Der "Johannes vom Morgenland"

Papst Clemens setzt auf das Reich des Priesterkönigs in Äthopien

Die Kunde vom Domizil des Priesterkönigs in Äthiopien dringt bis zum Heiligen Vater nach Avignon. Seit 1309 residieren die Päpste im Süden Frankreichs. Ihr riesiger Palast, eine wehrhafte Trutzburg, war weniger ein Ort des Glaubens als Ausdruck weltlicher Macht. Immer mehr nimmt die Kirche Einfluss auf politische Belange. Hinter den Mauern etabliert der Klerus eine straffe Verwaltung, die alles und jeden kontrollieren will.

Paradies Äthiopien Quelle: ZDF

Im Mai 1342 besteigt Clemens VI. den Heiligen Stuhl. Der geschickte Taktiker beherrscht die hohe Schule der Diplomatie wie kein anderer. Doch er verschachert wichtige Ämter und treibt die Vetternwirtschaft auf die Spitze. Dem Vertreter Gottes auf Erden passt es ins Konzept, dass der Mythos vom Priesterkönig neuen Auftrieb gewinnt und sein Reich nun in Äthiopien verortet wird. Denn Clemens schmiedet Kriegspläne. Und dafür braucht er ein riesiges Heer, das er selbst nicht aufbringen kann.

Stoßrichtung Ägypten

Büste von Clemens VI. Quelle: ZDF

Der Papst träumt von einem Kreuzzug. Doch anders als seine Vorgänger will er die Soldaten nicht sofort nach Palästina schickten. Er wählt eine andere Strategie. Die Stoßrichtung zielt auf Ägypten, in das Machtzentrum des arabischen Imperiums. In einer Zangenbewegung sollen die Truppen die Muslime einkesseln: die Europäer aus dem Norden, die Armee des Priesterkönigs aus dem südlichen Äthiopien. Wieder einmal rücken die Krieger des legendären Presbyters in greifbare Nähe.



Von einer Aufsehen erregenden Gesandtschaft aus Äthiopien berichtet der Geschichtsschreiber Johannes von Hildesheim. Als er 1351 die päpstliche Kurie in Avignon besuchte, will er Zeuge der Zusammenkunft gewesen sein. Wie einst die Mongolen, so tauchen die Afrikaner angeblich im Namen des Presbyters auf. Der Chronist betitelt die Männer als "Botschafter des Priesters Johannes vom Morgenland". Kein Zufall: Denn inzwischen gilt der Presbyter als Nachkomme der Heiligen Drei Könige.

Gesandte aus Äthiopien beim Papst Quelle: ZDF

Änderung in der religiösen Malerei

Der Bericht von der Audienz beim Papst ist vielleicht nicht mehr als geschickte Propaganda für das Unternehmen Kreuzzug. Fest steht nur: In Ostafrika regierte damals ein christlicher Herrscher. Seine Existenz führte in Europa sogar zu einer Motivänderung in der religiösen Malerei und zwar in der Darstellung der Heiligen drei Könige. Nur noch als Mohren stellen die Künstler den weisen Caspar dar. Die Korrektur geschieht beinahe zeitgleich mit der möglichen Visite in Avignon.

Bildliche Darstellung Caspar als Mohr Quelle: ZDF

Der neue Look gilt für Gemälde, Kirchenfenster und die Buchmalerei. Die Wandlung der Figur präsentiert eine zusätzliche Aussage an die Gläubigen. Bisher standen Caspar, Melchior und Balthasar für die drei Lebensalter: Jüngling, reifer Mann und Greis. Fortan liefert die Szene noch einen geographischen Hinweis: In Afrika leben Christen. Damals wusste jeder, wer damit gemeint war: der Priesterkönig Johannes und sein Reich in Äthiopien.

