Der Pariser Universitätsstreik

Schwierige Zeiten fördern die Kreativität des Studenten Villon

Das Quartier Latin ist das Vergnügungsviertel der Stadt. In zahllosen Kneipen sind Studenten zuhause, ebenso Arbeiter, Reisende, Pilger, Geistliche. Hier gibt es zu essen, billigen Wein und Glücksspiel. Die Bürger beklagen sich über das Treiben der Studenten, wie in Polizeiberichten überliefert ist.

Verlassener Vorlesungsraum

Viele meiden nachts das Viertel und fordern mehr Polizeikontrollen. Neben kleineren Delikten wie der Diebstahl von Weinfässern, belegen Gerichtsprotokolle, dass auch Raufereien, Vergewaltigung und Messerstecherei an der Tagesordnung sind. Die Polizei ist machtlos, denn die Studenten unterstehen der kirchlichen Gerichtsbarkeit.

Kraftprobe zwischen Kirche und Stadt

Nachtwächter in Paris

Als die Polizei im Jahr 1453 Studenten einkerkern lässt und dabei einer sogar getötet wird, kommt es zum Eklat. Eine Kraftprobe zwischen Kirche und Stadt ist die Folge. Die Universität stellt die Vorlesungen ein: kein Unterricht mehr, keine Prüfungen. 5000 Studenten auf der Straße - alle mit einer ungewissen Zukunft. Der Streik dauert ein ganzes Jahr. Außerdem treten alle Priester von Paris in Streik. In keiner Kirche werden mehr Messen gelesen. Die Angst der Stadtbewohner, das eigene Seelenheil in diesem Streit zu riskieren, zwingt die Bürgerschaft schließlich in die Knie. Die Kirche bekommt die Studenten frei.

Wie sehr das Leben des Einzelnen auf den Glauben ausgerichtet sein konnte, zeigt der ganz erstaunliche und einzigartige Befund eines Skelettes. Die Knochen gehörten einem älteren Mann und zeigen seltsame Veränderungen, die nicht auf Krankheit oder Mangelernährung zurück zu führen sind. Der Mann war sogar in einem guten körperlichen Zustand wie die Wissenschaftler aus den Langknochen schließen, doch ausgerechnet die Zehenknochen weisen seltsame Abnutzungen auf. Der Anthropologe Mark Guillon sieht in der außergewöhnlichen Frömmigkeit des Mannes die Ursache für diese Veränderung.

Alle Trümpfe in der Hand

Der Glaube spielt eine bedeutende Rolle im Leben der Menschen. Ohne die heiligen Messen fehlt der religiöse Halt, der den Parisern hilft, ihren harten Alltag durchzustehen. Gerade in den schweren Zeiten der Kleinen Eiszeit hat die Kirche damit alle Trümpfe in der Hand. Keine weltliche Einrichtung, weder der Präfekt von Paris noch der König, kann ohne die Unterstützung der Kirche regieren.

Spielszene Villon singt

Für die Studenten bedeutet der Universitäts- und Kirchenstreik in erster Linie, dass sie ihr Studium nicht fortsetzen können. Für Francois Villon ist dies eine besonders schwierige Situation: Er kann nicht auf die Zuwendung wohlhabender Eltern zurückgreifen. Villon entdeckt die Poesie für sich. Sein Ziel: Er will der größte Dichter von ganz Paris werden. Villon besingt mit seinen Balladen und Liedern den Alltag der einfachen Menschen. Er nimmt sich der großen Themen an: Armut, Hunger, Liebe und Tod. Und er erzählt von seiner eigenen Herkunft.

Revolutionäre Dichtkunst

Mit Versen wie diesen revolutioniert er die Dichtkunst. Anders als die Troubadoure mit ihrer höfischen Dichtung nimmt er sich der alltäglichen Begebenheiten an. Heute zählt Francois Villon zu den bedeutendsten Dichtern Frankreichs. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt und werden von Menschen auf der ganzen Welt mit Begeisterung gelesen. Ein Erfolg, der ihm zu Lebzeiten nicht beschieden war.

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