Der Klimawandel und die Pole

Veränderungen haben Auswirkungen auf alle Regionen der Erde

November 2011. Ein riesiger Riss geht durch die Antarktis. Eine Expedition der US-Weltraumbehörde NASA hat eine 29 Kilometer lange Spalte im Pine-Island Gletscher entdeckt. In absehbarer Zeit wird ein gigantischer Eisberg von der Größe New Yorks abbrechen - einer Grundfläche von über 900 Quadratkilometern.

Eislandschaft
Eislandschaft Quelle: ZDF

Der viel beschworene Klimawandel kommt nicht, er ist in vollem Gange. Ob nur gefühlt oder tatsächlich gemessen - der Wechsel im Wettergeschehen und die Schlagzeilen im Blätterwald gehen an niemandem mehr unbemerkt vorbei. Satelliten meldeten gerade die geringste Ausdehnung und Stärke des arktischen Sommer-Eises seit Menschengedenken. Auf Grönland schwinden manche Gletscher unerwartet schnell.

Landeismassen schmelzen dahin

In der Antarktis brechen immer größere Teile des Schelfeises ab, und auch einige Landeismassen schmelzen dahin. Warnungen vor steigendem Meeresspiegel lassen viele Millionen Euro in den Küstenschutz fließen. Durchschnittlich sind die Ozeane während des vergangenen Jahrhunderts um 17 Zentimeter gestiegen - mit entsprechenden Auswirkungen an den Küsten der Friesen wie an den Atollen der Südseevölker. Der Klimawandel zeigt einmal mehr, wie nah uns die scheinbar so fernen eisigen Welten an den Enden der Erde wirklich sind.

Südsee-Inseln
Terra X: Die Südsee Quelle: ZDF,Sabine Armsen

Die Gebiete nördlich wie südlich von 66°33' geografischer Breite, also jenseits der Polarkreise, sind globale Wetterküchen und höchst empfindliche Klima-Seismografen. Was sich dort an Veränderungen abzeichnet, zeigt fast immer weltweite Wirkung. Dabei verläuft manche Entwicklung in Arktis und Antarktis deutlicher als in den übrigen Weltgegenden, so etwa die Temperaturzunahme. Sie ist zumindest in der Arktis mehr als doppelt so stark wie andernorts. Die Antarktis ist klimatisch stabiler aufgrund der abschirmenden kalten Meereszirkulation und der gewaltigen Eismassen. Trotzdem wird auch in der Antarktis eine rapide Zunahme der Eisschmelze festgestellt.

Das Aus für Eisbären

Etwa 90 Prozent des gesamten Süßwassers unseres Planeten lagern in gefrorener Form in den Polarregionen und würden sie komplett schmelzen, stiege der Meeresspiegel um mindestens 70 Meter an. Florida wäre dann völlig im Meer versunken und die Freiheitsstatue in New York würde nur noch mit dem Kopf aus dem Wasser schauen. Bereits heute ist ein verstärktes Kalben der Gletscher zu beobachten. Modellrechnungen zufolge könnte das Nordmeer noch im Laufe dieses Jahrhunderts im Sommer eisfrei sein - mit kaum abzuschätzenden Folgen. Für die Eisbären wäre es das Ende, denn Robben, ihre Hauptnahrung, können sie nur auf dem Eis fangen.

Eine französische Studie zeigte, "dass eine Erhöhung der Wassertemperatur um nur 0,25 Grad Celsius die Überlebenschance der Königspinguine um neun Prozent heruntersetzt." Das schreiben Forscher in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Zahl der Kleinkrebse, die einen zentralen Platz in der antarktischen Nahrungskette haben, sei seit den siebziger Jahren um etwa 80 Prozent gesunken, berichtet Angus Atkinson vom British Antarctic Survey mit Kollegen. Damit gehen Millionen von Pinguinen, Robben, Fischen und Walen ungewissen Zeiten entgegen.

Kleine Rettungsanker

Die Überlebenskünstler haben aber bereits kleine Rettungsanker ausgeworfen. Die Könige der Arktis paaren sich in letzter Zeit des Öfteren mit Braunbären. Deren Junge sind offenbar fortpflanzungsfähig. So startet der Eisschwund den Motor der Evolution und bringt vielleicht neue Arten hervor, die mit den neuen Verhältnissen zurechtkommen könnten. In den Medien sind sie schon kreiert, die Grolar- (Grizzly und Polarbär) oder Prizzly-Bären (Polar- und Grizzly-Bär).

Auch andere Tiere, die bislang durch das Eis von einander getrennt waren, begegnen sich bereits, etwa verschiedene Wal- und Robbenarten. Da zeichnen sich Lösungen der Natur ab, die uns Menschen jedoch außen vor lassen. Zeitalter extremer Vereisung hat es in der Erdgeschichte ebenso gegeben wie Zeitalter extremer Hitze. Die Natur als Ganzes hat sie alle dank ihrer Wandlungsfähigkeit überstanden. Nur Homo sapiens steht erstmals vor einer solchen Herausforderung - und es ist zweifelhaft, ob er ihr auf lange Sicht gewachsen ist.

Streit um Bodenschätze

Kurzfristig wird der Mensch wieder nur auf den wirtschaftlichen Nutzen aus den polaren Veränderungen spekulieren. Die Seewege zwischen Eurasien und Amerika werden sich enorm verkürzen. Um die Erschließung der reichen Bodenschätze ist bereits Streit unter den nordischen Anrainerstaaten entbrannt. Die letzten Fischgründe werden erreichbar. Am anderen Ende der Welt unterdrückt der bis 2041 laufende Antarktisvertrag alle auffälligen Aktivitäten, doch hinter den Kulissen nimmt das Gerangel zu, um sich Gewinne aus den immens reichen Vorkommen von Erdöl, Erdgas und Kohle sowie Kupfer-, Titan-, Eisen-, Chrom- und Uranerzen zu sichern.

Andere jedoch verlieren schon jetzt. Die ersten Atolle versinken bereits. Sämtliche Küstenländer, allen voran Bangladesh, stehen bald vor kaum lösbaren Problemen. Welche Folgen die Veränderungen an den Polen mittel- und langfristig für die Menschheit haben werden, lässt sich nicht mit Gewissheit prognostizieren - zu vielschichtig und zu kompliziert sind die Verflechtungen und Wechselwirkungen der zahlreichen Faktoren.

Schleichende Prozesse

Sicher hingegen ist: Die kommenden Generationen werden die eisigen Welten an den Enden der Erde nicht mehr so vorfinden, wie wir sie - zumindest medial vermittelt - noch kennen. Dabei ist die Eisschmelze infolge der globalen Erwärmung nur eine, wenn auch gut begreifbare, Facette. Viele schleichende Prozesse wie die zunehmende Versauerung der Ozeane durch erhöhte CO2-Zufuhr oder die chemische und nukleare Verseuchung greifen in anderer Weise nachhaltig in die Ökologie der Polregionen ein.

Tatsache ist, dass dort lebende Tiere, obwohl sie fast nie gejagt wurden und nur wenige Menschen in dieser Region leben, sehr stark von Dingen beeinflusst werden, die ganz woanders auf der Erde stattfinden. Welchen Anteil wir Menschen am Klimawandel haben, darüber streiten die Experten seit Jahren. Dass jedoch unsere verschwenderische Lebensweise tief in die Natur von Arktis und Antarktis eingreift, steht außer Zweifel. So erscheint das Ende der Polarregionen als eisige Welten aus heutiger Sicht als unabwendbar.

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