Bastion des christlichen Glaubens

Das Land zwischen dem heutigen Sudan und Somalia liefert eine Fülle an Legenden. Zahlreiche Quellen rühmen das abgeschiedene Hochland nahe dem Äquator als Wiege der Götter und Hort irdischer Reichtümer. Bereits im vierten Jahrhundert kamen Missionare in das unberührte Paradies und bekehrten die Menschen. Seither gilt Äthiopien als Bastion des christlichen Glaubens in Afrika. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Gottesdienst in Äthiopien in alter Tradition Quelle: ZDF

Die Wurzeln der Gemeinschaft reichen zurück bis ins Alte Israel. Denn der Sohn des biblischen Königs Salomon soll der erste Herrscher über Äthiopien gewesen sein. Dies erklärt auch die tiefe Verbundenheit zu den Geboten des Alten Testaments. Der Überlieferung nach hüten die afrikanischen Christen sogar die Bundeslade mit den Gesetzestafeln aus dem Tempel von Jerusalem. Die Gläubigen zelebrieren nach wie vor ihren Gottesdienst nach alter Tradition. Die Hochburg der Christen liegt seit dem Mittelalter in Lalibela, einer einsamen Region weit oben in den Bergen.

Zweites Jerusalem

Im 13. Jahrhundert träumt der König, der dem Ort seinen Namen gab, von einer wundersamen Begegnung mit Jesus. Der Erlöser trägt ihm auf, in der äthiopischen Einöde ein zweites Jerusalem zu errichten. Und genau das setzt Lalibela in die Tat um. Elf Felsenkirchen lässt der Herrscher aus dem Stein schlagen. Jede aus einem einzigen Block - ohne Fuge oder Naht. Das Ensemble erfüllt die heilige Geographie, wie sie Gott vorgab.

Felsenkirche in Äthiopien Quelle: ZDF

Die Dachkreuze sprechen eine deutliche Sprache. Die roten Tuffsteingebäude stehen als Sinnbild für die bedingungslose Hingabe an den Glauben. Angeblich eilten sogar Engel herbei, um die Baumeister bei der kräftezehrenden Arbeit zu unterstützen. Wände und Decken schmücken farbenprächtige Symbole wie der Davidsstern oder die Sonne, aber auch Ornamente und bekannte Szenen aus der biblischen Geschichte. Lalibela, im 14. Jahrhundert der Hoffnungsschimmer für Europa.

Paradiesisches Reich

Als die Gesandten aus Äthiopien in Avignon ihren Bericht vortragen, hält der Papst die Stadt der Felsenkirchen für die Residenz des Priesterkönigs Johannes. Von dort erwartet er ein starkes Heer für den Kreuzzug gegen die Muslime in Ägypten. Der Plan steht unter keinem guten Stern. Auch König Lalibela kommt als Presbyter nicht in Frage. Denn der Brief stammt aus dem zwölften Jahrhundert, als es noch keine Beziehungen zwischen Äthiopien und Europa gab.

Hochland Äthiopien Quelle: ZDF

Was bleibt, sind die einzigartigen Felsenkirchen, die nachweislich auch als Profanbauten dienten. Darüber hinaus die wundersame Landschaft - ein paradiesisches Reich. Der Mythos vom Imperium des Johannes am Horn von Afrika hält sich über Jahrhunderte als Sinnbild für eine unerfüllte Sehnsucht.

Ob Papst Clemens wusste, dass der Presbyter lediglich ein Phantom war, können Forscher nicht mehr feststellen. Sicher benutzte er ihn als Trumpf für seine Kriegspläne. Doch Lalibela hätte ihn niemals unterstützen können. Der Negus brauchte selbst Hilfe. Dem Hochland von Äthiopien drohte Gefahr. Muslime wollten das Zentrum erobern. Und der Regent hatte keine Soldaten. So versiegt denn auch die letzte Spur der Quellen aus dem Mittelalter in der Einsamkeit Ostafrikas. Der ruhmsüchtige Clemens wartet vergeblich auf den Superherrscher - wie schon seine Vorgänger.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet