Der Mythos lebt weiter

Johannes wird im Mittelalter zum Helden und kultisch verehrt

Der Mythos jedoch überdauert die Ereignisse. Auch im Parzival des Wolfram von Eschenbach lebt er weiter, dem Bestseller des 13. Jahrhunderts. Doch die Spuren führen auch in eine Kölner Kirche und zu den aufstrebenden Handelsmächten im ausgehenden Mittelalter.

Reliquienbüste Sankt Johannes Quelle: ZDF

Als Mitglied der Tafelrunde erlebt der edle Ritter Parzival exotische Abenteuer auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Bis heute analysieren Wissenschaftler das epochale Werk Wort für Wort. In der Handschrift wimmelt es nur so von Motiven aus dem Brief des Priesterkönigs. Die Gralsburg ähnelt der Schilderung vom Palast des Presbyters. Und den Herrscher der Residenz erhebt der Autor zum Nebenhelden. Als Neffe von Parzival übernimmt Johannes die herausragende Aufgabe des Gralshüters. In der Legende vom Wunderkelch verschmelzen zwei Sagen zu einem Super-Mythos - ein dichtes Geflecht aus Fakten und Fiktion.

Gebeine in der Kirche Sankt Ursula Quelle: ZDF

Geheimnisvoller Mitreisender

Die Kölner Kirche Sankt Ursula, unweit des Doms, ist eine romanische dreischiffige Basilika mit gotischem Chor. Seitlich der Vorhalle liegt die so genannte "Goldene Kammer" mit einzigartiger Dekoration und kostbaren Reliquienbüsten. Die Gebeine von unzähligen Heiligen sind auf den Wänden zu plastischen Reliefs geformt. Der Raum erinnert an die Königstochter Ursula. Auf einer Wallfahrt nach Rom wurden sie und ihre Begleiterinnen von den Hunnen getötet.

Zum Gefolge der frommen Ursula gehörten auch hohe Würdenträger. Darunter angeblich ein einflussreicher König, von dem die Forschung nicht einmal weiß, ob er je gelebt hat. Hoch oben unter dem Gewölbe steht die Reliquienbüste des geheimnisvollen Mitreisenden. Für die Öffentlichkeit ist sie unzugänglich. Gemäß der mittelalterlichen Vorstellung formte der Künstler das Gesicht des Mannes als Idealportrait. Offenbar sollte er einen vornehmen Regent darstellen mit goldgelockten Haaren, ebenmäßigen Zügen und einem gütigen Lächeln. Entstanden ist das Kunstwerk im 15. Jahrhundert, rund tausend Jahre nach dem Tod der heiligen Ursula.

Eigene Wirklichkeit

Aber erst die Inschrift treibt das Verwirrspiel auf die Spitze. "Sanctus Ioannes Presbyter ex sodalitate Sanctae Ursulae" Übersetzt bedeutet das: "Sankt Johannes Presbyter aus der Gefolgschaft von Sankt Ursula." Weshalb wurde Johannes nicht mehr nur als Priesterkönig, sondern sogar als Heiliger bezeichnet - obwohl die christliche Welt zwei Jahrhunderte zuvor vergeblich auf seine Hilfe gewartet hatte? Die einzige Erklärung ist, dass die Illusion, der Herrscher habe gelebt, eine eigene Wirklichkeit schuf und ihn in den Stand der Verherrlichten erhob.

Reliquienbüste mit Inhalt Quelle: ZDF

Im Kopf der Büste soll eigentlich der Schädel des Dargestellten ruhen. Aber wie so oft bei Reliquien, stimmen Inhalt und Behältnis nicht überein. Wer immer der Tote war, es war nicht der Presbyter. Das Objekt zeugt aber vom ewig währenden Zauber des Johannes, der die Kirche über so lange Zeit gefangen gehalten hat.

Johannes als Geschäftspartner

Eine andere Fährte führt zu den aufstrebenden Handelsmächten Spanien, Portugal und Italien. Sie wollten den Potentaten nicht als Waffenbruder, sondern als Geschäftspartner gewinnen. 1291 machten sich die Brüder Ugolino und Vadino Vivaldi aus Genua auf, um den Seeweg nach Indien zu entdecken. Insgeheim beabsichtigten sie aber auch, als Erste die Heimat des Johannes zu finden. Die beiden Abenteurer setzten alles auf eine Karte. Quellen zufolge gelang es den Genuesen tatsächlich, das Kap der Guten Hoffnung zu umschiffen.

Die Brüder Vivaldi Quelle: ZDF

Nach Monaten auf See zog plötzlich ein orkanartiger Sturm auf. Das Schiff geriet außer Kontrolle und ließ sich nicht mehr steuern. In den unbekannten Küstengewässern scheiterten die Männer und liefen auf ein Riff. Das war das Ende ihrer Expedition. Wie durch ein Wunder überlebten die Brüder. Vor Ostafrika konnten sie sich ans Ufer retten. Ihre Geschichte erzählte gut fünfzig Jahre später ein Franziskanermönch aus Spanien. Er berichtete, dass zwei schiffbrüchige Genuesen am Hof des Priesterkönigs Johannes um Hilfe baten. Und zwar in Äthiopien.

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