Der Findling von Nürnberg

Hauser wird zum "Kind von Europa"

Am 19. Dezember 1833 wird im Obduktionssaal der Gerichtsmedizin in Ansbach ein 21-jähriger Mann untersucht. Er ist zwei Tage zuvor an den Folgen einer Stichverletzung gestorben. Der Name des Toten: Kaspar Hauser. Fünf Jahre zuvor hatten Spekulationen um das Geheimnis seiner Herkunft in Nürnberg für Aufruhr gesorgt.

Das Attentat wird zu einer Staatsaffäre. Gerüchte kursieren: Ist der Tote der legitime Erbprinz von Baden und Opfer eines blutigen Erbfolgestreits oder ist er nur ein Betrüger?


1816 wird am Oberlauf des Rheins eine Flaschenpost gefunden. Sie enthält eine geheimnisvolle Nachricht in lateinischer Sprache. Damals konnte man in dieser Nachricht keinen tieferen Sinn erkennen. Man hielt es für einen Scherz von Studenten und sie geriet bald wieder in Vergessenheit. 1926 sieht man erstmalig in der Unterschrift S. Hanes Sprancio ein Anagramm. Aus 14 Buchstaben ergeben sich 87 Milliarden Möglichkeiten, die mit Hilfe einer Dechiffrierungs-Software nach sinnvollen Kombinationen abgesucht werden können. Eine dieser Kombinationen lautet: EIN SOHN CASPARS, eine zweite Kombination: SEIN SOHN CASPAR.

Wie aus dem Nichts

1828, nur zwölf Jahre nach Fund der Flaschenpost, wird ein Junge unerkannt durch Deutschland geschleppt. In Nürnberg taucht am Pfingstmontag, wie aus dem Nichts, ein Junge auf; etwa 16 Jahre alt. Mühsam und ungelenk stakst er unbemerkt durch die menschenleeren Gassen. Mitten in der Stadt endet sein Weg. Er schwankt, kann bloß stammeln, sein Blick ist stumpf und leer. In der ausgestreckten Hand hält der Fremde zwei ominöse Briefe. Auf der Polizeiwache sucht man nach Hinweisen über die Herkunft des Unbekannten. Der Fremde scheint die Fragen zu hören, aber nicht zu verstehen. Doch dann, als man ihm die Hand führen will, um ein Kreuz unter das Protokoll zu setzen, scheinen dem Jungen ohne Sprache Feder und Papier nicht unbekannt. Mit festem Druck schreibt er den Namen, der ihn fortan begleitet: Kaspar Hauser.

Nur die beiden Briefe, die er bei sich trägt, verraten mehr als seinen Namen. Die Originalbriefe sind seit langer Zeit verschollen. Im Stadtarchiv Ansbach jedoch werden zwei damals angefertigte Faksimile Kopien aufbewahrt. Die dubiosen Briefe weisen Kaspar als Findelkind aus. Im ersten Brief, dem so genannten Mägdleinzettel, steht: "Das Kind heißt Kaspar. Ich bin ein armes Mägdlein und kann ihn nicht ernähren. Wenn er 17 Jahre alt ist schicken Sie ihn nach Nürnberg zum 6. Regiment." Der Zweite Brief lautet: "Ich bin ein armer Taglöhner. Seine Mutter hat mir das Kind gelegt und ich habe ihm seit 1812 keinen Schritt weit aus dem Haus gelassen. Ich habe ihn mitten bei der Nacht fortgeführt. Er weiß nicht wo ich wohne." Spätere graphologische Untersuchungen ergeben, dass beide Briefe von einem Verfasser stammen, es handelt sich um eine falsche Fährte.

Gerüchte um Kaspars Herkunft

In Nürnberg wird der Findling Kaspar noch in der selben Nacht in den Gefängnisturm gebracht. Doch schon bald beginnen höhere Kreise sich für ihn zu interessieren. Nürnbergs Erster Bürgermeister, Friedrich Binder, sucht Kaspar auf, überzeugt von dessen unschuldigen Wesen. Seine darauf verfasste Bekanntmachung verkündet: "daß Kaspar Hauser um die Vorzüge einer vornehmen Geburt beraubt worden sei!" Und so erfährt die Öffentlichkeit, von dem Findling Kaspar Hauser und seiner grausamen Kindheit, angekettet in einem dunklen Kerker. Die bürgermeisterliche Behauptung, der so genannte Bindererlass, setzt das Gerücht um Kaspars adelige Herkunft in Umlauf.

Das wilde Kind auf der Nürnberger Burg wird zur Attraktion. In Massen strömen Menschen zum Gefängnisturm, um das "Wolfskind" zu bestaunen, zu traktieren und zu prüfen. Kaspar, der nur Wasser und Brot zu sich nimmt, Fleisch und Milch aber mit Ekel abweist, steht plötzlich im Mittelpunkt einer Welt, die ihm völlig fremd ist. Nach Wochen der Gefangenschaft fällt der Junge mehr und mehr den Torturen zum Opfer und ist den Strapazen nicht mehr gewachsen ist. Die Gerüchte verhärten sich, wonach das wilde Kind ein entführter Prinz sei. Der Fremdling wird berühmt und bald schon das "Kind von Europa" genannt: Ein kometenhafter Aufstieg vom unbekannten Fremden zum populären Häftling.

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