Der Fall "Andrea Doria"

Berühmtes Schiffsunglück mit vielen Ungereimtheiten

Seit Jahrzehnten arbeitet Professor Robert Meurn, Experte für Havarie-Fragenist, bei der Marine-Akademie in Kings Point in New York der Arbeitsplatz. Der Fachmann interessiert sich schon lange für den Fall "Andrea Doria". Die vielen Ungereimtheiten lassen ihm keine Ruhe.

Der erfahrene Kapitän sucht die Antwort im institutseigenen Schiffs-Simulator. Gewöhnlich hilft die moderne Technologie Kadetten beim Training für den Ernstfall.

Weltweite Schlagzeilen

Im Computer lässt der Amerikaner die Kollision rekonstruieren, die 1956 weltweit für Schlagzeilen sorgte. Die Ereignisse jener Nacht hat Robert Meurn immer wieder durchgespielt. Erwiesen ist, dass um 23.10 Uhr die "Stockholm" die "Andrea Doria" mit einer Geschwindigkeit von 18 Knoten rammt. Dabei reißt sie ein Loch von mindestens 20 Meter Länge in die Schiffswand. 51 Menschen sterben.

Im Firmensitz des milliardenschweren Versicherungs-Syndikats von Lloyds of London liegen die Policen von etwa 20.000 großen Schiffen, jede mit einem Wert von 30 bis 50 Millionen Euro. Auch die Eigner der italienischen "Andrea Doria" und der schwedischen "Stockholm" hatten mit dem größten Schiffsversicherer der Welt einen Vertrag abgeschlossen.

Chronik des Grauens

Minutiös verzeichnet Lloyds jeden Untergang oder Schaden aller betreuten Schiffe. In das "Loss Book" trägt der Saaldiener täglich die aktuellen Verluste an Mensch und Material ein. Eine Chronik des Grauens. Hunderte von dicken Bänden im Londoner Lloyds-Archiv dokumentieren die zahllosen Tragödien auf den Weltmeeren. Einen Tag nach der Katastrophe ist auch der Totalverlust der "Andrea Doria" aktenkundig. Über die Zahl der Opfer allerdings gibt der Eintrag keine Auskunft.

Von der Meldung über den Untergang angelockt, seilen sich Schatzsucher zu dem Wrack in 70 Meter Tiefe ab. Ungeachtet der gefährlichen Strömung stöbern sie nach verwertbaren Souvenirs. Selbst Gebrauchsgegenstände bringen gutes Geld. Kein anderer betauchte das versunkene Schiff so oft wie David Bright. Für Taucher ist die "Andrea Doria" genauso eine Herausforderung wie der Mount Everest für Bergsteiger, sagt der Amerikaner.

Geschäftliche Interessen

Im September 1956 beginnt die erste Anhörung zur Klärung der Schuldfrage vor dem Obersten Gerichtshof in New York. Vor zahlreichen Schaulustigen und neugierigen Journalisten verhandeln die Verantwortlichen den Fall "Andrea Doria". Eine Farce, bei der es weniger um die Wahrheit als um geschäftliche Interessen geht. Viel Geld steht auf dem Spiel. Kein Wunder also, dass sich die Anwälte der beiden Reedereien gegenseitig beschuldigen.
Als die Hauptverdächtigen Piero Calamai, Kapitän der "Andrea Doria" und Johan Carstens-Johanssen, wachhabender Offizier der "Stockholm", die Kollision aus ihrer Sicht schildern, kommt es zum Eklat. Die Parteien bezichtigen sich grober Fehler. In erbittertem Wortgefecht streiten die Juristen über sinnlose Kurswechsel, zu hohe Geschwindigkeiten und falsche Bedienung des Radars. Ein besonders heikler Punkt, da die Sichtungsprotokolle der "Stockholm" spurlos verschwunden sind. Aussage steht gegen Aussage.

Ende einer Karriere

Am Ende erwirkt der mächtige Agent Lloyds einen außergerichtlichen Vergleich. Als Versicherer der "Andrea Doria" und der "Stockholm" will das Unternehmen den Schaden ohne Richterspruch regulieren. Die Hauptschuld aber trifft den Kapitän der "Andrea Doria". So lautet die offizielle Erklärung der Kommission. Demzufolge lenkte Piero Calamai den Stolz der italienischen Flotte ins Verderben. Der erfahrene Seemann verlässt den Gerichtssaal als gebrochener Mann. Das Ende einer Karriere. Nur drei Jahre führte er die "Andrea Doria".

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