Der Neandertaler als der "andere Mensch"

Interview mit Autorin Ruth Omphalius

Die ZDF-Redakteurin arbeitet seit 1997 für die Redaktion Kultur und Wissenschaft. Im Interview erzählt sie von der Idee und Realisierung des Films, der Entwicklung einer Neandertaler-Sprache und von der Wichtigkeit der Präsenz weiblicher und junger Clan-Mitglieder.


ZDFonline: Wann hatten Sie die Idee zu dem "Neandertaler"- Film ?

Forschung in eigenen Bildern


Ruth Omphalius: Der Neandertaler beschäftigt mich schon seit fast einem Jahrzehnt. Ich habe eine ganze Reihe von Filmen zum Thema "Evolution des Menschen" betreut, darunter auch einen Zweiteiler über den Neandertaler. Der "andere Mensch" hat mich immer interessiert und nachdem ich mehrere Umsetzungen des Themas gesehen hatte, wollte ich schon den Versuch wagen, die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler in eigenen Bildern zu zeigen. Der auslösende Faktor war dann natürlich das Neandertaler-Jubiläum.


ZDFonline: Was war bei der Realisierung des Films besonders zu beachten?


Omphalius: Wir mussten nicht nur jedes Detail über den Neandertaler recherchieren, sondern auch über seine Umwelt, das Klima, die Pflanzen und die Tiere. Zum Beispiel hätte ich gern die kleine Schwester der Zentralfigur, die ein bisschen als "freche Göre" angelegt ist, in roten Fuchs gewandet. Das war aber leider nicht möglich, denn zur Zeit "unseres" Neandertalers vor 42.000 Jahren, gab es nur Polarfüchse. Die Tierwelt hatten wir relativ schnell im Griff, aber die Pflanzen, besonders die Bäume machten uns Probleme. Man kann ja schlecht in einem Naturschutzgebiet drehen und dann Bäume, die es damals nicht gab, absägen wollen.

Dynamischer Prozess

Teilweise haben wir dann totale Einstellungen auf einem Militärgelände gedreht, auf dem entsprechend der Ansage Birken wuchsen, aber keine Eichen oder Buchen. Die Zusammenarbeit war ein sehr dynamischer Prozess. Ich dachte mir aufgrund ausführlicher Vorgespräche mit Ralf W. Schmitz Geschichten aus, die der Mann aus dem Neandertal erlebt haben könnte, aber eigentlich ergaben sich dann bis zum Dreh immer wieder neue Detailfragen, zum Beispiel, ob bestimmte Pflanzen, wenn schon nicht in der Mammutsteppe, dann doch wenigstens an einem geschützt liegenden Flusslauf denkbar sind oder ähnliches.


ZDFonline: Wie konnten sich die Schauspieler in die Vorgeschichte versetzen?


Omphalius: Als wir die Schauspieler beim Casting baten, eine Szene aus dem Neandertaler-Alltag zu spielen, gab es eigentlich nur drei mögliche Interpretationen: Einige spielten Schimpansen, andere einen Geistesgestörten und wieder andere schließlich Quasimodo, den Glöckner von Notre Dame. Ich habe mir dann Hilfe bei einer Expertin geholt. Die Choreografin Ailsa Berk trainierte "unseren Clan" kurz vor Drehbeginn in einem speziellen Workshop und begleitete die Gruppe bis zum Ende der Dreharbeiten.

Richtiges Gehen und Stehen



Sie hatte bereits den Neandertalern des Spielfilms "Am Anfang war das Feuer" von Jean Jacques Annaud das richtige Gehen und Stehen beigebracht und schaffte es, dass nicht nur jeder einzelne Darsteller in seine individuelle Rolle schlüpfte, sondern sich auch als Teil seiner Gruppe fühlte. Eine siebenjährige Darstellerin fragte am Set, als einige Extras für eine bestimmte Szene hinzukamen: "Gehören die Leute zu unserem Stamm oder zu einem anderen?"


ZDFonline: Gab es einen Star unter den Darstellern?


Omphalius: Natürlich ist der Part des Aka eine ganz besondere Rolle. Schließlich soll diese Figur ja mit dem Mann aus dem Neandertal identifiziert werden und der Schauspieler hat diese Gestalt mit seinem Spiel wirklich mit Leben erfüllt. Aber jeder einzelne Darsteller legte so viel Ausdruck und Können in seine Rolle, dass man wirklich sagen muss: Alle waren Stars! Ganz gleich, ob die Schauspieler schon auf jahrelange Bühnenerfahrung oder Filmerfolge zurückblicken konnten oder gerade ihre ersten Erfahrungen sammelten: Das Erlebnis, ein Neandertaler zu sein, war für alle völlig neu und diese Verwandlung schweißte die Gruppe wirklich zusammen.


ZDFonline: Wie konnten die Schauspieler glaubwürdig spielen, wenn wir so wenig über diese ferne Vergangenheit wissen?

Fehlende Muskelmasse


Omphalius: Es gibt bestimmte Dinge, die wir wissen. Zum Beispiel waren Neandertaler kräftiger gebaut als wir. Das hat Folgen für die Art und Weise, wie sie sich bewegt haben. Die Darsteller mussten beispielsweise deutlich breitbeiniger gehen, weil sie die Muskelmasse, die ihnen fehlt, durch die Art ihrer Bewegung wettmachen mussten. Anderes wissen wir nicht und sehr wahrscheinlich werden wir es auch nie erfahren. Hat ein Neandertaler gelacht, wenn er sich freute oder etwas komisch fand? Hat er Tränen vergossen, wenn er traurig war?

