Der neue Star der Ägyptologie

Anmerkungen zu Giovanni Belzoni, Teil 2

Zunächst geht auch Belzoni unbeeindruckt dem schauerlichen Handwerk vieler skrupelloser Händler und Amateur-Archäologen nach. Aber allmählich erwachen in ihm Ehrfurcht vor der Leistung der Alten Ägypter und das Bewusstsein eines Forschers.

Er stellt Vermutungen an über Entstehung, Zweck oder Alter von Kunstwerken und Bauten, die er später in einem ausführlichen Bericht veröffentlicht. In vielem irrt er sich, jedoch waren weder Archäologie noch Ägyptologie in seiner Zeit als Wissenschaft etabliert.

Technisches Know-How

Zwischen Juni 1815 und September 1819 reist der Unermüdliche mehrfach die 900 Kilometer von Kairo bis Assuan. Er dirigiert Grabungskolonnen, unternimmt Exkursionen zum Roten Meer und zu Oasen der Westlichen Wüste. Belzoni lokalisiert den Eingang zur Chephren-Pyramide und arbeitet sich bis zur Sargkammer vor. Insgesamt findet er sechs Königsgräber und sammelt alles, was ihm unter den Spaten kommt - vom Skarabäus bis zur Monumentalbüste. Sein geschultes Auge und sein technisches Know-How helfen ihm, sogar einen Obelisken aus dem Nil zu fischen und nach London zu verschiffen.


Gegen Dauerstrapazen, bürokratische Hindernisse und arbeitsunwillige Fellachen setzt der Tausendsassa seine natürlichen Fähigkeiten ein: Zähigkeit, Erfindungsgabe, List und manchmal auch nur blanke Muskelkraft. Er schafft es, eine Mischung aus Sturheit und Schmeichelei, vorgespielter Unschuld und autoritärem Auftreten zu kultivieren und sich so wenigstens zeitweise durch den Dschungel der Intrigen und Fallen zu manövrieren.

Eisernes Durchhaltevermögen

Er übersteht Schlägereien, Meutereien, offene Drohungen und sogar einen Mordanschlag. Belzoni bewährt sich mit eisernem Durchhaltevermögen. In seiner Frau Sarah und dem Diener James hat der Abenteurer zwei treue Gefährten, die das unbequeme Leben ohne Murren ertragen und ihn vorbehaltlos unterstützen.


Nur finanziell lässt sich der sonst mit allen Wassern gewaschene Hüne ständig übers Ohr hauen. Salt betrügt ihn mehrfach um versprochene Honorare. Verbittert steht Belzoni am Ende so gut wie mittellos da. Dennoch nimmt er schweren Herzens Abschied von Ägypten: "Ich muss sagen, dass mich meine Abreise aus Theben sehr bewegte - ich hegte für diesen Ort Gefühle, wie ich sie sonst nirgendwo auf der Welt empfunden habe."

Star der Gesellschaft

Als der Forscher 1820 nach London zurückkehrt, feiert ihn das englische Publikum als neuen Helden. Zeitungsartikel haben die Kunde von seinen "kühnen Machenschaften" im Land am Nil verbreitet. Das Erscheinen der zweibändigen Erstausgabe des Ägypten-Berichtes mit 24 farbigen Stichen und die Eröffnung einer großen Ausstellung machen den attraktiven Italiener endgültig zum Star der Gesellschaft. Belzoni hat ein 15 Meter langes Modell des Sethos-Grabes und Gipsabdrücke von den Wänden zweier Kammern in Originalgröße anfertigen lassen.



In den Räumen der "Egyptian Hall" am Picadilly Circus können die Besucher 200 Exponate bestaunen: Götterstatuen, Papyrusrollen, Schmuck und Mumien. Fast ein ganzes Jahr bleibt die erfolgreiche Schau geöffnet. 1822 bricht der ruhelose Belzoni zu einer Afrika-Expedition auf. Sarah begleitet ihn bis Marokko, ihr Mann schlägt sich weiter nach Benin durch. Doch dort infiziert er sich mit Ruhr und stirbt am 3. Dezember 1823 im Alter von nur 45 Jahren.

Howard Carters Lob

Nicht zuletzt haben Belzonis Entdeckungen und seine zahllosen Kopien von Inschriften zur Entzifferung der Hieroglyphen beigetragen. Lange wurden die beachtlichen Leistungen des ehemaligen Akrobaten als Ingenieurtricks abgetan. Wenigstens einige Archäologen rückten jedoch die abschätzige Meinung über den Sonderling zurecht. Howard Carter jedenfalls würdigte Giovanni Belzoni als einen "der bemerkenswertesten Männer in der gesamten Geschichte der Ägyptologie" und den Bericht über seine Unternehmungen als "eines der faszinierendsten Bücher der gesamten ägyptischen Literatur".

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