"Der nächste Ausbruch wird sehr gewaltig sein"

Interview mit dem Anthropologen und Vulkanforscher Dr. Petrone

Bis heute ist der Vesuv einer der gefährlichsten Vulkane der Welt. Der letzte Ausbruch ereignete sich 1944 - die aufsteigenden Gase sind jedoch ein Zeichen für die andauernde Aktivität des Vulkans. Rund um den todbringenden Vulkan leben heute rund drei Millionen Menschen.

Krater des Vesuv Quelle: ZDF

Je länger der Feuerberg ruhig bleibt, desto größer ist die Gefahr einer gewaltigen Eruption - ähnlich der von 79 nach Christus.


ZDF: Sie erforschen zusammen mit Ihrem Kollegen Giuseppe Mastrolorenzo seit Jahren die Aktivitäten des Vesuv. Was können Sie über das Risiko eines drohenden Ausbruchs sagen?


Pier Paolo Petrone: Wir haben bio-geo-archäologische Forschungen durchgeführt und untersucht, welchen Effekt die großen Vesuv-Ausbrüche der Geschichte auf die Gegend um Neapel und die Einwohner hatten. Wir können daher das Risiko sehr gut einschätzen. Drei Millionen Menschen sind in der Vesuvregion von einem gewaltigen Vulkanausbruch bedroht.


ZDF: Wie muss man sich den drohenden Ausbruch vorstellen und aus welchen Forschungsergebnissen schließen Sie diese Erkenntnis?


Petrone: Vieles spricht dafür, dass der nächste Vesuvausbruch - und der könnte jederzeit erfolgen - sehr gewaltig und für die Region katastrophal sein wird. Als im Jahr 79 ganz Pompeji, Herculaneum und der größte Teil der Vesuvregion durch die Eruption verschüttet wurden, sind tausende Menschen gestorben. Im Bronzezeitalter - genauer vor circa 3780 Jahren, ist der Vesuv mit einer unvergleichbar stärkeren Kraft ausgebrochen: unsere Analysen und Computer-Simulationen zeigen, dass damals durch die so genannte Avellino-Eruption im Umkreis von 10 Kilometer alles Leben ausgelöscht wurde. Es hat mindestens zweihundert Jahre gedauert, bis der Boden in der Region wieder fruchtbar war und sich wieder Menschen ansiedeln konnten.

Pier Paolo Petrone untersucht Knochenfunde Quelle: ZDF

Im Dorf Nola haben wir einen sensationellen Fund gemacht: Unter Asche- und Lapillischichten sind fast viertausend Jahre alte Spuren erhalten geblieben: Überreste von Tieren und auch die Fußspuren tausender Menschen, die vor der Lava und dem Gestein in Richtung Nord-West flohen. Diese Spuren zeigen uns, dass sich diejenigen, die die Region rechtzeitig verließen, retten konnten.


ZDF: Was bedeutet das für die Region Neapel? Wäre eine Evakuierung möglich?


Petrone: Unsere interdisziplinaren Forschungen zeigen deutlich das mögliche Ausmaß der Zerstörungskraft eines Vesuv-Ausbruchs. Der aktuelle Notfallplan unterschätzt die Gefahr: er beinhaltet Evakuierungspläne für nur 600.000 Menschen und ist erstellt für einen Ausbruch, der schwächer wäre als die plinianische Eruption, die im Jahr 79 Pompeji zerstörte. Wenn der Vulkan aber wieder ausbricht, wird die Explosion wahrscheinlich so gewaltig sein wie beim Ausbruch von Avellino vor 3780 Jahren. Drei Millionen Menschen leben im gefährdeten Gebiet! Es müssten also neue Evakuierungspläne erarbeitet werden, die für alle Einwohner dieser Region gelten.

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