Der Europäische Hausen

Ein vergessener Gigant

Sein Kaviar gilt als der edelste der Welt, doch den Fisch selbst kennt heute kaum jemand. Dabei war der Hausen, der größte aller Störe, früher sogar in Deutschland heimisch. In der Donau kam er bis zur Mündung der Isar vor. Und übersehen konnte man ihn auch nicht. In Ausnahmefällen soll er fast 10 Meter lang und drei Tonnen schwer geworden sein – größer als der Weiße Hai.

Guter Geschmack war schon immer etwas teurer. Im Fall der Störe war er tödlich. Die meisten der 27 Arten stehen am Rand des Aussterbens, weil sie und vor allem ihr Kaviar gut schmecken. Etwa 6000 Euro muss der zahlungskräftige Gourmet für ein Kilogramm der handelsüblichen Beluga-Sorte berappen. Beluga ist der russische Name des Europäischen Hausen. Besonders aromatische Chargen eines sehr alten Hausen aus dem Salzwasser erzielen noch wesentlich höhere Preise.

Gnadenlos befischt

Der Europäische Hausen ist in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet fast vollständig verschwunden. Der Super-Fisch mit dem wissenschaftlichen Namen Huso huso bevölkerte einst das Flusssystem des Po und die Adria, die Flusssysteme von Donau, Don, Dnjepr, Dnjestr, Bug und das Schwarze Meer sowie das Kaspische Meer mit seinen Zuflüssen Ural, Wolga und einigen anderen. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte die massenweise Fischerei den Beständen schwer zu. Wurden in der Kaspisee in den 1930er Jahren noch etwa 2330 Tonnen pro anno gefangen, zog man in den 1990er Jahren nur noch 500 Tonnen aus dem Wasser – und die Tiere waren höchstens halb so groß wie ehedem. Dass es überhaupt noch Hausen in der Natur gibt, liegt an der Stützung der Bestände durch millionenfachen künstlichen Besatz.

Hausen-Mischling im Labor
In der Fischzucht werden Kreuzungen aus Hausen und Sterlett verwendet

In der modernen Aquakultur spielt der Hausen eine immer bedeutender werdende Rolle. Viele Stör-Farmen haben geräucherten Hausen ebenso im Angebot wie den begehrten Beluga-Kaviar. In den großen Tanks entwickeln sich die Fische sehr gut. Allerdings leben noch keine Riesen in den Anlagen, denn die zeitlebens wachsenden Störe sind noch relativ junge Exemplare. Hausen können vermutlich weit über 100 Jahre alt werden, vielleicht sogar 180 Jahre. Erst dann erreichen sie die gigantischen Maße, die aus alten Berichten bekannt, wissenschaftlich jedoch nicht verbürgt sind. Das höchste seriös dokumentierte Gewicht eines Europäischen Hausen liegt bei 2072 Kilogramm. Damit ist er der größte Süßwasserfisch der Welt – auch wenn es solche Exemplare heute noch nicht wieder gibt. Aber vielleicht erlaubt ja der Ehrgeiz wohlhabender Privathalter, von denen es auch in Deutschland einige gibt – in ferner Zukunft manchen Tieren so alt und so groß zu werden, wie es die Natur für sie vorgesehen hat.

Wilde Wanderer

Die Hausen-Eier sind mit einem Durchmesser von 3,5 Millimetern die größten aller Stör-Eier. Das macht sie aber auch besonders anfällig. Ihre Haut ist zart und zerbrechlich. Bei schlechter Lagerung nehmen sie rasch Schaden. Um den Beluga-Kaviar als solchen zu kennzeichnen, verschickt man ihn in speziell beschichteten Dosen mit blauem Deckel. Pro Kilogramm Körpergewicht legt ein Weibchen alle drei bis fünf Jahre bis zu 7000 Eier. Aus den Eiern entwickeln sich nach etwa 200 Stunden bis zu 14 Millimeter winzige Larven. Die Jung-Hausen wandern später mit der Strömung flussabwärts in die Mündungsgebiete der großen Flüsse. Von da an leben sie im Brack- und Salzwasser – während des Sommers in den küstennahen oberen Wasserschichten, während des Winters bis zu 180 Meter tief in Bodennähe. Geschlechtsreif werden Hausen im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren. Dann sind sie etwa zwei Meter lang und knapp 60 Kilogramm schwer. Dann ziehen sie teils schon im Herbst, teils erst im Frühjahr die Flüsse hinauf bis zu den Stellen, an denen sie selbst einst als Ei zur Welt kamen.

Die Laichzeit erstreckt sich von April bis Juni. Dabei legen die Tiere im wärmeren Westen etwas früher los als im kälteren Osten ihres Verbreitungsgebietes. Erwachsene Hausen leben nach ihren Laichwanderungen wieder im Meer. Sie sind die einzigen Störe, die auch im freien Wasser auf Fischfang gehen. Mit ihrem nach vorn ausstülpbaren Maul erbeuten sie sogar Seevögel und Robben. Auch andere Störe stehen auf ihrem Speiseplan. Mit ihren Laubrechen ähnelnden Barteln und martialisch wirkenden Knochenschilden schleichen diese Riesen als skurril bis bizarr aussehende Großfische durch Meere und Flüsse. Sie gehören einer Fischgruppe an, deren Arten sich seit 200 Millionen Jahren kaum verändert und selbst die Dinosaurier überlebt haben. Es sind wahre Super-Tiere, die vermutlich in freier Natur keine Chance haben werden, ihre alten Rekordmarken wieder zu erreichen, die aber vielleicht in den großen Privatgewässern einiger superreicher Liebhaber zur alter Größe heranreifen können.

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