Der große Schlagabtausch

Das Jahr 1492 markiert einen welthistorischen Wendepunkt

Die erste Begegnung zwischen Europäern und "Indianern" ist friedlich verlaufen. Kolumbus wähnte sich als Entdecker eines neuen Seeweges - ein relativ harmloses Begehren. Man hat einander Geschenke überreicht und sich höflich wieder verabschiedet. Doch dem denkwürdigen Ereignis von 1492 auf Guanahani/San Salvador sollen schon bald weitere folgen - mit Akteuren ganz anderen Schlages und eiskalter Gier nach Gold und Reichtum.

Die Azteken belagern das Hauptquartier der Spanier.
Die Azteken belagern das Hauptquartier der Spanier. Quelle: ZDF/Milos Vendlek

Balboa, Cortés, Pizarro und Almagro sind die bekantesten Namen jener spanischen Eroberer, die Anfang des 16. Jahrhunderts auf der Suche nach sagenhaften Goldschätzen weite Teile der Neuen Welt für die "Allerchristlichste Katholische Majestät" in Besitz nehmen. Mit selbst nach heutigen Maßstäben unfassbarer Geschwindigkeit okkupieren die kleinen Expeditionsheere binnen weniger Jahrzehnte ein Gebiet, das von Nordkalifornien bis Mittelchile reicht. Fast ein Drittel des späteren USA-Territoriums (ohne Alaska) zählt bald zum spanischen Übersee-Imperium. Nahezu zeitgleich gehen portugiesische Eroberer im östlichen Südamerika auf Landnahme.

Biologische Kriegsführung

Lange wurde gerätselt, wie es möglich war, dass einige wenige europäische Soldaten so hoch entwickelte, bevölkerungsstarke Staatssysteme wie die Reiche der Azteken, der Maya und Inka quasi im Handstreich nehmen konnten. Heute besteht Einigkeit darüber, dass die militärischen Qualitäten und die überlegenen Feuerwaffen der Konquistadoren eine geringere Rolle spielten als früher angenommen. Die Spanier und nach ihnen alle anderen Ankömmlinge aus der Alten Welt brachten ungeheure Hilfstruppen mit, die sie selbst gar nicht kannten - und sie trafen auf ähnliche Legionen der Gegenseite. Diese unsichtbaren Streitkräfte führten den verheerendsten interkontinentalen Vernichtungskrieg aller Zeiten.

Darstellung der Seuchen in Amerika
Darstellung der Seuchen in Amerika

Zu den "Nano-Soldaten" zählen auf europäischer Seite unter anderem die Erreger von Pest, Pocken, Cholera, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Fleckfieber, Diphterie, Grippe, Röteln, Scharlach und Tripper. Auf indianischer Seite sind vor allem die Erreger von Syphilis, Chagas-Krankheit, Carriónsche Krankheit, Hasenpest und Leishmaniose zu nennen. Dabei gelingt es fast allen europäischen Keimen, in Amerika Fuß zu fassen, während es unter den indianischen Keimen vermutlich nur Syphilis-Erreger zum Exportschlager schaffen. Die meist nicht eindeutigen "Diagnosen" in den Originalquellen lassen jedoch in vielen Fällen keine absolut sicheren Aussagen zu.

Amerikanische Apokalypse

Welches Ausmaß die indianischen Verluste an Menschenleben infolge eingeschleppter Infektionskrankheiten annahmen, ist bis heute umstritten. Nach neueren Untersuchungen muss man von einer Gesamtbevölkerung des Doppelkontinents von 80 bis 120 Millionen Menschen ausgehen. Niemand kann heute mit Gewissheit sagen, wie viele Indianer diesem unsichtbaren Gegner zum Opfer fielen, aber für manche Gegenden und deren Stämme beziehungsweise Völker nehmen Wissenschaftler Sterberaten von bis zu 95 Prozent an. Allerdings greift die einfache Erklärung, die Indianer seien wie die Fliegen, weil sie keine Abwehrstoffe gegen die neuen Keime besessen hätten, etwas zu kurz.

Insbesondere bei Kinderkrankheiten wie etwa den Masern galt ungefähre Waffengleichheit: Erwachsene, die während der Kindheit nicht immunisiert worden waren, starben auf beiden Seiten etwa zu gleichen Teilen. Allerdings waren alle erwachsenen Indianer und nur ein Teil der Europäer nicht immunisiert. Die hohen Verluste auf indianischer Seite resultieren aus einer Reihe unterschiedlicher Reaktionen. Viele hilflose Kinder und Alte verloren ihr Leben, weil fast alle aktiven Versorger erkrankt waren. Hinzu kommt eine hohe Selbstmordrate bei den Hinterbliebenen. Zusammen mit den bei Kämpfen und Gräueltaten zu Tode Gekommenen und den infolge umfangreicher Versklavungen eingetretenen Bevölkerungsrückgängen kam es insgesamt zum größten Genozid der Geschichte.

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