Der letzte Akt der Schöpfung

Mittelmeer mit dramatischer Vergangenheit

Die Geburt des Atlantik hat Europas Westküste geformt. Am Südrand hingegen ist der Kontinent noch weit von dem entfernt, wie wir ihn kennen. Vor 60 Millionen Jahren existieren die Alpen noch nicht und die Umrisse des Mittelmeeres sehen völlig anders aus als heute.

Es fehlt ein letzter Schub - und der kommt von Süden, von Afrika. Seit Millionen Jahren driftet die afrikanische Platte nordwärts und schiebt sich unter den Südrand der europäischen Platte.

Kontinentale Kollision

Jeder Schub wölbt ein neues Faltengebirge auf. Die Pyrenäen, die Kaparten und die Alpen sind allesamt Knautschzonen dieser kontinentalen Kollision. Meeresboden wird dabei Tausende Meter in den Himmel gehoben. Ein Prozess, der bis heute anhält. Solange sich Afrika unter Europa schiebt, werden die Alpen wachsen.

Prägende Impulse

Italiens Vulkane erinnern ständig an die tektonischen Kräfte, die unter unseren Füßen wirken. Der Vesuv ist ein schlafender Riese. Vor 2.000 Jahren versinkt Pompeji hier in Schutt und Asche. Heute liegt die Millionenstadt Neapel am Fuß des Vulkans. Wer weiß, wann der nächste Ruck Afrikas, den Vesuv wieder zum Leben erweckt?


Nicht nur die südlichen Gebirge verdanken ihre Entstehung dem Druck der afrikanischen Platte, auch das Mittelmeer selbst. Es bildet den südlichen Abschluss des Kontinents. Seine prächtigen Küsten und sein tiefblaues Wasser machen es zu einem der vielen Naturwunder Europas. Von den Küsten und Inseln sind mit den Griechen und Römern prägende Impulse für die europäische Zivilisation ausgegangen.

Und doch hat das Meer eine dramatische Vergangenheit, wie kaum ein Gewässer dieser Welt. Der Schlüssel zu dieser Geschichte liegt bei den Felsen von Gibraltar. Afrika ist hier zum Greifen nah. Die Meerenge ist an ihrer schmalsten Stelle nur 14 Kilometer breit. Doch das war nicht immer so. Vor sechs Millionen Jahren rückt Afrika wieder ein Stück näher und drückt die Meerenge zu einem natürlichen Damm zusammen. Die Verbindung zum Atlantik ist damit blockiert. Unter der südlichen Sonne verdunsten rund 4000 Kubikkilometer Wasser jedes Jahr. Das Mittelmeer trocknet zusehends aus. Innerhalb weniger Jahrtausende verwandelt es sich in ein heißes Wüstenbecken mit schrumpfenden Salzseen.

Grand Canyon in Europa

Die großen Flüsse, die nach wie vor in dieses Becken strömen, schneiden immer tiefere Schluchten in die Küstenhänge. Das Rhône- und das Nildelta erinnern an den heutigen Grand Canyon. Ihre Mündungen donnern mit gewaltigen Wasserfällen ins Bodenlose. In der Hitze des Mittelmeerbeckens verdunsten diese Kaskaden lange bevor sie den Grund des Beckens erreichen. 10.000 Jahre hält der Damm von Gibraltar den Atlantik zurück. Die salzige Brühe am Grund des Mittelmeeres liegt jetzt fast 2.500 Meter unter dem Meeresspiegel.

Dann beginnt Afrika erneut zu beben. Die Landbrücke wird von den tektonischen Kräften nach und nach zermalmt. Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel weltweit an und lässt den Atlantik übermächtig werden. Was dann folgt, ist wohl die größte Flutkatastrophe der Weltgeschichte. Auf ihrem Höhepunkt stürzen die Wassermassen des Atlantik, tausendmal mächtiger als die Niagarafälle in das Becken. Mehr als hundert Kubikkilometer Wasser rauschen jeden Tag am Felsen von Gibraltar vorbei. Das ist - vorläufig - der letzte Akt in der Schöpfungsgeschichte des Kontinents. Europas Form, so wie wir sie kennen, ist vollendet.

Klimatische Veränderungen

Es dauert hundert Jahre, bis sich das Mittelmeer wieder gefüllt hat. Nach geologischen Befunden scheint sich das Spektakel sogar zehnmal wiederholt zu haben. Und nicht nur im Westen an der Meerenge von Gibraltar, sondern genauso im Osten an den Dardanellen und dem Bosporus. Für Äonen wurde die Geschichte Europas bestimmt von geologischen Gewalten. In jüngerer Zeit aber wirken ganz andere Kräfte auf das Land. Und ihre Einflüsse sollen nicht weniger wirksam sein. Vor zwei Millionen Jahren gerät das Klima Europas außer Kontrolle. Es wird zusehends kälter. Über den Kontinent ist die Eiszeit hereingebrochen.

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