Der gottgleiche Künstler

Nero driftet in eine Fantasiewelt ab

Nach Senecas Tod gibt es niemanden mehr, der es wagen würde, Nero an seine kaiserlichen Pflichten zu erinnern. Die längst zur Manie geratene künstlerische Leidenschaft bestimmt das Handeln des Herrschers.

Die öffentlichen Auftritte Neros in den großen Theatern Roms und seiner Lieblingsstadt Neapel werden zu Pflichtveranstaltungen für die gehobene Gesellschaft.

Tyrannische Methoden



Der frenetische Jubel, den Nero bei seinen Darbietungen erhält, wird mit tyrannischen Methoden erzwungen. Die konservativen Bürger Italiens und der Provinzen sind von dem, was sie sehen, entsetzt. Dennoch applaudieren sie zusammen mit den anderen. Sie haben keine Wahl: Sie werden von einer Spezialtruppe, die der Kaiser im Publikum verteilt hat, mit wiederholten Schlägen dazu gedrängt. Als offizieller "Fanklub" des Kaisers ohrfeigen, beschwatzen und schikanieren sie Zuschauer, die sich langweilen oder empören.

Der brave Beifall steigert Neros Besessenheit zur Hysterie, macht ihn überempfindlich für die leiseste Kritik. Kurz nach einer Aufführung ist Nero über ein Missgeschick so in Rage, dass er seine ganze Wut an seiner Frau auslässt. Poppaea, die ein Kind erwartet, stirbt unter den Fußtritten des völlig außer sich geratenen Kaisers. Vieles spricht dafür, dass Nero seine Poppaea wirklich geliebt hat. Als er die Folgen seiner Tat erkennt, bricht für ihn die Welt zusammen. Den Verlust wird er niemals ganz verwinden.

Missachtung von Traditionen

Bei den mit einem Feierlichkeiten verbundenen Staatsbegräbnis, der Neros Kummer zum Ausdruck bringen soll, missachtet er wieder ein Mal jede Tradition und das, was die Römer als schicklich empfinden. Poppeas Leichnam wird nicht nach römischer Sitte verbrannt, sondern, wie bei östlichen Herrschern üblich, einbalsamiert und mit aromatischen Substanzen konserviert. Zudem lässt er Poppea im Mausoleum des vergöttlichten Augustus beisetzen.



Auf den zahlreichen Baustellen geraten die Arbeiten ins Stocken. Der Kaiser sieht die hochfliegenden Pläne für sein neues "Neropolis" gefährdet. Der Staatshaushalt gerät zunehmend in Schieflage. Doch Nero nimmt sich eine Auszeit vom politischen Tagesgeschäft. Er reist nach Griechenland, um sich für verschiedene Sport-Wettkämpfe vorzubereiten, die im darauf folgenden Jahr stattfinden. Aber er sucht auch Zerstreuung bei freizügigen Feiern.

Neue Finanzierungsquellen

Sein Bauprogramm vergisst er aber selbst auf den berauschendsten Orgien nicht. Dafür sorgt schon Tigellinus. Er rät Nero, sich bei den Reichen des Imperiums zu bedienen. Der Kaiser fürchtet schon länger jeden Aristokraten, der in Punkto Reichtum mit ihm konkurrieren kann. Er glaubt nämlich, dass seine Häuser, Landgüter und Besitztümer seine Vormachtstellung im Staat erst begründen und dass adlige Reiche als Rivalen auftreten und seine Position untergraben können.

Rücksichtslos requiriert Todesbote Tigellinus Geld, Immobilien und Wertgegenstände der Super-Reichen. Er bezichtigt sie des Hochverrats, lässt sie umbringen oder zwingt die Familienvorstände zum Selbstmord, nachdem sie ihr Vermögen testamentarisch dem Kaiser vermacht haben - vermutlich die größte Raub- und Erpressungs-Serie der Geschichte.

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