Der Jahrhundertfund

Der Goldschatz von Troja stammt nicht aus der Zeit des Priamos

Fast drei Jahre lässt Heinrich Schliemann graben. Er investiert ein Vermögen - doch die deutsche Wissenschafts-Elite lacht über den Schatzsucher und seine Vision vom real existierenden Troja des Dichters Homer. Im Frühsommer 1873 kündigt Schliemann enttäuscht an, die Arbeiten einzustellen. Doch wie durch ein Wunder gelingt ihm noch der Jahrhundertfund - nach seinen Erinnerungen - am vorletzten Tag der Kampagne.

Schliemann begutachtet Fundstück Quelle: ZDF

Am 5. August 1873 berichtet die Augsburger Allgemeine die Sensation: Heinrich Schliemann hat den Schatz des Priamos gefunden. Die Nachricht geht um die Welt. Der Mythos Troja ist plötzlich Realität geworden. Das Gold ist für Schliemann der eindeutige Beweis.

Zeitungsausschnitt berichtet vom Fund von Priamos' Schatz Quelle: ZDF

Diverse Ungereimtheiten

Acht Monate nach dem Fund bekommt Heinrich Schliemann überraschenden Besuch. Schliemann hatte sich verpflichtet, die Hälfte aller Funde der Türkei zu überlassen. Doch nach der Entdeckung des Goldes denkt er nicht daran, zu teilen und schmuggelt den kostbaren Schatz nach Athen. Als sich Schliemann als Troja-Entdecker feiern lässt, veranlasst der türkische Gesandte eine Hausdurchsuchung. Doch die Beamten finden nichts und werden von Schliemann sogar noch verspottet.

Wie ein Dieb hatte Schliemann seine Beute versteckt und so vor den türkischen Behörden gesichert. Und es gibt noch mehr Probleme. Es kursiert das Gerücht, Schliemann habe den Schatz bei einem Juwelier anfertigen lassen. Schliemann ist empört - doch tatsächlich weisen die Umstände seiner Entdeckung diverse Ungereimtheiten auf.

Tagebuch Heinrich Schliemann Quelle: ZDF

Veränderte Angaben

Heinrich Schliemann hat regelmäßig Tagebuch geführt - doch einen detaillierten Report über den Fund des Priamos-Schatzes sucht man vergebens. Die Angaben über Ort und Zeit werden mehrfach von ihm verändert. Der erste Bericht datiert das spektakuläre Ereignis auf den 31. Mai. Doch zu diesem Zeitpunkt stand auf der angegebenen Stelle noch eine Hütte. Diese wird erst Tage später abgebaut - und er ändert das Funddatum auf den 7. Juni. Auch die Ortsangabe wird wiederholt korrigiert. Die ersten Aufzeichnungen beschreiben einen Platz vor der Mauer. Doch die Stelle außerhalb der Festung passt Schliemann nicht: Er ändert den Fundort von "vor der Mauer" in "auf der Mauer".

Auch, dass ihm Sophia bei der Bergung des Schatzes assistierte, ist schlichtweg gelogen. Die Griechin weilte zur Fundzeit in Athen, um ihren Vater zu bestatten. Später rechtfertigt sich Schliemann in einem Brief an das Britische Museum für die frei erfundene Rolle seiner Frau. Er habe Sophia so für die Archäologie begeistern wollen. Die Ungereimtheiten werfen einen Schatten auf die archäologische Leistung von Schliemann. In seinen Erinnerungen vermischen sich Wahrheit und Mythos - dabei war der Autodidakt seiner Zeit wissenschaftlich voraus.

Akademischer Halt

Um seinen Kritikern etwas entgegenzusetzen, wendet er sich an Spezialisten - wie den Berliner Mediziner Rudolf Virchow - was damals bei Archäologen keineswegs üblich war. Virchow erkennt sofort die Bedeutung der Schliemann'schen Funde - und gibt dem umstrittenen Millionär den ersehnten akademischen Halt. Die Diskussion um die Echtheit des Schatzes veranlasst Schliemann auch zu chemischen Untersuchungen. Das Ergebnis: Ein Teil der Waffen besteht aus Kupfer und Zinn. Schliemann hat einen der frühesten Bronzefunde im Mittelmeerraum gemacht. Einen Bezug zu Homers sagenhaftem Troja beweisen aber auch diese Untersuchungen nicht.

Eingang Puschkin-Museum Quelle: ZDF

Heute liegt der Schatz in Moskau. Schliemann hatte ihn nach dem Streit mit den türkischen Behörden für 50.000 Goldfrancs rechtmäßig erworben und ihn 1881 dem "Deutschen Volke" vermacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand das Gold spurlos. Erst 1991 tauchte es wieder auf, im Puschkin-Museum. Professor Wilfried Menghin, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, hat jahrelang um die Rückkehr der Beutekunst gekämpft. Vergebens. Eine Rückgabe des sogenannten "Schatzfundes A" ist unwahrscheinlich. Die russische Seite ist aber zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit bereit.

Von Anfang an geirrt

Die Untersuchungen sollen Aufschluss darüber geben, ob das Gold von einer Stelle stammt - oder ob Schliemann den Fund des Effektes halber aus Einzelstücken arrangiert hat. Wie das Ergebnis auch ausfällt - der Schatz des Priamos aus Homers Ilias ist es mit Sicherheit nicht: Schliemann hatte sich von Anfang an geirrt. Er nahm an, die Burg des Priamos müsse ganz unten, am Grund des Hügels liegen. Brandspuren und die Festungsmauer waren für ihn der Beleg für "seine" Troja-Schicht.

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