Der Katastrophenmanager des Königs

Marques de Pombal baut Lissabon auf

König Joseph I. ist seit fünf Jahren im Amt, als über Lissabon die Katastrophe hereinbricht. Er gilt als mittelmäßiger Herrscher, böse Zungen behaupten, dass er an nichts anderem Interesse habe, als am Theater und der Religion. Doch ihm stehen talentierte Berater zur Seite: Einer von ihnen ist Sebastiao de Melho, der zukünftige Marques de Pombal, ein Anhänger der Aufklärung. Am 1. November, als in Lissabon die Erde bebt und die Stadt in Trümmer geht, zeigt der Marques de Pombal seine Fähigkeiten als Krisenmanager, Machtpolitiker und Ingenieur.

Ölgemälde: Marques de Pombal
Ölgemälde: Marques de Pombal Quelle: ZDF,Bertram Kropac

Das Chaos im Griff

Unendlich lange zehn Minuten bebt in Lissabon die Erde. Drei gewaltige Schübe erschüttern die Stadt, jeweils unterbrochen von einer Minute der relativen Ruhe. Auf den Straßen herrscht tödliches Chaos. Immer mehr Lissaboner Häuser stürzen ein, erschlagen die Fliehenden in den engen Gassen. Tatsächlich werden drei Viertel aller Gebäude während des Bebens zerstört. Unzählige Menschen müssen sterben - Marques de Pombal gelingt es aber, zu entkommen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Stadt nicht im Chaos versinkt. Seine Maxime: "Begrabt die Toten und sorgt für die Lebenden". Sofort verhängt er das Kriegsrecht über die Stadt. Plünderer und Diebe werden ohne Verzug per Standgericht verurteilt. In den Ruinen lässt er Behelfsquartiere für die Verletzten errichten. Sofortmaßnahmen, die heutigem Krisenmanagement entsprechen. Damals wie heute mit dem Ziel, die Lage schnellstmöglich zu stabilisieren.

Konkurrenten um die Macht: Pombal und Malagrida
Konkurrenten um die Macht: Pombal und Malagrida Quelle: ZDF

Pombals Konkurrent um Ansehen und Macht, der Jesuit Malagrida, ist ein Gegner des Fortschritts: Je weniger die Menschen wissen, desto größer ist der Einfluss der Kirche. Die Bewohner Lissabons sind nach der Katastrophe angsterfüllt. Fanatische Priester deuten das Beben als Strafe Gottes und beschwören das nahe Ende der Welt, allen voran der Jesuit Malagrida. Pombal wird es den Jesuiten nie verzeihen, dass sie die Lage in der größten Not noch verschlimmern.

Naturphänomen, nicht Strafe Gottes

Anders als die Priester glaubt der Minister nicht an Zorn oder Strafe Gottes. Für ihn ist das Beben ein Naturphänomen. Entsprechend rational geht er die Bewältigung der Katastrophe an: Für die Aufräumungsarbeiten stellt Pombal Truppen bereit. Sein Ziel: die schnellstmögliche Beseitigung der Trümmer. Dabei wird jede Hand gebraucht. Überall in Lissabon suchen die Menschen nach den Resten ihres Hab und Gut.


Zur Erfassung der Schäden in ganz Portugal sendet er Fragebögen an alle Kirchengemeinden des Landes. So erhält er genaue Angaben über Zeitpunkt, Länge und Stärke des Bebens, den Verlauf der anschließenden Flutwelle sowie die Zahl der Verletzten und Toten. Wertvolle Informationen, die bis heute in den Archiven des Stadtmuseums von Lissabon lagern. Doch die Dokumente bezeugen nicht nur das Ausmaß der Katastrophe, sondern auch den rasanten Aufstieg Pombals zum Diktator.

Pombal-Originalhandschrift
Pombal-Originalhandschrift Quelle: ZDF

"Herrscher des Königs"

Sie beweisen, dass der Minister das Beben nutzt, um die Macht im Lande zu übernehmen und seine Rivalen auszuschalten. Wer ihn nicht unterstützt, muss mit Konsequenzen rechnen. Offiziell regiert zwar weiterhin der König, doch Pombal wird zum "Herrscher des Königs". Den einfachen Menschen in Lissabon bleibt der Machtwechsel verborgen, sie sind sogar dankbar, dass Pombal in der Krise die Führung übernimmt und den Überlebenden Hoffnung gibt.

In der zerstörten Stadt treibt der Marques de Pombal den Wiederaufbau voran. Kein Haus darf ohne seine Genehmigung errichtet werden: Er schreibt die Größe von Fenstern und Türen vor, selbst die Höhe der Bauten wird reglementiert. Für die Wände wird eine spezielle Fachwerktechnik entwickelt. Die Balken entlasten bei einem Beben das Mauerwerk. Bis heute der bevorzugte Baustil in erdbebengefährdeten Gebieten. Die neuen, im leichten Fachwerkstil erbauten Häuser gleichen zwar besser die Lasten im Bauwerk aus, dafür versetzt ein Beben sie aber leichter in Schwingungen. Ist diese sogenannte Resonanzschwingung zu stark, stürzt das Bauwerk ein.

Erste erdbebensichere Häuser

Da der Gleichschritt marschierender Truppen ähnliche Schwingungen erzeugt, bannt der Minister mit Hilfe von Experimenten an maßstabsgetreuen Modellen auch diese Gefahr. Nur Häuser, die den Test bestehen, erhalten eine Baugenehmigung. So entstehen unter Pombals Führung die ersten erdbebensicheren Bauten in großem Stil.

Erdbebentest mit Modellhäusern
Erdbebentest mit Modellhäusern Quelle: ZDF


Lissabon wird zur modernsten Metropole der Zeit mit breiten Straßen und Brandmauern zwischen den einzelnen Häusern. Dazwischen bestimmen großflächige, freie Plätze das Stadtbild. Sie dienen als Zufluchtsorte für die Bewohner, sollten Fluten oder Brände die Stadt erneut bedrohen: Bis heute eine reale Gefahr.

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