Der herumgereichte Prinz

Nicht weggeschlossen, sondern weitergeschoben - so lassen sich die fünf Jahre, die der "unbehauste" Hauser unter Menschen verbringt, wohl am ehesten beschreiben. In Nürnberg und Ansbach lebt er bei ständig wechselnden Bezugspersonen und Gönnern.


Jakob Friedrich Binder Der Nürnberger Bürgermeister Binder ist der erste, der sich intensiv mit Kaspar Hauser auseinandersetzt. Binder, der gleichzeitig Vorsitzender der städtischen Polizei ist, macht den Fall Hauser zur Chefsache. Über mehrere Tage hinweg verhört er Kaspar im Gefängnis, bearbeitet die ärztlichen Berichte und fügt die Bruchstücke seiner gesammelten Informationen zu einer bestürzenden Geschichte zusammen.

Binders Bekanntmachung löst Fassungslosigkeit in der Öffentlichkeit aus. In einer Weise, wie man sie heute dem Sensationsjournalismus zuschreiben würde, schildert Binder in seinem Bericht das Schicksal des Jungen. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf die Fakten, sondern bringt auch seinen persönlichen Eindruck über Hauser zu Papier. Binder zieht den Schluss, dass Kaspar womöglich "um die Vorzüge einer vornehmen Geburt" gebracht worden sei. Nach dieser Bekanntmachung verbreitet sich die Nachricht vom Nürnberger Wolfskind, das von adliger Herkunft sein soll, wie ein Lauffeuer in ganz Europa.


Anselm Ritter von Feuerbach Als Präsident des Ansbacher Appelationsgerichts ist Feuerbach in oberster Instanz mit dem Fall Kaspar Hauser befasst. Feuerbach ist vom ersten Augenblick an fasziniert von dem scheuen jungen Mann. Er befreit Kaspar aus dem Polizeigewahrsam und übergibt ihn der Obhut des Nürnberger Professors Georg Friedrich Daumer. Feuerbachs Spurensuche ergibt, dass Kaspar Hauser ein entführter Prinz aus dem Hause Baden ist. 1832 verfasste Feuerbach das Standardwerk "Kaspar Hauser - Beispiele eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen". Ein Jahr später stirbt er. Sein Sohn publiziert zwanzig Jahre später ein Buch über seinen Vater, in dem er den Verdacht äußert, sein Vater wäre einem Giftmord zum Opfer gefallen.


Georg Friedrich DaumerNach acht Wochen Gefängnisaufenthalt zieht Kaspar in das Haus des Lehrers auf die Nürnberger Insel Schütt. Daumer lehrt seinen Schützling das Sprechen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Musizieren und ermuntert ihn, aus Erinnerungsfetzen und Träumen soviel wie möglich aufzuschreiben. Daumer ist ein melancholischer Einzelgänger, verbunden mit dem Lebensgefühl der Romantik und Anhänger der Rousseau'schen Weltanschauung, dass der Mensch von Natur aus rein und gut ist. Für Daumer ist Kaspar ein Geschenk des Himmels; in ihm findet er jenen reinen unschuldigen Wesenszustand wieder. Geleitet von seiner Faszination für Kaspar Hauser und seinem Erkenntnisinteresse wird Kaspar über seinen Tod hinaus das Lebenswerk Daumers bestimmen. Seine Beobachtungen über Kaspar veröffentlicht er in den Schriften "Mitteilungen über Kaspar Hauser" und "Kaspar Hauser - Sein Wesen, seine Unschuld".


Gottlieb Freiherr von Tucher Der Gerichtsassessor wird zum Vormund Kaspar Hausers bestellt. Dieser brachte Kaspar zunächst bei dem Kaufmann Johann Christian Biberach unter. Dort gab es allerdings Konflikte mit dessen Ehefrau, worauf Tucher Kaspar Hauser daraufhin im eigenen Haus aufnahm.


Philip Henry 4th Earl of Stanhope (Lord Stanhope) 1831 tritt Lord Stanhope in Kaspars Leben. Er verspricht Kaspar, ihn als Sohn anzuerkennen und ihn mit nach England auf sein Schloss zu nehmen. Bei Gericht leitet er die Adoption in die Wege, in dessen Folge auch Kaspars Übersiedlung von Nürnberg nach Ansbach geschieht. Er überhäufte Kaspar mit Aufmerksamkeit und Geschenken. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung, die schon bald Gerüchte über homoerotische Züge entstehen lässt. Diese Gerüchte sind zum Großteil Ausdruck von Neid und Eifersucht, da Kaspar Hauser nun seine ganze Zuneigung auf ihn konzentriert. Dies ließ seine früheren Bezugspersonen Daumer, Feuerbach und Tucher natürlich nicht unberührt, die sich entsetzt über Lord Stanhope äußern. Im Januar 1832 verschwindet Stanhope ebenso schnell wie er aufgetaucht ist. Er verlässt Ansbach und lässt Kaspar in Pflege bei dem Lehrer Johann Georg Meyer zurück. Auf die Briefe Kaspars wird Stanhope nie antworten. Später, nach Kaspars Tod, wird Stanhope ihn sogar als Betrüger bezeichnen.

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