Der Exodus-Mythos

Zehn Fragen an den Forscher Manfred Görg

Manfred Görg ist emeritierter Professor für Alttestamentliche Theologie und Ägyptologie an der Universität München und Vorstand des Instituts für Biblische Exegese. Seine zahlreichen Forschungsarbeiten und Publikationen beschäftigen sich mit Religionen in der Umwelt des Alten Testaments. Er gilt auf seinem Fachgebiet als einer der herausragenden Forscher. Für die ZDF-Produktion "Die Biblischen Plagen" stellte sich der renommierte Bibelwissenschaftler den Fragen der Autorinnen Gabriele Wengler und Sandra Papadopoulos.

Exodus - Israels Auszug aus Ägypten
Exodus - Israels Auszug aus Ägypten Quelle: ZDF
Theologe Manfred Görg
Theologe Manfred Görg Quelle: ZDF



ZDF:
Wie entstand die Geschichte der Zehn Plagen, und welche Bedeutung hat sie innerhalb der Exoduserzählung?



Manfred Görg: Zunächst, die Plagengeschichten des Alten Testaments sind mit Sicherheit nicht aus einem Guss geschrieben. Sie sind ein wunderschönes Beispiel für deutende Geschichtsschreibung - sind also Dichtung, obwohl diese erzählten Ereignisse natürlich in mancher Hinsicht den Erfahrungen entsprechen konnten, die Menschen im alten Ägypten gemacht haben. Die Autoren der Bibel haben mit den Plagen natürliche Vorgänge und Erfahrungen beschrieben und auch dramatisiert, um die wundersame Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten vor einem großartigen Hintergrund zu erzählen. Sie wollten dem Leser sozusagen vermitteln: Gott hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um den Exodus in das Gelobte Land zu ermöglichen.

Tötung der Erstgeburt
Tötung der Erstgeburt Quelle: ZDF


ZDF: Die zehnte Plage ist die grausamste und hat die Menschen immer wieder verstört. Wie geht man theologisch mit der Erzählung von der Tötung der Erstgeborenen um?


Görg: Aufs erste könnte man natürlich der Meinung sein, dass ein Gott, der die Erstgeburt schlägt, ein ziemlich brutaler und grausamer Gott sein muss. Aber wir müssen das Ganze in die durchaus blumenreiche Sprache des Alten Orients einbetten und dürfen die Erzählungen zugleich nicht historisieren und so wörtlich nehmen, dass wir meinen, das müsse so passiert sein wie es dargestellt ist. Es handelt sich hier vielmehr um eine Bilderzählung, die mit Motiven arbeitet, die schon seit alters her auch in Ägypten gebräuchlich waren. Wenn man etwa sagte, man will das Böse mit allen Wurzeln ausrotten, dann sagte man auch, "Wir wollen die Erstgeburt des Bösen vernichten". Mit der zehnten Plage soll also gesagt sein, dass mit Gottes Hilfe die Ägypter oder ihre Nachkommen Israel in Zukunft nicht mehr gefährlich werden.

Nur eine kleine Wanderung


ZDF
:
Die Zehn Plagen führen in der biblischen Geschichte zum Auszug der Israeliten aus Ägypten. War der Exodus ein historisches Ereignis?



Görg: Die biblischen Geschichten vom Exodus können nicht einfach in greifbare Historie übersetzt werden. Vielmehr sind sie eine literarische Komposition mit einem historischen Hintergrund. Sie wurden von verschiedenen Autoren verfasst und dann vereinigt zu dem, was wir heute als Exodusgeschichte kennen. Wir können also von einem Exodus-Mythos sprechen, der aus geschichtlichen Erfahrungen gewachsen ist und zu einem Zyklus von Erzählungen geformt wurde.


ZDF: Die Bibel erzählt von 600.000 Männern und Frauen, die aus Ägypten ausgezogen sind. Wie interpretieren Historiker und Bibelwissenschaftler diese Angaben heute?


Görg: In der Erinnerungsgeschichte Israels ist der Auszug aus Ägypten auf das ganze Volk bezogen. Die Geschichtsforschung aber sieht das anders. In der Auswertung archäologischer Ausgrabungen und schriftlicher Quellen fand sie heraus, dass nur kleine Gruppen aus Ägypten geflohen sind, keineswegs das gesamte Volk Israel. Das Volk Israel hat sich in erster Linie in Palästina entwickelt, und diejenigen, die am ehesten von einem Exodus hätten sprechen können, sind bestimmte nomadische Gruppen, die später zu einem Bestandteil Israels wurden. Es waren Familien, Sippen, der so genannten Schasu-Beduinen, die in besondere Berührung, ja existenzielle Auseinandersetzung mit den übermächtigen Ägyptern gelangt waren.

Pharao-Haupstadt Piramesse
Piramesse


ZDF: Welche Rolle spielt das historische Ägypten in der Abfassung der Exodusgeschichte?


Görg: Die Hintergründe des Exodus müssen so gesehen werden, dass verschiedene Prozesse der Auseinandersetzung des palästinischen Raums mit Ägypten eingefangen worden sind - man kann sagen, unterschiedliche Erfahrungen, die Israel mit dem ägyptischen Ausland gemacht hat. Dahinter steht die Befürchtung, eine Großmacht wie Ägypten könnte sich erneut bemerkbar machen und Israel gefährden. Auf diese Weise kommen die verschiedensten Erinnerungen zusammen und werden dann kompakt in der Dichtung über den Exodus zum Ausdruck gebracht und vermittelt.


