Der heilige Berg von Chichén Itzá

Pyramidenarchitektur mit fantasievoller Zahlenmystik

Teobert Maler findet und erforscht 33 der wichtigsten Maya-Ruinen für die Wissenschaft. Viele der von Maler mühsam aufgespürten und fotografisch dokumentierten Fundplätze gerieten in den nachfolgenden Jahrzehnten wieder in Vergessenheit.

Steigender Wohlstand ließ Xkipché immer weiter wachsen. Im Zentrum wurden große Bauvorhaben in Angriff genommen - doch plötzlich war alles vorbei: Die Machthaber von Xkipché konnten weder ihre Bauwerke vollenden noch vor Plünderungen schützen - wurden sie entmachtet, vertrieben oder getötet? Oder ist Arm und Reich gemeinsam verhungert und verdurstet?

Speichersysteme und Gottvertrauen

Teobert Maler staunt immer wieder über das Phänomen des Wassermangels: Alljährlich während der fünfmonatigen Regenzeit öffnen sich alle Schleusen des Tropenhimmels und verwandeln das Land in einen Garten Eden. Aber der poröse Karstboden der Yukatan-Halbinsel lässt die Wassermassen im Nu versickern. So sind die langen sieben Monate der Trockenzeit nur mit ausgeklügelten Speichersystemen und Gottvertrauen zu überstehen. In der Ruinenstadt Chichén Itzá sind die Darstellungen des Regengottes "Chac" nicht zu übersehen. Seine Schlangennase schmückt viele Gebäude. Der Verdacht liegt nahe: Die Stadt litt unter Wassermangel.

Der Baumeister in Teobert Maler ist jedoch besonders fasziniert von der fantasievollen Zahlenmystik, die er bei der genauen Vermessung von Tempeln und Palästen in Chichén Itzá entdeckt. So besteht jede der vier Treppen der Kukulkán-Pyramide aus 91 Stufen; insgesamt sind es 364. Dazu kommt eine Stufe am Eingang des Dachtempels: also exakt die Anzahl der Tage eines Jahres. Ihre neun Plattformen entsprechen den Schichten der Unterwelt, wie es die Maya-Mythen verkünden. Sie ist ein heiliger Berg - Architektur als Fortsetzung der Natur, ein Abbild der Weltordnung.

Nur 14 Sekunden Abweichung



Die Baumaße standen im Zusammenhang mit dem Lauf der Himmelskörper. Zu ihrer Beobachtung ist ein spezielles Gebäude konstruiert worden. Im antiken Observatorium sind die Fensterschlitze nach astronomischen Punkten ausgerichtet: So konnte der Sonnenuntergang während der Tagundnachtgleiche genau verfolgt werden. Die Sternenforscher berechneten in Chichén Itzá auch den Venus-Umlauf - mit einem Irrtum von nur 14 Sekunden im Jahr. Beim Mondmonat betrug die errechnete Abweichung ganze 23 Sekunden - was machte solch heute unerklärliche Präzision möglich?

Die spanischen Eroberer erkennen schnell die Bedeutung der heiligen Maya-Schriften. Die Missionare beschlagnahmen alle 'Codizes', derer sie habhaft werden können, als Teufelswerk und verbrennen sie. Allein im Jahre 1562 lässt der Bischof Diego de Landa 27 umfangreiche Faltbücher dem Scheiterhaufen überantworten. Die Franziskanermönche leisten in ihrem Fanatismus ganze Arbeit: Nur vier der unersetzlichen Schriften entgehen der Vernichtung.

Herrschaft über das "unwissende" Volk



In der Tresorkammer der Landesbibliothek Dresden wird eines der letzten vier bis heute erhaltenen Bücher aufbewahrt, in denen die indianischen Gelehrten ihr Wissen niedergeschrieben haben. In aufgeklapptem Zustand ist das Faltbuch mehrere Meter lang - ein bibliophiler Schatz. Der Astronomiehistoriker Andreas Fuls entschlüsselt die im Codex überlieferten Glaubensvorstellungen der Maya. Die Gestirne verkörperten wohlgesonnene oder ungnädige Götter; sie mussten berechenbar sein, um sich vor ihnen schützen zu können. Die genaue Vorhersage des Sternenlaufs diente der Herrschaft über das "unwissende" Volk. Doch was geschah, wenn die Tabellen der Könige einmal irrten und ihre Welt aus dem Gleichgewicht geriet?

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