Diese Informationen können uns weder die Knochen noch die Steingeräte geben. "Glaubwürdig spielen" kann ja in diesem Fall gar nicht heißen, die "Wirklichkeit abbilden". Es bedeutet vielmehr, dass der Schauspieler innerhalb der Grenzen, die die Wissenschaft vorgibt, sinnvoll mit den anderen interagiert und plausibel auf die Umwelt reagiert. Außerdem ist es recht wahrscheinlich, dass der Neandertaler mit seinem großen Hirn und seiner vergleichsweise fortgeschrittenen Kultur uns in vielen Bereichen gar nicht so unähnlich war. Eine "menschliche" Interpretation der Neandertalerrolle kommt der Wahrheit mit Sicherheit näher, als der Versuch, Vorbilder für das Neandertalerverhalten bei heute lebenden Menschenaffen zu suchen.


ZDFonline: In dem Dokudrama sprechen die Neandertaler eine Sprache, die eigens für die Produktion entwickelt wurde. Wie kam es dazu?

Einfache Wortsprache


Omphalius:Es gibt in der Wissenschaft ganz unterschiedliche Ansätze zu diesem Thema. Während einige Forscher dem Neandertaler die Sprachfähigkeit ganz absprechen, traut ihm mittlerweile die Mehrheit eine einfache Wortsprache zu, die wahrscheinlich mit Gesten unterstützt worden ist. Allerdings halten ihn nur wenige für so begabt wie unsere eigenen Vorfahren. Die Beweislage ist unsicher, trotzdem glaube ich persönlich, dass der Neandertaler eine Sprache gehabt haben muss, um bestimmte Herausforderungen seines Lebens wie zum Beispiel das Jagen in der Gruppe meistern zu können. Diese Sprache ist natürlich verloren und kann nicht rekonstruiert werden.

Jean-Jacques Annaud ließ für seinen Spielfilm "Am Anfang war das Feuer" eine Neandertalersprache schreiben, die auf der Theorie der "Ursprache" basierte. So genannte "Urwörter", also solche Wörter, die in allen Sprachen gleich oder ähnlich lauten, wurden zusammengefügt, um so eine Sprache zu erhalten, die möglichst viele archaische Elemente in sich trug. Dazu muss man sagen, dass alle Wörter dieser Sprache, so archaisch sie auch sein mögen, Sapiens-Wörter sind, also Worte unserer eigenen Art. Ich glaube nicht, dass man sich auf diesem Weg tatsächlich dem annähert, was der Neandertaler gesprochen haben könnte. Außerdem war die so genannte "Ursprache" ja eine Kunstsprache, die in dieser Form nie gesprochen wurde. Ich bin also einen anderen Weg gegangen und habe eine einfache Zweiwortsprache entwickelt, die sich lose an das Inuktut, die Sprache der Inuit anlehnt.

Zeigen, dass sie gesprochen haben

Diese Wahl traf ich in der Hoffnung, dass eine bestimmte Art Lebensraum sowohl Sapiens als auch Neandertaler in ähnliche Situationen brachte und vor ähnliche Probleme stellte. Vielleicht lösten diese Erfahrungen ähnliche Emotionen aus, die wiederum zu ähnlichen Lautäußerungen geführt hatten. Ob unsere Neandertalersprache auch nur im Entferntesten etwas mit dem zu tun hat, was die Neandertaler tatsächlich sprachen, ist nicht die Frage. Näher werden wir ihrer Form sich auszudrücken nie kommen, denn alle Sprecher sind lange tot. Immerhin zeigen wir, dass sie gesprochen haben, und das ist ehrlicher, als sie völlig stumm zu lassen.


ZDFonline: Sie haben die Neandertalerszenen ausschließlich im Freien gefilmt. Hätte nicht ein Teil des Drehs ins Studio verlagert werden können?


Omphalius: Ich glaube, dass ein Dokudrama soviel Wirklichkeit wie möglich beinhalten sollte - man muss für diese Art der Produktion einfach in der Natur sein. Die Schauspieler reagieren auf ihre Umwelt. Wenn man mit dem Bein gegen eine Brennessel kommt, kommt es automatisch zu einer Lautäußerung, herumfliegende Mücken verscheucht man ohne Drehbuchanleitung. Das alles kann ein Studio nicht bieten.


ZDFonline: Sie haben auch sonst auf Realismus gesetzt und sowohl ältere als auch jüngere Darsteller eingesetzt. Warum?

Soziales Interagieren ist wichtig im Film


Omphalius: In allen früheren filmischen Umsetzungen haben sich die Regisseure und Autoren für die kleinstmögliche Größe eines Stammes entschieden. In fast allen Fällen laufen sechs bis acht meist männliche Neandertaler über die Steppe. Ein Familienleben, soziales Interagieren wird kaum thematisiert. Mir war es wichtig, den Neandertaler als den "anderen Menschen" darzustellen, individuell und in einem sozialen Kontext. Deshalb sind mir gerade die Szenen, in denen es um das Miteinander geht, die wichtigsten.


ZDFonline: Wer war der Neandertaler?


Omphalius: Vor allem anderen war er ein Mensch! Zwar gehört er genetisch nicht zu unserer Spezies, das heißt aber nicht, dass ihm das, was uns zu Menschen macht, fehlte. Ganz im Gegenteil! Wir müssen einfach am Anfang dieses neuen Jahrtausends begreifen, dass wir nicht ganz so einmalig sind, wie wir immer dachten.

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