in der Inselverwaltung, die Übrigen leben vom Tourismus. Doch viele sind nicht damit zufrieden, dass ihre Zukunft darin bestehen soll, zahlende Gäste mit polynesischer Folklore und dem bunten Zauber von Kannibalentänzen zu unterhalten. Die Überlieferung der Rapa Nui zählt zum Weltkulturerbe. Die Die Rapa Nui fordern, dass ihre Menschenrechte als Nachkommen und Erben ihrer Vorfahren anerkannt werden.

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