ZDF: Hundert Jahre herrschten die sagenumwobenen Hyksos in Ägypten. Ihre Vertreibung nach Kanaan wurde vielfach mit dem biblischen Exodus in Verbindung gebracht. Wie sehen Sie das?


Görg: Ich bin überzeugt, dass sich die Hyksos-Periode in der Erinnerungsgeschichte niedergeschlagen hat und unter anderem auch in der Exodusgeschichte des Alten Testaments reflektiert wird. Die Ägypter wollten die Hyksos einfach loswerden, während Israel dieses Ereignis oder diese Erinnerung als Chance zur Selbstständigkeit und Befreiung seiner eigenen Existenz verstanden hat. Es war immer das Trauma in Israel gewesen, von den Ägyptern abhängig zu sein, und um sich dieses Trauma gewissermaßen von der Seele zu reden, hat die Ausformung der Exodusgeschichte ihre Entwicklung genommen und wird als Geschichte der Befreiung verstanden. Die Vertreibung der Hyksos war dafür möglicherweise der Auslöser.


ZDF: In der Exoduserzählung nennen die Autoren eine Stadt in Ägypten mit dem Namen "Ramses". Was sollte damit zum Ausdruck gebracht werden?


Görg: Auch wenn "Ramses" nur als Ortsname im Alten Testament erscheint, so ist doch offensichtlich, dass man damit an den großen Pharao Ramses II. erinnern wollte. Er war weltberühmt und auch für die Menschen zur Zeit der Bibelentstehung der Inbegriff eines Pharao. In den biblischen Texten wollte man mit der Nennung von "Ramses" also die Großmacht Ägypten vor Augen führen. Israel hat mit dieser Großmacht von vornherein seine Probleme gehabt und immer befürchtet, dass dieses mächtige Reich der Ägypter sich erneut ganz Kanaan und Palästina einverleiben würde, wie es schon der Fall war. Und Ramses II., ja, das war eben die Personifikation der Gegnerschaft schlechthin.

Duell am Nil: Moses gegen den Pharao
Duell am Nil: Moses gegen den Pharao Quelle: ZDF



ZDF:
In der Plagenerzählung wird die Gegnerschaft zwischen Pharao und Gottes Propheten Moses ausgetragen. Wer war Moses und ist er eine historische Figur?



Görg: Die Gestalt des Moses ist ein Mythos - genauso wie die Gestalt des Abraham und andere Gestalten aus der Bibel. Das heißt nicht, dass sie ungeschichtlich wären, das muss man unterscheiden. Der Mythos bemächtigt sich einer Erinnerung an Personen aus der Vergangenheit. Was historisch mit diesen Personen dann zu verbinden ist, steht auf einem anderen Blatt. Das lässt sich zum Teil auch gar nicht mehr erfassen.


ZDF: Weiß man um historische Vorbilder, die die Mosesgestalt der Bibel geprägt haben könnten?


Görg: Man hat versucht, für Moses Persönlichkeiten aus der Geschichte des ägyptisch-palästinischen Raumes zu finden, die sich eignen, wie die biblische Traditionsgestalt Moses, gewissermaßen Wanderer zwischen den beiden Kulturen zu sein. Und man fand zum Beispiel einen Mann namens Ramsesemperre, der im Gebiet des Sinai bezeugt ist - ein Diplomat, der offenbar unter verschiedenen Pharaonen gedient hat. Seine Aufgabe war es, zwischen Ägypten und dem palästinischen Raum zu vermitteln, besonders dort, wo ausländische Bergarbeiter zur Kupfergewinnung beteiligt waren.

Moses und die Biblischen Plagen
Moses

Dieser Ramsesemperre könnte ein Vorbild für die Gestalt des Moses gewesen sein. Aber es gibt auch noch andere, und wahrscheinlich wurden in Moses verschiedene Persönlichkeiten mit ähnlichen, teilweise vergleichbaren Funktionen zusammengeführt. Moses als Einzelperson ist uns historisch nicht nachweisbar.


ZDF: Das Alte Testament beinhaltet die Grundlagen des ersten Monotheismus der Geschichte. Wie kann man sich den Weg zum Eingottglauben in der damaligen Welt der vielen Götter vorstellen?


Görg: Es war damals in der Tat eine von vielen Göttern bevölkerte Welt. Soweit wir zurückschauen können, hatte zum Beispiel die Göttin Aschera neben der Göttin Astarte im kanaanäischen Raum als Fruchtbarkeitsgöttin besondere Bedeutung. Sie verkörperte das Weibliche in der Götterwelt. Und auf der anderen Seite gab es da den Hochgott El und den kämpferischen Baal. Der einstige Sippengott Jahu, aus dem später der alttestamentliche Jahwe werden sollte, erfährt nun mit dem beginnenden Israel eine besondere Herausbildung. Die Vorstellungen anderer und auch weiblicher Gottheiten treten immer mehr in den Hintergrund. In der Zeit des Königs Joshia wurde dann endgültig, darf man sagen, der Durchbruch geprobt. Nur noch Jahu=Jahwe sollte künftig verehrt werden und die Verehrung der Aschera als Begleitgottheit wurde nicht mehr aufrechterhalten. Dieser Trend hat sich dann weiter fortgesetzt und wurde mit Beginn des Judentums in der strengen Form des Monotheismus noch weiter radikalisiert.

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