Der Jahrhundertraub von Quedlinburg

Ein neuer Fall für den Historiker und Schatzjäger Willi Korte

Im Sommer 1988 ist der deutsche Jurist, Historiker und Schatzjäger Dr. Willi Korte im Westteil Berlins unterwegs, um Recherche-Aufträge an Land zu ziehen. In der Tasche hat er den frisch erworbenen Doktortitel. Sein Ruf in Fachkreisen ist exzellent - dank der Affäre Waldheim, sie ist seine erste Enthüllung.

Samuhel-Evangeliar (innen) Quelle: ZDF

Kaum ins Amt gewählt, holen den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim die dunklen Schatten der Vergangenheit ein. Als Offizier der Wehrmacht soll er Erschießungen von Zivilisten und Partisanen im besetzten Jugoslawien gedeckt haben. Willi Korte entdeckte belastende Akten über Waldheim in Washington, im National-Archiv.

Befreier werden zu Tätern

Um einen weit größeren Fall soll es bei einem ersten von vielen diskreten Gesprächen mit Dr. Klaus Goldmann von der Stiftung Preussischer Kulturbesitz gehen. Es handelt sich um gestohlene Kulturschätze, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland verschwanden. Damals stellten die amerikanischen Truppen viele Schätze sicher, die von den Nazis geraubt worden waren. Doch auch die Befreier wurden zu Tätern.

Korte und Goldmann (Spielszene) Quelle: ZDF

Dr. Klaus Goldmann, Oberkustos der West-Berliner Museen, vermisst Hunderte wertvoller Stücke aus seinen Beständen. Er hat nicht nur Russen, sondern vor allem amerikanische Soldaten im Verdacht. Goldmann braucht Korte, denn der Historiker soll im Nationalarchiv in Washington einschlägige Dokumente auftun. Solche Recherchen bedürfen äußerster Diskretion - denn das Thema besitzt politisch höchste Brisanz und kann einen Museumsbeamten in echte Schwierigkeiten bringen.

Irgendwo in Amerika

Nach mehreren Gesprächen fasst Goldmann Vertrauen zu Korte und zeigt ihm einen Brief, der am 17. Oktober 1988 bei der Stiftung eingegangen ist. Darin wird eine mittelalterliche Handschrift zum Verkauf angeboten. Der Schätzwert betrage 20 Millionen Euro, schreibt der renommierte Londoner Kunsthändler Samuel Fogg, der Vermittler des Deals. Fogg hat es angeblich mit zwei Mittelsmännern zu tun. Das Objekt selbst befindet sich irgendwo in Amerika.

Foto des Samuhel-Evangeliars Quelle: ZDF

Ein Beweis-Foto zeigt das so genannte Samuhel-Evangeliar. Das Samuhel-Evangeliar ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen. Dass es wieder auftaucht, versetzt die Berliner Museumsbeamten in höchste Aufregung. Denn das Evangeliar ist das Prunkstück des bedeutendsten Kirchenschatzes des Mittelalters. Gestiftet im 10. Jahrhundert vom Sachsenfürsten Heinrich, der später als König Heinrich I. den deutschen Thron bestieg.

Von unschätzbarem Wert

Der Mönch Samuhel fertigte die Pracht-Handschrift um das Jahr 840 an - eingefasst in Perlen, Edelsteinen und Korallen, geschrieben in Goldtinte. Eine Sensation unter Fachleuten, denn es ist die einzige vollständig erhaltene Handschrift aus der Karolingerzeit. Und diese ist von unschätzbarem Wert. Doch irgendjemand versucht, die Handschrift zu Geld zu machen. Wer immer dahinter steckt, vermutet Goldmann, weiß sehr genau, dass sie ihm nicht gehört

Der Quedlinburger Domschatz besteht aus gut zwei Dutzend Kostbarkeiten. Darunter das Otto-Adelheid-Evangeliar aus Elfenbein und Gold aus dem 10. Jahrhundert. Bergkristallgefäße aus Konstantinopel - schier unzerbrechlich und deshalb von unschätzbarem Wert für die Aufbewahrung von Reliquien. Der Reliquienschrein Heinrichs aus vergoldetem Silber, verziert mit reichsten Elfenbeinschnitzereien und Edelsteinen. Und ein Bartkamm Heinrichs aus Elfenbein. Die sind die Kernstücke des Domschatzes.

Himmler in Quedlinburg

Der Schatz übersteht wechselvolle tausend Jahre im Domstift zu Quedlinburg - dem alten Kaisersitz. Bis sich ein anderer Heinrich zum Herren über Quedlinburg und seinen Schatz aufschwingt. Einer, der sich als leiblicher Nachfahre Heinrichs I. wähnt: Heinrich Himmler, "Reichsführer SS". Aufnahmen zeigen Himmler im Juli 1936 zur Feier des tausendsten Todestages Heinrichs I in Quedlinburg. Himmler okkupiert nicht nur die Geschichte. Im gleichen Jahr erzwingt seine SS die Herausgabe des Schlüssels zur Schatzkammer des Domes.

Bald bestimmt nur noch der Krieg das Schicksal des Quedlinburger Domschatzes. Im Sommer 1942 fallen zum ersten Mal Bomben auf Deutschland: erste Boten der Kriegswende.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet